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| | Theodor MommsenRoemische Geschichte - 1. Buch | Seite 2 von 8 1 2 3 4 5 6 7 8 | | Diese Tafel ist vollstaendig fuer die unbeweglichen oeffentlichen Feste; und wenn auch neben diesen stehenden Festtagen sicher seit aeltester Zeit Wandel- und Gelegenheitsfeste vorgekommen sind, so oeffnet doch diese Urkunde, in dem, was sie sagt, wie in dem, was sie auslaesst, uns den Einblick in eine sonst fuer uns beinahe gaenzlich verschollene Urzeit. Zwar die Vereinigung der altroemischen Gemeinde und der Huegelroemer war bereits erfolgt, als diese Festtafel entstand, da wir in ihr neben dem Mars den Quirinus finden; aber noch stand der kapitolinische Tempel nicht, als sie aufgesetzt ward, denn es fehlen Juno und Minerva; noch war das Dianaheiligtum auf dem Aventin nicht errichtet; noch war den Griechen kein Kultbegriff entlehnt. Der Mittelpunkt nicht bloss des roemischen, sondern ueberhaupt des italischen Gottesdienstes in derjenigen Epoche, wo der Stamm noch sich selber ueberlassen auf der Halbinsel hauste, war allen Spuren zufolge der Gott Maurs oder Mars, der toetende Gott ^2, vorwiegend gedacht als der speerschwingende, die Herde schirmende, den Feind niederwerfende goettliche Vorfechter der Buergerschaft - natuerlich in der Art, dass eine jede Gemeinde ihren eigenen Mars besass und ihn fuer den staerksten und heiligsten unter allen achtete, demnach auch jeder zu neuer Gemeindebegruendung auswandernde heilige Lenz unter dem Schutz seines eigenen Mars zog. Dem Mars ist sowohl in der - sonst goetterlosen - roemischen Monatstafel wie auch wahrscheinlich in den saemtlichen uebrigen latinischen und sabellischen der erste Monat geheiligt; unter den roemischen Eigennamen, die sonst ebenfalls keiner Goetter gedenken, erscheinen Marcus, Mamercus, Mamurius seit uralter Zeit in vorwiegendem Gebrauch; an den Mars und seinen heiligen Specht knuepft sich die aelteste italische Weissagung; der Wolf, das heilige Tier des Mars, ist auch das Wahrzeichen der roemischen Buergerschaft, und was von heiligen Stammsagen die roemische Phantasie aufzubringen vermocht hat, geht ausschliesslich zurueck auf den Gott Mars und seinen Doppelgaenger, den Quirinus. In dem .Festverzeichnis nimmt allerdings der Vater Diovis, eine reinere und mehr buergerliche als kriegerische Widerspiegelung des Wesens der roemischen Gemeinde, einen groesseren Raum ein als der Mars, ebenso wie der Priester des Jupiter an Rang den beiden Priestern des Kriegsgottes vorgeht; aber eine sehr hervorragende Rolle spielt doch auch der letztere in demselben, und es ist sogar ganz glaublich, dass, als diese Festordnung festgestellt wurde, Jovis neben Mars stand wie Ahuramazda neben Mithra und dass der wahrhafte Mittelpunkt der Gottesverehrung in der streitbaren roemischen Gemeinde auch damals noch der kriegerische Todesgott und dessen Maerzfest war, wogegen gleichzeitig nicht der durch die Griechen spaeter eingefuehrte "Sorgenbrecher", sondern der Vater Jovis selbst als der Gott galt des herzerfreuenden Weines.
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^2 Aus Maurs, was die aelteste ueberlieferte Form ist, entwickeln sich durch verschiedene Behandlung des u Mars, Mavors, mors; der Uebergang in o (aehnlich wie Paula, Pola und dergleichen mehr) erscheint auch in der Doppelform Mar-Mor (vgl. Ma-murius) neben Mar-Mar und Ma-Mers. | | |
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