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  Theodor Mommsen
  Roemische Geschichte - 1. Buch
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Theodor Mommsen

Roemische Geschichte - 1. Buch


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Hand in Hand mit dieser Geringhaltigkeit der idealen Elemente ging die praktische und utilitarische Tendenz der roemischen Religion, wie sie in der oben eroerterten Festtafel deutlich genug sich darlegt. Vermoegensmehrung und Guetersegen durch Feldbau und Herdengewinn, durch Schiffahrt und Handel - das ist es, was der Roemer von seinen Goettern begehrt; es stimmt dazu recht wohl, dass der Gott des Worthaltens (deus fidius), die Zufalls- und Gluecksgoettin (fors fortuna) und der Handelsgott (mercurius), alle aus dem taeglichen Verkehr hervorgegangen, zwar noch nicht in jener uralten Festtafel, aber doch schon sehr frueh weit und breit von den Roemern verehrt auftreten. Strenge Wirtschaftlichkeit und kaufmaennische Spekulation waren zu tief im roemischen Wesen begruendet, um nicht auch dessen goettliches Abbild bis in den innersten Kern zu durchdringen.

Von der Geisterwelt ist wenig zu sagen. Die abgeschiedenen Seelen der sterblichen Menschen, die "Guten" (manes) lebten schattenhaft weiter, gebannt an den Ort, wo der Koerper ruhte (dii inferi), und nahmen von den Ueberlebenden Speise und Trank. Allein sie hausten in den Raeumen der Tiefe und keine Bruecke fuehrte aus der unteren Welt weder zu den auf der Erde waltenden Menschen noch empor zu den oberen Goettern. Der griechische Heroenkult ist den Roemern voellig fremd und wie jung und schlecht die Gruendungssage von Rom erfunden ist, zeigt schon die ganz unroemische Verwandlung des Koenigs Romulus in den Gott Quirinus. Numa, der aelteste und ehrwuerdigste Name in der roemischen Sage, ist in Rom nie als Gott verehrt worden wie Theseus in Athen.

Die aeltesten Gemeindepriestertuemer beziehen sich auf den Mars: vor allem auf Lebenszeit ernannte Priester des Gemeindegottes, der "Zuender des Mars" (flamen Martialis), wie er vom Darbringen der Brandopfer benannt ward, und die zwoelf "Springer" (salii), eine Schar junger Leute, die im Maerz den Waffentanz zu Ehren des Mars auffuehrten und dazu sangen. Dass die Verschmelzung der Huegelgemeinde mit der palatinischen die Verdoppelung des roemischen Mars und damit die Einfuehrung eines zweiten Marspriesters - des flamen Quirinalis - und einer zweiten Taenzergilde - der salii collini - herbeifuehrte, ist bereits frueher auseinandergesetzt worden.

Hierzu kamen andere oeffentliche, zum Teil wohl ihrem Ursprung nach weit ueber Roms Entstehung hinaufreichende Verehrungen, fuer welche entweder Einzelpriester angestellt waren -solche gab es zum Beispiel der Carmentis, des Volcanus, des Hafen- und des Flussgottes - oder deren Begehung einzelnen Genossenschaften oder Geschlechtern im Namen des Volkes uebertragen war. Eine derartige Genossenschaft war vermutlich die der zwoelf "Ackerbrueder" (fratres arvales), welche die "schaffende Goettin" (dea dia) im Mai anriefen fuer das Gedeihen der Saaten; obwohl es sehr zweifelhaft ist, ob dieselbe bereits in dieser Epoche dasjenige besondere Ansehen genoss, welches wir ihr in der Kaiserzeit beigelegt finden. Ihnen schloss die titische Bruederschaft sich an, die den Sonderkult der roemischen Sabiner zu bewahren und zu besorgen hatte, sowie die fuer die Herde der dreissig Kurien eingesetzten dreissig Kurienzuender (flamines curiales). Das schon erwaehnte "Wolfsfest" (lupercalia) wurde fuer die Beschirmung der Herden dem "guenstigen Gotte" (faunus) von dem Quinctiergeschlecht und den nach dem Zutritt der Huegelroemer ihnen zugegebenen Fabiern im Monat Februar gefeiert - ein rechtes Hirtenkarneval, bei dem die "Woelfe" (luperci) nackt mit dem Bocksfell umguertet herumsprangen und wen sie trafen mit Riemen klatschten. Ebenso mag noch bei andern gentilizischen Kulten zugleich die Gemeinde gedacht sein als mitvertreten.

Zu diesem aeltesten Gottesdienst der roemischen Gemeinde traten allmaehlich neue Verehrungen hinzu. Die wichtigste darunter ist diejenige, welche auf die neu geeinigte und durch den grossen Mauer- und Burgbau gleichsam zum zweitenmal gegruendete Stadt sich bezieht: in ihr tritt der hoechste beste Jovis vom Burghuegel, das ist der Genius des roemischen Volkes, an die Spitze der gesamten roemischen Goetterschaft, und sein fortan bestellter Zuender, der Flamen Dialis, bildet mit den beiden Marspriestern die heilige oberpriesterliche Dreiheit. Gleichzeitig beginnt der Kultus des neuen einigen Stadtherdes - der Vesta - und der dazu gehoerige der Gemeindepenaten. Sechs keusche Jungfrauen versahen, gleichsam als die Haustoechter des roemischen Volkes, jenen frommen Dienst und hatten das heilsame Feuer des Gemeindeherdes den Buergern zum Beispiel und zum Wahrzeichen stets lodernd zu unterhalten. Es war dieser haeuslich-oeffentliche Gottesdienst der heiligste aller roemischen, wie er denn auch von allem Heidentum am spaetesten in Rom der christlichen Verfemung gewichen ist. Ferner wurde der Aventin der Diana angewiesen als der Repraesentantin der latinischen Eidgenossenschaft, aber eben darum eine besondere roemische Priesterschaft fuer sie nicht bestellt; und zahlreichen anderen Goetterbegriffen gewoehnte allmaehlich die Gemeinde sich in bestimmter Weise durch allgemeine Feier oder durch besonders zu ihrem Dienst bestimmte stellvertretende Priesterschaften zu huldigen, wobei sie einzelnen - zum Beispiel der Blumen (Flora) und der Obstgoettin (Pomona) - auch wohl einen eigenen Zuender bestellte, sodass deren zuletzt fuenfzehn gezaehlt wurden. Aber sorgfaeltig unterschied man unter ihnen jene drei "grossen Zuender" (flamines maiores), die bis in die spaeteste Zeit nur aus den Altbuergern genommen werden konnten, ebenso wie die alten Genossenschaften der palatinischen und quirinalischen Salier stets den Vorrang vor allen uebrigen Priesterkollegien behaupteten. Also wurden die notwendigen und stehenden Leistungen an die Goetter der Gemeinde bestimmten Genossenschaften oder staendigen Dienern vom Staat ein fuer allemal uebertragen und zur Deckung der vermutlich nicht unbetraechtlichen Opferkosten teils den einzelnen Tempeln gewisse Laendereien, teils die Bussen angewiesen.

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