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| | Theodor MommsenRoemische Geschichte - 1. Buch | Seite 1 von 6 1 2 3 4 5 6 | | Mass und Schrift | Die Kunst des Messens unterwirft dem Menschen die Welt; durch die Kunst des Schreibens hoert seine Erkenntnis auf, so vergaenglich zu sein, wie er selbst ist; sie beide geben dem Menschen, was die Natur ihm versagte, Allmacht und Ewigkeit. Es ist der Geschichte Recht und Pflicht, den Voelkern auch auf diesen Bahnen zu folgen.
Um messen zu koennen, muessen vor allen Dingen die Begriffe der zeitlichen, raeumlichen und Gewichtseinheit und des aus gleichen Teilen bestehenden Ganzen, das heisst die Zahl und das Zahlensystem entwickelt werden. Dazu bietet die Natur als naechste Anhaltspunkte fuer die Zeit die Wiederkehr der Sonne und des Mondes oder Tag und Monat, fuer den Raum die Laenge des Mannesfusses, der leichter misst als der Arm, fuer die Schwere diejenige Last, welche der Mann mit ausgestrecktem Arm schwebend auf der Hand zu wiegen (librare) vermag oder das "Gewicht" (libra). Als Anhalt fuer die Vorstellung eines aus gleichen Teilen bestehenden Ganzen liegt nichts so nahe als die Hand mit ihren fuenf oder die Haende mit ihren zehn Fingern, und hierauf beruht das Dezimalsystem. Es ist schon bemerkt worden, dass diese Elemente alles Zaehlens und Messens nicht bloss ueber die Trennung des griechischen und lateinischen Stammes, sondern bis in die fernste Urzeit zurueckreichen. Wie alt namentlich die Messung der Zeit nach dem Monde ist, beweist die Sprache; selbst die Weise, die zwischen den einzelnen Mondphasen verfliessenden Tage nicht von der zuletzt eingetretenen vorwaerts, sondern von der zunaechst zu erwartenden rueckwaerts zu zaehlen, ist wenigstens aelter als die Trennung der Griechen und Lateiner. Das bestimmteste Zeugnis fuer das Alter und die urspruengliche Ausschliesslichkeit des Dezimalsystems bei den Indogermanen gewaehrt die bekannte Uebereinstimmung aller indogermanischen Sprachen in den Zahlwoertern bis hundert einschliesslich. Was Italien anlangt, so sind hier alle aeltesten Verhaeltnisse vom Dezimalsystem durchdrungen: es genuegt, an die so gewoehnliche Zehnzahl der Zeugen, Buergen, Gesandten, Magistrate, an die gesetzliche Gleichsetzung von einem Rind und zehn Schafen, an die Teilung des Gaues in zehn Kurien und ueberhaupt die durchstehende Dekuriierung, an die Limitation, den Opfer- und Ackerzehnten, das Dezimieren, den Vornamen Decimus zu erinnern. Dem Gebiet von Mass und Schrift angehoerige Anwendungen dieses aeltesten Dezimalsystems sind zunaechst die merkwuerdigen italischen Ziffern. Konventionelle Zahlzeichen hat es noch bei der Scheidung der Griechen und Italiker offenbar nicht gegeben. Dagegen finden wir fuer die drei aeltesten und unentbehrlichsten Ziffern, fuer ein, fuenf, zehn, drei Zeichen, I, V oder A, X, offenbar Nachbildungen des ausgestreckten Fingers, der offenen und der Doppelhand, welche weder den Hellenen noch den Phoenikern entlehnt, dagegen den Roemern, Sabellern und Etruskern gemeinschaftlich sind. Es sind die Ansaetze zur Bildung einer national italischen Schrift und zugleich Zeugnisse von der Regsamkeit des aeltesten, dem ueberseeischen voraufgehenden binnenlaendischen Verkehrs der Italiker; welcher aber der italischen Staemme diese Zeichen erfunden und wer von wem sie entlehnt hat, ist natuerlich nicht auszumachen. Andere Spuren des rein dezimalen Systems sind auf diesem Gebiet sparsam; es gehoeren dahin der Vorsus, das Flaechenmass der Sabeller von 100 Fuss ins Gevierte und das roemische zehnmonatliche Jahr. Sonst ist im allgemeinen in denjenigen italischen Massen, die nicht an griechische Festsetzungen anknuepfen und wahrscheinlich von den Italikern vor Beruehrung mit den Griechen entwickelt worden sind, die Teilung des "Ganzen" (as) in zwoelf "Einheiten" (unciae) vorherrschend. Nach der Zwoelfzahl sind eben die aeltesten latinischen Priesterschaften, die Kollegien der Salier und Arvalen sowie auch die etruskischen Staedtebuende geordnet. Die Zwoelfzahl herrscht im roemischen Gewichtsystem, wo das Pfund (libra), und im Laengenmass, wo der Fuss (pes) in zwoelf Teile zerlegt zu werden pflegen; die Einheit des roemischen Flaechenmasses ist der aus dem Dezimal- und Duodezimalsystem zusammengesetzte "Trieb" (actus) von 120 Fuss ins Gevierte ^1. Im Koerpermass moegen aehnliche Bestimmungen verschollen sein.
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^1 Urspruenglich sind sowohl "actus" Trieb, wie auch das noch haeufiger vorkommende Doppelte davon, "iugerum", Joch, wie unser "Morgen" nicht Flaechen-, sondern Arbeitsmasse und bezeichnen dieser das Tage-, jener das halbe Tagewerk, mit Ruecksicht auf die namentlich in Italien scharf einschneidende Mittagsruhe des Pfluegers. | | |
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