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| | Theodor MommsenRoemische Geschichte - 3. Buch | Seite 1 von 11 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 | | Karthago | | Der semitische Stamm steht inmitten und doch auch außerhalb der Völker der alten klassischen Welt. Der Schwerpunkt liegt für jenen im Osten, für diese am Mittelmeer, und wie auch Krieg und Wanderung die Grenze verschoben und die Stämme durcheinanderwarfen, immer schied und scheidet ein tiefes Gefühl der Fremdartigkeit die indogermanischen Völker von den syrischen, israelitischen, arabischen Nationen. Dies gilt auch von demjenigen semitischen Volke, das mehr als irgendein anderes gegen Westen sich ausgebreitet hat, von den Phönikern. Ihre Heimat ist der schmale Küstenstreif zwischen Kleinasien, dem syrischen Hochland und Ägypten, die Ebene genannt, das heißt Kanaan. Nur mit diesem Namen hat die Nation sich selber genannt - noch in der christlichen Zeit nannte der afrikanische Bauer sich einen Kanaaniter; den Hellenen aber hieß Kanaan das "Purpurland" oder auch das "Land der roten Männer", Phönike, und Punier pflegten auch die Italiker, Phöniker oder Punier pflegen wir noch die Kanaaniter zu heißen. Das Land ist wohl geeignet zum Ackerbau; aber vor allen Dingen sind die vortrefflichen Häfen und der Reichtum an Holz und Metallen dem Handel günstig, der hier, wo das überreiche östliche Festland hinantritt an die weithin sich ausbreitende insel- und hafenreiche Mittelländische See, vielleicht zuerst in seiner ganzen Großartigkeit dem Menschen aufgegangen ist. Was Mut, Scharfsinn und Begeisterung vermögen, haben die Phöniker aufgeboten, um dem Handel und was aus ihm folgt, der Schiffahrt, Fabrikation, Kolonisierung, die volle Entwicklung zu geben und Osten und Westen zu vermitteln. In unglaublich früher Zeit finden wir sie in Kypros und Ägypten, in Griechenland und Sizilien, in Afrika und Spanien, ja sogar auf dem Atlantischen Meer und der Nordsee. Ihr Handelsgebiet reicht von Sierra Leone und Cornwall im Westen bis östlich zur malabarischen Küste; durch ihre Hände gehen das Gold und die Perlen des Ostens, der tyrische Purpur, die Sklaven, das Elfenbein, die Löwen- und Pardelfelle aus dem inneren Afrika, der arabische Weihrauch, das Linnen Ägyptens, Griechenlands Tongeschirr und edle Weine, das kyprische Kupfer, das spanische Silber, das englische Zinn, das Eisen von Elba. Jedem Volke bringen die phönikischen Schiffer, was es brauchen kann oder doch kaufen mag, und überall kommen sie herum, um immer wieder zurückzukehren zu der engen Heimat, an der ihr Herz hängt. Die Phöniker haben wohl ein Recht, in der Geschichte genannt zu werden neben der hellenischen und der latinischen Nation; aber auch an ihnen und vielleicht an ihnen am meisten bewährt es sich, daß das Altertum die Kräfte der Völker einseitig entwickelte. Die großartigen und dauernden Schöpfungen, welche auf dem geistigen Gebiete innerhalb des aramäischen Stammes entstanden sind, gehören nicht zunächst den Phönikern an; wenn Glauben und Wissen in gewissem Sinn den aramäischen Nationen vor allen anderen eigen und den Indogermanen erst aus dem Osten zugekommen sind, so hat doch weder die phönikische Religion noch die phönikische Wissenschaft und Kunst, soviel wir sehen, jemals unter den aramäischen einen selbständigen Rang eingenommen. Die religiösen Vorstellungen der Phöniker sind formlos und unschön, und ihr Gottesdienst schien Lüsternheit und Grausamkeit mehr zu nähren als zu bändigen bestimmt; von einer besonderen Einwirkung phönikischer Religion auf andere Völker wird wenigstens in der geschichtlich klaren Zeit nichts wahrgenommen. Ebensowenig begegnet eine auch nur der italischen, geschweige denn derjenigen der Mutterländer der Kunst vergleichbare phönikische Tektonik oder Plastik. Die älteste Heimat der wissenschaftlichen Beobachtung und ihrer praktischen Verwertung ist Babylon oder doch das Euphratland gewesen: hier wahrscheinlich folgte man zuerst dem Lauf der Sterne; hier schied und schrieb man zuerst die Laute der Sprache; hier begann der Mensch über Zeit und Raum und über die in der Natur wirkenden Kräfte zu denken; hierhin führen die ältesten Spuren der Astronomie und Chronologie, des Alphabets, der Maße und Gewichte. Die Phöniker haben wohl von den kunstreichen und hoch entwickelten babylonischen Gewerken für ihre Industrie, von der Sternbeobachtung für ihre Schiffahrt, von der Lautschrift und der Ordnung der Maße für ihren Handel Vorteil gezogen und manchen wichtigen Keim der Zivilisation mit ihren Waren vertrieben; aber daß das Alphabet oder irgendein anderes jener genialen Erzeugnisse des Menschengeistes ihnen eigentümlich angehöre, läßt sich nicht erweisen, und was durch sie von religiösen und wissenschaftlichen Gedanken den Hellenen zukam, das haben sie mehr wie der Vogel das Samenkorn als wie der Ackersmann die Saat ausgestreut. Die Kraft die bildungsfähigen Völker, mit denen sie sich berührten, zu zivilisieren und sich zu assimilieren, wie sie die Hellenen und selbst die Italiker besitzen, fehlte den Phönikern gänzlich. Im Eroberungsgebiet der Römer sind vor der romanischen Zunge die iberischen und die keltischen Sprachen verschollen; die Berber Afrikas reden heute noch dieselbe Sprache wie zu den Zeiten der Hannos und der Barkiden. Aber vor allem mangelt den Phönikern, wie allen aramäischen Nationen im Gegensatz zu den indogermanischen, der staatenbildende Trieb, der geniale Gedanke der sich selber regierenden Freiheit. Während der höchsten Blüte von Sidon und Tyros ist das phönikische Land der ewige Zankapfel der am Euphrat und am Nil herrschenden Mächte und bald den Assyrern, bald den Ägyptern untertan. Mit der halben Macht hätten hellenische Städte sich unabhängig gemacht; aber die vorsichtigen sidonischen Männer, berechnend, daß die Sperrung der Karawanenstraßen nach dem Osten oder der ägyptischen Häfen ihnen weit höher zu stehen komme als der schwerste Tribut, zahlten lieber pünktlich ihre Steuern, wie es fiel nach Ninive oder nach Memphis, und fochten sogar, wenn es nicht anders sein konnte, mit ihren Schiffen die Schlachten der Könige mit. Und wie die Phöniker daheim den Druck der Herren gelassen ertrugen, waren sie auch draußen keineswegs geneigt, die friedlichen Bahnen der kaufmännischen mit der erobernden Politik zu vertauschen. Ihre Niederlassungen sind Faktoreien; es liegt ihnen mehr daran, den Eingeborenen Waren abzunehmen und zuzubringen, als weite Gebiete in fernen Ländern zu erwerben und daselbst die schwere und langsame Arbeit der Kolonisierung durchzuführen. Selbst mit ihren Konkurrenten vermeiden sie den Krieg; aus Ägypten, Griechenland, Italien, dem östlichen Sizilien lassen sie fast ohne Widerstand sich verdrängen und in den großen Seeschlachten, die in früher Zeit um die Herrschaft im westlichen Mittelmeer geliefert worden sind, bei Alalia (217 537) und Kyme (280 474), sind es die Etrusker, nicht die Phöniker, die die Schwere des Kampfes gegen die Griechen tragen. Ist die Konkurrenz einmal nicht zu vermeiden, so gleicht man sich aus, so gut es gehen will; es ist nie von den Phönikern ein Versuch gemacht worden, Caere oder Massalia zu erobern. Noch weniger natürlich sind die Phöniker zum Angriffskrieg geneigt. Das einzige Mal, wo sie in der älteren Zeit offensiv auf dem Kampfplatze erscheinen, in der großen sizilischen Expedition der afrikanischen Phöniker, welche mit der Niederlage bei Himera durch Gelon von Syrakus endigte (274 480), sind sie nur als gehorsame Untertanen des Großkönigs und um der Teilnahme an dem Feldzug gegen die östlichen Hellenen auszuweichen, gegen die Hellepen des Westens ausgerückt; wie denn ihre syrischen Stammgenossen in der Tat in demselben Jahr sich mit den Persern bei Salamis mußten schlagen lassen. | | |
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