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| | Theodor MommsenRoemische Geschichte - 4. Buch | Seite 1 von 6 1 2 3 4 5 6 | | Nationalitaet, Religion, Erziehung | In dem grossen Kampfe der Nationalitaeten innerhalb des weiten Umfangs des Roemischen Reiches erscheinen die sekundaeren Nationen in dieser Zeit im Zurueckweichen oder im Verschwinden. Die bedeutendste unter allen, die phoenikische, empfing durch die Zerstoerung Karthagos die Todeswunde, an der sie sich langsam verblutet hat. Die Landschaften Italiens, die ihre alte Sprache und Sitte bis dahin noch gewahrt hatten, Etrurien und Samnium, wurden nicht bloss von den schwersten Schlaegen der Sullanischen Reaktion getroffen, sondern die politische Nivellierung Italiens noetigte ihnen auch im oeffentlichen Verkehr die lateinische Sprache und Weise auf und drueckte die alten Landessprachen herab zu rasch verkuemmernden Volksdialekten. Nirgendmehr erscheint im ganzen Umfange des roemischen Staates eine Nationalitaet als befugt, mit der roemischen und der griechischen auch nur zu ringen. Dagegen ist extensiv wie intensiv die latinische Nationalitaet im entschiedensten Aufschwung. Wie seit dem Bundesgenossenkrieg jedes italische Grundstueck jedem Italiker zu vollem roemischen Eigen zustehen, jeder italische Tempelgott roemische Gabe empfangen kann, wie in ganz Italien mit Ausnahme der transpadanischen Landschaft seitdem das roemische Recht mit Beseitigung aller anderen Stadt- und Landrechte ausschliesslich gilt: so ist damals die roemische Sprache auch die allgemeine Geschaefts- und bald gleichfalls die allgemeine Sprache des gebildeten Verkehrs auf der ganzen Halbinsel von den Alpen bis zur Meerenge geworden. Aber sie beschraenkte sich schon nicht mehr auf diese natuerlichen Grenzen. Die in Italien zusammenstroemende Kapitalmasse, der Reichtum seiner Produkte, die Intelligenz seiner Landwirte, die Gewandtheit seiner Kaufleute fand keinen hinreichenden Spielraum auf der Halbinsel; hierdurch und durch den oeffentlichen Dienst wurden die Italiker massenweise in die Provinzen gefuehrt. Ihre privilegierte Stellung daselbst privilegierte auch die roemische Sprache und das roemische Recht, selbst wo nicht bloss Roemer miteinander verkehrten; ueberall standen die Italiker zusammen als festgeschlossene und organisierte Massen, die Soldaten in ihren Legionen, die Kaufleute jeder groesseren Stadt als eigene Korporationen, die in dem einzelnen provinzialen Gerichtssprengel domizilierten oder verweilenden roemischen Buerger als "Kreise" (conventus civium Romanorum) mit ihrer eigenen Geschworenenliste und gewissermassen mit Gemeindeverfassung; und wenn auch diese provinzialen Roemer regelmaessig frueher oder spaeter nach Italien zurueckgingen, so bildete sich dennoch allmaehlich aus ihnen der Stamm einer festen, teils roemischen, teils an die roemische sich anlehnenden Mischbevoelkerung der Provinzen. Dass in Spanien, wo das roemische Heer zuerst stehend ward, auch zuerst eigene Provinzialstaedte italischer Verfassung, Carteia 583 (171), Valentia 616 (133), spaeter Palma und Pollentia organisiert worden sind, ward bereits erwaehnt. Wenn das Binnenland noch wenig zivilisiert war, das Gebiet der Vaccaeer zum Beispiel noch lange nach dieser Zeit unter den rauhesten und widerwaertigsten Aufenthaltsorten fuer den gebildeten Italiker genannt wird, so bezeugen dagegen Schriftsteller und Inschriftsteine, dass schon um die Mitte des siebenten Jahrhunderts um Neukarthago und sonst an der Kueste die lateinische Sprache in gemeinem Gebrauch war. In bewusster Weise entwickelte zuerst Gaius Gracchus den Gedanken, die Provinzen des roemischen Staats durch die italische Emigration zu kolonisieren, das heisst zu romanisieren, und legte Hand an die Ausfuehrung desselben; und obgleich die konservative Opposition gegen den kuehnen Entwurf sich auflehnte, die gemachten Anfaenge groesstenteils zerstoerte und die Fortfuehrung hemmte, so blieb doch die Kolonie Narbo erhalten, schon an sich eine bedeutende Erweiterung des lateinischen Sprachgebiets und noch bei weitem wichtiger als der Merkstein eines grossen Gedankens, der Grundstein eines gewaltigen kuenftigen Baues. Der antike Gallizismus, ja das heutige Franzosentum sind von dort ausgegangen und in ihrem letzten Grunde Schoepfungen des Gaius Gracchus. Aber die latinische Nationalitaet erfuellte nicht bloss die italischen Grenzen und fing an sie zu ueberschreiten, sondern sie gelangte auch in sich zu tieferer geistiger Begruendung. Wir finden sie im Zuge, eine klassische Literatur, einen eigenen hoeheren Unterricht sich zu schaffen; und wenn man im Vergleich mit den hellenischen Klassikern und der hellenischen Bildung sich versucht fuehlen kann, die schwaechliche italische Treibhausproduktion gering zu achten, so kam es doch fuer die geschichtliche Entwicklung zunaechst weit weniger darauf an, wie die lateinische klassische Literatur und die lateinische Bildung, als darauf, dass sie neben der griechischen stand; und herabgekommen wie die gleichzeitigen Hellenen auch literarisch waren, durfte man wohl das Wort des Dichters auch hier anwenden, dass der lebendige Tageloehner mehr ist als der tote Achill. Wie rasch und ungestuem aber die lateinische Sprache und Nationalitaet vorwaerts dringt, sie erkennt zugleich die hellenische an als durchaus gleich, ja frueher und besser berechtigt und tritt mit dieser ueberall in das engste Buendnis oder durchdringt sich mit ihr zu gemeinschaftlicher Entwicklung. Die italische Revolution, die sonst alle nichtlatinischen Nationalitaeten auf der Halbinsel nivellierte, ruehrte nicht an die Griechenstaedte Tarent, Rhegion, Neapolis, Lokri. Ebenso blieb Massalia, obwohl jetzt umschlossen von roemischem Gebiet, fortwaehrend eine griechische Stadt und eben als solche fest verbunden mit Rom. Mit der vollstaendigen Latinisierung Italiens ging die steigende Hellenisierung Hand in Hand. In den hoeheren Schichten der italischen Gesellschaft wurde die griechische Bildung zum integrierenden Bestandteil der eigenen. Der Konsul des Jahres 623 (131), der Oberpontifex Publius Crassus, erregte des Staunen selbst der geborenen Griechen, da er als Statthalter von Asia seine gerichtlichen Entscheidungen, wie der Fall es erforderte, bald in gewoehnlichem Griechisch abgab, bald in einem der vier zu Schriftsprachen gewordenen Dialekte. Und wenn die italische Literatur und Kunst laengst unverwandt nach Osten blickten, so begann jetzt auch die hellenische das Antlitz nach Westen zu wenden. Nicht bloss die griechischen Staedte in Italien blieben fortwaehrend zu regem geistigen Verkehr mit Griechenland, Kleinasien, Aegypten und goennten den dort gefeierten griechischen Poeten und Schauspielern auch bei sich den gleichen Verdienst und die gleichen Ehren; auch in Rom kamen, nach dem von dem Zerstoerer Korinths bei seinem Triumph 608 (146) gegebenen Beispiel, die gymnastischen und musischen Spiele der Griechen: Wettkaempfe im Ringen sowie im Musizieren, Spielen, Rezitieren und Deklamieren in Aufnahme ^1. Die griechischen Literaten schlugen schon ihre Faeden bis in die vornehme roemische Gesellschaft, vor allem in den Scipionischen Kreis, dessen hervorragende griechische Mitglieder, der Geschichtschreiber Polybios, der Philosoph Panaetios, bereits mehr der roemischen als der griechischen Entwicklungsgeschichte angehoeren. Aber auch in anderen, minderhochstehenden Zirkeln begegnen aehnliche Beziehungen. Wir gedenken eines anderen Zeitgenossen Scipios, des Philosophen Kleitomachos, weil in seinem Leben zugleich die gewaltige Voelkermischung dieser Zeit sinnlich vor das Auge tritt: ein geborener Karthager, sodann in Athen Zuhoerer des Karneades und spaeter dessen Nachfolger in seiner Professur, verkehrte er von Athen aus mit den gebildetsten Maennern Italiens, dem Historiker Aulus Albinus und dem Dichter Lucilius, und widmete teils dem roemischen Konsul, der die Belagerung Karthagos eroeffnete, Lucius Censorinus, ein wissenschaftliches Werk, teils seinen als Sklaven nach Italien gefuehrten Mitbuergern eine philosophische Trostschrift. Hatten namhafte griechische Literaten bisher wohl voruebergehend als Gesandte, Verbannte oder sonstwie ihren Aufenthalt in Rom genommen, so fingen sie jetzt schon an, dort sich niederzulassen; wie zum Beispiel der schon genannte Panaetios in Scipios Hause lebte, und der Hexametermacher Archias von Antiocheia im Jahre 652 (102) sich in Rom niederliess und von der Improvisierkunst und von Heldengedichten auf roemische Konsulare sich anstaendig ernaehrte. Sogar Gaius Marius, der schwerlich von seinem Carmen eine Zeile verstand und ueberhaupt zum Maezen moeglichst uebel sich schickte, konnte nicht umhin, den Verskuenstler zu patronisieren. Waehrend also das geistige und literarische Leben wenn nicht die reineren, doch die vornehmeren Elemente der beiden Nationen miteinander in Verbindung brachte, flossen andererseits durch das massenhafte Eindringen der kleinasiatischen und syrischen Sklavenscharen und durch die kaufmaennische Einwanderung aus dem griechischen und halbgriechischen Osten die rohesten und stark mit orientalischen und ueberhaupt barbarischen Bestandteilen versetzten Schichten des Hellenismus zusammen mit dem italischen Proletariat und gaben auch diesem eine hellenische Faerbung. Die Bemerkung Ciceros, dass neue Sprache und neue Weise zuerst in den Seestaedten aufkommt, duerfte zunaechst auf das halbhellenische Wesen in Ostia, Puteoli und Brundisium sich beziehen, wo mit der fremden Ware auch die fremde Sitte zuerst Eingang und von da aus weiteren Vertrieb fand.
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^1 Dass vor 608 (146) keine "griechischen Spiele" in Rom gegeben seien (Tac. ann. 14, 21), ist nicht genau; schon 568 (186) traten griechische "Kuenstler" (technitai) und Athleten (Liv. 39, 22), 587 (167) griechische Floetenspieler, Tragoeden und Faustkaempfer auf (Polyb. 30, 13). | | |
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