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Theodor Mommsen

Roemische Geschichte - 5. Buch


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Die Sullanische Restaurationsherrschaft
Als nach Unterdrueckung der den Senat in seiner Existenz bedrohenden Cinnanischen Revolution es der restaurierten Senatsregierung moeglich ward, der inneren und aeusseren Sicherheit des Reiches wiederum die erforderliche Aufmerksamkeit zu widmen, zeigten sich der Angelegenheiten genug, deren Loesung nicht verschoben werden konnte, ohne die wichtigsten Interessen zu verletzen und gegenwaertige Unbequemlichkeiten zu kuenftigen Gefahren anwachsen zu lassen. Abgesehen von der sehr ernsten Verwicklung in Spanien war es schlechterdings notwendig teils die Barbaren in Thrakien und den Donaulaendern, die Sulla bei seinem Marsch durch Makedonien nur oberflaechlich hatte zuechtigen koennen, nachhaltig zu Paaren zu treiben und die verwirrten Verhaeltnisse an der Nordgrenze der griechischen Halbinsel militaerisch zu regulieren, teils den ueberall, namentlich aber in den oestlichen Gewaessern herrschenden Flibustierbanden gruendlich das Handwerk zu legen, teils endlich in die unklaren kleinasiatischen Verhaeltnisse eine bessere Ordnung zu bringen. Der Friede, den Sulla im Jahre 670 (84) mit Koenig Mithradates von Pontos abgeschlossen hatte und von dem der Vertrag mit Murena 673 (81) wesentlich eine Wiederholung war, trug durchaus den Stempel eines notduerftig fuer den Augenblick hergestellten Provisoriums; und das Verhaeltnis der Roemer zu Koenig Tigranes von Armenien, mit dem sie doch faktisch Krieg gefuehrt hatten, war in diesem Frieden ganz unberuehrt geblieben. Mit Recht hatte Tigranes darin die stillschweigende Erlaubnis gefunden, die roemischen Besitzungen in Asien in seine Gewalt zu bringen. Wenn dieselben nicht preisgegeben bleiben sollten, war es notwendig in Guete oder Gewalt mit dem neuen Grosskoenig Asiens sich abzufinden. Betrachten wir, nachdem in dem vorhergehenden Kapitel die mit dem demokratischen Treiben zusammenhaengende Bewegung in Italien und Spanien und deren Ueberwaeltigung durch die senatorische Regierung dargestellt wurde, in diesem das aeussere Regiment, wie die von Sulla eingesetzte Behoerde es gefuehrt oder auch nicht gefuehrt hat.

Man erkennt noch Sullas kraeftige Hand in den energischen Massregeln, die in der letzten Zeit seiner Regentschaft der Senat ungefaehr gleichzeitig gegen die Sertorianer, gegen die Dalmater und Thraker und gegen die kilikischen Piraten verfuegte.

Die Expedition nach der griechisch-illyrischen Halbinsel hatte den Zweck, teils die barbarischen Staemme botmaessig oder doch zahm zu machen, die das ganze Binnenland vom Schwarzen bis zum Adriatischen Meere durchstreiften und unter denen vornehmlich die Besser (im grossen Balkan), wie man damals sagte, selbst unter den Raeubern als Raeuber verrufen waren, teils die namentlich im dalmatischen Litoral sich bergenden Korsaren zu vernichten. Wie gewoehnlich ging der Angriff gleichzeitig von Dalmatien und von Makedonien aus, in welcher letzteren Provinz ein Heer von fuenf Legionen hierzu gesammelt ward. Der gewesene Praetor Gaius Cosconius, welcher in Dalmatien den Befehl fuehrte, durchstreifte das Land nach allen Richtungen und erstuermte nach zweijaehriger Belagerung die Festung Salona. In Makedonien versuchte der Prokonsul Appius Claudius (676 bis 678 78-76) zunaechst sich an der makedonisch-thrakischen Grenze der Berglandschaften am linken Ufer des Karasu zu bemeistern. Von beiden Seiten ward der Krieg mit arger Wildheit gefuehrt; die Thraker zerstoerten die eroberten Ortschaften und metzelten die Gefangenen nieder und die Roemer vergalten Gleiches mit Gleichem. Ernstliche Erfolge aber wurden nicht erreicht; die beschwerlichen Maersche und die bestaendigen Gefechte mit den zahlreichen und tapferen Gebirgsbewohnern dezimierten nutzlos die Armee; der Feldherr selbst erkrankte und starb. Sein Nachfolger Gaius Scribonius Curio (679-681 75-73) wurde durch mancherlei Hindernisse, namentlich auch durch einen nicht unbedeutenden Militaeraufstand bewogen, die schwierige Expedition gegen die Thraker fallen zu lassen und dafuer sich nach der makedonischen Nordgrenze zu wenden, wo er die schwaecheren Dardaner (in Serbien) unterwarf und bis an die Donau gelangte. Erst der tapfere und faehige Marcus Lucullus (682, 683 72, 71) rueckte wieder gegen Osten vor, schlug die Besser in ihren Bergen, nahm ihre Hauptstadt Uscudama (Adrianopel) und zwang sie, der roemischen Oberhoheit sich zu fuegen. Der Koenig der Odrysen, Sadalas, und die griechischen Staedte an der Ostkueste noerdlich und suedlich vom Balkangebirge: Istropolis, Tomoi, Kallatis, Odessos (bei Varna), Mesembria und andere, wurden abhaengig von den Roemern; Thrakien, von dem die Roemer bisher kaum mehr inne gehabt hatten als die attalischen Besitzungen auf dem Chersones, ward jetzt ein freilich wenig botmaessiger Teil der Provinz Makedonien.

Aber weit nachteiliger als die immer doch auf einen geringen Teil des Reiches sich beschraenkenden Raubzuege der Thraker und Dardaner war fuer den Staat wie fuer die einzelnen die Piraterie, die immer weiter um sich griff und immer fester sich organisierte. Der Seeverkehr war auf dem ganzen Mittelmeer in ihrer Gewalt. Italien konnte weder seine Produkte aus-, noch das Getreide aus den Provinzen einfuehren; dort hungerten die Leute, hier stockte wegen Mangels an Absatz die Bestellung der Getreidefelder. Keine Geldsendung, kein Reisender war mehr sicher; die Staatskasse erlitt die empfindlichsten Verluste; eine grosse Anzahl angesehener Roemer wurde von den Korsaren aufgebracht und musste mit schweren Summen sich ranzionieren, wenn es nicht gar den Piraten beliebte, an einzelnen derselben das Blutgericht zu vollstrecken, das dann auch wohl mit wildem Humor gewuerzt ward. Die Kaufleute, ja die nach dem Osten bestimmten roemischen Truppenabteilungen fingen an, ihre Fahrten vorwiegend in die unguenstige Jahreszeit zu verlegen und die Winterstuerme weniger zu scheuen als die Piratenschiffe, die freilich selbst in dieser Jahreszeit doch nicht ganz vom Meere verschwanden. Aber wie empfindlich die Sperrung der See war, sie war eher zu ertragen als die Heimsuchung der griechischen und kleinasiatischen Inseln und Kuesten. Ganz wie spaeter in der Normannenzeit liefen die Korsarengeschwader bei den Seestaedten an und zwangen sie, entweder mit grossen Summen sich loszukaufen, oder belagerten und stuermten sie mit gewaffneter Hand. Wenn unter Sullas Augen nach geschlossenem Frieden mit Mithradates Samothrake, Klazomenae, Samos, Iassos von den Piraten ausgeraubt wurden (670 84), so kann man sich denken, wie es da zuging, wo weder eine roemische Flotte noch ein roemisches Heer in der Naehe stand. All die alten reichen Tempel an den griechischen und kleinasiatischen Kuesten wurden nach der Reihe gepluendert; allein aus Samothrake soll ein Schatz von 1000 Talenten (1500000 Talern) weggefuehrt worden sein. Apollon, heisst es bei einem roemischen Dichter dieser Zeit, ist durch die Piraten so arm geworden, dass er, wenn die Schwalbe bei ihm auf Besuch ist, aus all seinen Schaetzen auch nicht ein Quentchen Gold mehr ihr vorzeigen kann. Man rechnete ueber vierhundert von den Piraten eingenommene oder gebrandschatzte Ortschaften, darunter Staedte wie Knidos, Samos, Kolophon; aus nicht wenigen frueher bluehenden Insel- und Kuestenplaetzen wanderte die gesamte Bevoelkerung aus, um nicht von den Piraten fortgeschleppt zu werden. Nicht einmal im Binnenland mehr war man vor denselben sicher; es kam vor, dass sie ein bis zwei Tagemaersche von der Kueste belegene Ortschaften ueberfielen. Die entsetzliche Verschuldung, der spaeterhin alle Gemeinden im griechischen Osten erliegen, stammt grossenteils aus diesen verhaengnisvollen Zeiten. Das Korsarenwesen hatte seinen Charakter gaenzlich veraendert. Es waren nicht mehr dreiste Schnapphaehne, die in den kretischen Gewaessern zwischen Kyrene und dem Peloponnes - in der Flibustiersprache dem "goldenen Meer" - von dem grossen Zug des italisch-orientalischen Sklaven- und Luxushandels ihren Tribut nahmen; auch nicht mehr bewaffnete Sklavenfaenger, die "Krieg, Handel und Piraterie" ebenmaessig nebeneinander betrieben, es war ein Korsarenstaat mit einem eigentuemlichen Gemeingeist; mit einer festen, sehr respektablen Organisation, mit einer eigenen Heimat und den Anfaengen einer Symmachie, ohne Zweifel auch mit bestimmten politischen Zwecken. Die Flibustier nannten sich Kiliker; in der Tat fanden auf ihren Schiffen die Verzweifelten und Abenteurer aller Nationen sich zusammen: die entlassenen Soeldner von den kretischen Werbeplaetzen, die Buerger der vernichteten Ortschaften Italiens, Spaniens und Asiens, die Soldaten und Offiziere aus Fimbrias und Sertorius' Heeren, ueberhaupt die verdorbenen Leute aller Nationen, die gehetzten Fluechtlinge aller ueberwundenen Parteien, alles was elend und verwegen war - und wo war nicht Jammer und Frevel in dieser unseligen Zeit? Es war keine zusammengelaufene Diebesbande mehr, sondern ein geschlossener Soldatenstaat, in dem die Freimaurerei der Aechtung und der Missetat an die Stelle der Nationalitaet trat und innerhalb dessen das Verbrechen, wie so oft, vor sich selbst sich rettete in den hochherzigsten Gemeinsinn. In einer zuchtlosen Zeit, wo Feigheit und Unbotmaessigkeit alle Bande der gesellschaftlichen Ordnung erschlafft hatten, mochten die legitimen Gemeinwesen sich ein Muster nehmen an diesem Bastardstaat der Not und Gewalt, in den allein von allen das unverbruechliche Zusammenstehen, der kameradschaftliche Sinn, die Achtung vor dem gegebenen Treuwort und den selbstgewaehlten Haeuptern, die Tapferkeit und die Gewandtheit sich gefluechtet zu haben schienen. Wenn auf der Fahne dieses Staats die Rache an der buergerlichen Gesellschaft geschrieben war, die, mit Recht oder mit Unrecht, seine Mitglieder von sich ausgestossen hatte, so liess sich darueber streiten, ob diese Devise viel schlechter war als die der italischen Oligarchie und des orientalischen Sultanismus, die im Zuge schienen, die Welt unter sich zu teilen. Die Korsaren wenigstens fuehlten jedem legitimen Staate sich ebenbuertig; von ihrem Raeuberstolz, ihrer Raeuberpracht und ihrem Raeuberhumor zeugt noch manche echte Flibustiergeschichte toller Lustigkeit und ritterlicher Banditenweise; sie meinten, und ruehmten sich dessen, in einem gerechten Krieg mit der ganzen Welt zu leben; was sie darin gewannen, das hiess ihnen nicht Raubgut, sondern Kriegsbeute; und wenn dem ergriffenen Flibustier in jedem roemischen Hafen das Kreuz gewiss war, so nahmen auch sie als ihr Recht in Anspruch, jeden ihrer Gefangenen hinrichten zu duerfen. Ihre militaerisch-politische Organisation war namentlich seit dem Mithradatischen Krieg festgeschlossen. Ihre Schiffe, groesstenteils "Mauskaehne", das heisst kleine, offene, schnellsegelnde Barken, nur zum kleineren Teil Zwei- und Dreidecker, fuhren jetzt regelmaessig in Geschwader vereinigt und unter Admiralen, deren Barken in Gold und Purpur zu glaenzen pflegten. Dem bedrohten Kameraden, mochte er auch voellig unbekannt sein, weigerte kein Piratenkapitaen den erbetenen Beistand; der mit einem aus ihrer Mitte abgeschlossene Vertrag ward von der ganzen Gesellschaft unweigerlich anerkannt, aber auch jede einem zugefuegte Unbill von allen geahndet. Ihre rechte Heimat war das Meer von den Saeulen des Herkules bis in die syrischen und aegyptischen Gewaesser; die Zufluchtsstaetten, deren sie fuer sich und ihre schwimmenden Haeuser auf dem Festlande bedurften, gewaehrten ihnen bereitwillig die mauretanischen und dalmatischen Gestade, die Insel Kreta, vor allem die an Vorspruengen und Schlupfwinkeln reiche, die Hauptstrasse des Seehandels jener Zeit beherrschende und so gut wie herrenlose Suedkueste Kleinasiens. Der lykische Staedtebund daselbst und die pamphylischen Gemeinden hatten wenig zu bedeuten; die seit 652 (102) in Kilikien bestehende roemische Station reichte zur Beherrschung der weitlaeufigen Kueste bei weitem nicht aus; die syrische Herrschaft ueber Kilikien war immer nur nominell gewesen und seit kurzem gar ersetzt worden durch die armenische, deren Inhaber als echter Grosskoenig um das Meer gar nicht sich kuemmerte und dasselbe bereitwillig den Kilikern zur Pluenderung preisgab. So war es kein Wunder, wenn die Korsaren hier gediehen wie nirgends sonst. Nicht bloss besassen sie hier ueberall am Ufer Signalplaetze und Stationen, sondern auch weiter landeinwaerts, in den abgelegensten Verstecken des unwegsamen und gebirgigen lykischen, pamphylischen, kilikischen Binnenlandes, hatten sie sich ihre Felsschloesser erbaut, in denen, waehrend sie selbst zur See fuhren, sie ihre Weiber, Kinder und Schaetze bargen, auch wohl in gefaehrlichen Zeiten selbst dort eine Zufluchtsstaette fanden. Namentlich gab es solche Korsarenschloesser in grosser Zahl in dem rauhen Kilikien, dessen Waldungen zugleich den Piraten das vortrefflichste Holz zum Schiffbau lieferten und wo deshalb ihre hauptsaechlichsten Schiffbaustaetten und Arsenale sich befanden. Es war nicht zu verwundern, dass dieser geordnete Militaerstaat unter den mehr oder minder sich selber ueberlassenen und sich selber verwaltenden griechischen Seestaedten sich eine feste Klientel bildete, die mit den Piraten wie mit einer befreundeten Macht auf Grund bestimmter Vertraege in Handelsverkehr trat und der Aufforderung der roemischen Statthalter, Schiffe gegen sie zu stellen, nicht nachkam; wie denn zum Beispiel die nicht unbetraechtliche Stadt Side in Pamphylien den Piraten gestattete auf ihren Werften Schiffe zu bauen und die gefangenen Freien auf ihrem Marktplatz feilzubieten.

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