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  Roemische Geschichte - 5. Buch
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Theodor Mommsen

Roemische Geschichte - 5. Buch


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Der Parteienkampf waehrend Pompeius´ Abwesenheit
Mit dem Gabinischen Gesetze wechselten die hauptstaedtischen Parteien die Rollen. Seit der erwaehlte Feldherr der Demokratie das Schwert in der Hand hielt, war seine Partei oder was dafuer galt auch in der Hauptstadt uebermaechtig. Wohl stand die Nobilitaet noch geschlossen zusammen und gingen nach wie vor aus der Komitialmaschine nur Konsuln hervor, die nach dem Ausdrucke der Demokraten schon in den Windeln zum Konsulate designiert waren; die Wahlen zu beherrschen und hier den Einfluss der alten Familien zu brechen, vermochten selbst die Machthaber nicht. Aber leider fing das Konsulat, ebenda man es so weit gebracht hatte, die "neuen Menschen" so gut wie vollstaendig davon auszuschliessen, selber an, vor dem neu aufgehenden Gestirn der; exzeptionellen Militaergewalt zu erbleichen. Die Aristokratie empfand es, wenn sie auch nicht gerade es sich gestand; sie gab sich selber verloren. Ausser Quintus Catulus, der mit achtbarer Festigkeit auf seinem wenig erfreulichen Posten als Vorfechter einer ueberwundenen Partei bis zu seinem Tode (694 60) ausharrte, ist aus den obersten Reihen der Nobilitaet kein Optimat zu nennen, der die Interessen der Aristokratie mit Mut und Stetigkeit vertreten haette. Eben ihre talentvollsten und gefeiertsten Maenner, wie Quintus Metellus Pius und Lucius Lucullus, abdizierten tatsaechlich und zogen sich, soweit es irgend schicklicherweise anging, auf ihre Villen zurueck, um ueber Gaerten und Bibliotheken, ueber Vogelhaeusern und Fischteichen den Markt und das Rathaus moeglichst zu vergessen. Noch viel mehr gilt dies natuerlich von der juengeren Generation der Aristokratie, die entweder ganz in Luxus und Literatur unterging oder der aufgehenden Sonne sich zuwandte. Ein einziger unter den Juengeren machte hiervon eine Ausnahme: es ist Marcus Porcius Cato (geboren 659 95), ein Mann vom besten Willen und seltener Hingebung, und doch eine der abenteuerlichsten und eine der unerfreulichsten Erscheinungen in dieser an politischen Zerrbildern ueberreichen Zeit. Ehrlich und stetig, ernsthaft im Wollen und im Handeln, voll Anhaenglichkeit an sein Vaterland und die angestammte Verfassung, aber ein langsamer Kopf und sinnlich wie sittlich ohne Leidenschaft, haette er allenfalls einen leidlichen Staatsrechenmeister abgeben moegen. Ungluecklicherweise aber geriet er frueh unter die Gewalt der Phrase, und, teils beherrscht von den Redensarten der Stoa, wie sie in abstrakter Kahlheit und geistloser Abgerissenheit in der damaligen vornehmen Welt im Umlauf waren, teils von dem Exempel seines Urgrossvaters, den zu erneuern er fuer seine besondere Aufgabe hielt, fing er an, als Musterbuerger und Tugendspiegel in der suendigen Hauptstadt umherzuwandeln, gleich dem alten Cato auf die Zeiten zu schelten, zu Fuss zu gehen statt zu reiten, keine Zinsen zu nehmen, soldatische Ehrenzeichen abzulehnen und die Wiederherstellung der guten alten Zeit damit einzuleiten, dass er nach Koenig Romulus' Vorgang ohne Hemd ging. Eine seltsame Karikatur seines Ahnen, des greisen Bauern, den Hass und Zorn zum Redner machten, der den Pflug wie das Schwert meisterlich fuehrte, der mit seinem bornierten, aber originellen und gesunden Menschenverstand in der Regel den Nagel auf den Kopf traf, war dieser junge kuehle Gelehrte, dem die Schulmeisterweisheit von den Lippen troff und den man immer mit dem Buche in der Hand sitzen sah, dieser Philosoph, der weder das Kriegs- noch sonst irgendein Handwerk verstand, dieser Wolkenwandler im Reiche der abstrakten Moral. Dennoch gelangte er zu sittlicher und dadurch selbst zu politischer Bedeutung. In einer durchaus elenden und feigen Zeit imponierten sein Mut und seine negativen Tugenden der Menge; er machte sogar Schule, und es gab einzelne - freilich waren sie danach -, die die lebendige Philosophenschablone weiter kopierten und abermals karikierten. Auf derselben Ursache beruht auch sein politischer Einfluss. Da er der einzige namhafte Konservative war, der wo nicht Talent und Einsicht, doch Ehrlichkeit und Mut besass und immer bereitstand, wo es noetig und nicht noetig war, seine Person in die Schanze zu schlagen, so ward er, obwohl weder sein Alter noch sein Rang noch sein Geist ihn dazu berechtigten, dennoch bald der anerkannte Vormann der Optimatenpartei. Wo das Ausharren eines einzelnen entschlossenen Mannes entscheiden konnte, hat er auch wohl einen Erfolg erzielt und in Detailfragen, namentlich finanzieller Art, oft zweckmaessig eingegriffen, wie er denn in keiner Senatssitzung fehlte und mit seiner Quaestur in der Tat Epoche machte, auch solange er lebte das oeffentliche Budget im einzelnen kontrollierte und natuerlich denn auch darueber mit den Steuerpaechtern in bestaendigem Kriege lebte. uebrigens fehlte ihm zum Staatsmann nicht mehr als alles. Er war unfaehig, einen politischen Zweck auch nur zu begreifen und politische Verhaeltnisse zu ueberblicken; seine ganze Taktik bestand darin, gegen jeden Front zu machen, der von dem traditionellen moralisch-politischen Katechismus der Aristokratie abwich oder ihm abzuweichen schien, womit er denn natuerlich ebensooft dem Gegner wie dem Parteigenossen in die Haende gearbeitet hat. Der Don Quichotte der Aristokratie, bewaehrte er durch sein Wesen und sein Tun, dass damals allenfalls noch eine Aristokratie vorhanden, die aristokratische Politik aber nichts mehr war als eine Chimaere.

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