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Theodor Mommsen

Roemische Geschichte - 5. Buch


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Mit noch groesserer Leidenschaftlichkeit trat die demokratische Reaktion in allen Personenfragen auf, wo sie nur irgend konnte und durfte. Zwar gebot ihr die Klugheit, die Rueckgabe der von Sulla eingezogenen Gueter an die ehemaligen Eigentuemer nicht zu betonen, um nicht mit den eigenen Verbuendeten sich zu entzweien und zugleich mit den materiellen Interessen in einen Kampf zu geraten, dem die Tendenzpolitik selten gewachsen ist; auch die Rueckberufung der Emigrierten hing mit dieser Vermoegensfrage zu eng zusammen, um nicht ebenso unraetlich zu erscheinen. Dagegen machte man grosse Anstrengungen, um den Kindern der Geaechteten die ihnen entzogenen politischen Rechte zurueckzugegeben (691 63) und die Spitzen der Senatspartei wurden von persoenlichen Angriffen unablaessig verfolgt. So hing Gaius Memmius dem Marcus Lucullus im Jahre 688 (66) einen Tendenzprozess an. So liess man dessen beruehmteren Bruder vor den Toren der Hauptstadt drei Jahre auf den wohlverdienten Triumph harren (688-691 66-63). Aehnlich wurden Quintus Rex und der Eroberer von Kreta, Quintus Metellus, insultiert. Groesseres Aufsehen noch machte es, dass der junge Fuehrer der Demokratie Gaius Caesar im Jahre 691 (63) nicht bloss sich es herausnahm, bei der Bewerbung um das hoechste Priesteramt mit den beiden angesehensten Maennern der Nobilitaet, Quintus Catulus und Publius Servilius, dem Sieger von Isaura, zu konkurrieren, sondern sogar bei der Buergerschaft ihnen den Rang ablief. Die Erben Sullas, namentlich sein Sohn Faustus, sahen sich bestaendig bedroht von einer Klage auf Rueckerstattung der von dem Regenten angeblich unterschlagenen oeffentlichen Gelder. Man sprach sogar von der Wiederaufnahme der im Jahre 664 (99) sistierten demokratischen Anklagen auf Grund des Varischen Gesetzes. Am nachdruecklichsten wurden begreiflicherweise die bei den Sullanischen Exekutionen beteiligten Individuen gerichtlich verfolgt. Wenn der Quaestor Marcus Cato in seiner taeppischen Ehrlichkeit selber den Anfang damit machte, ihnen die empfangenen Mordpraemien als widerrechtlich dem Staate entfremdetes Gut wiederabzufordern (689 65), so kann es nicht befremden, dass das Jahr darauf (690 64) Gaius Caesar als Vorsitzender in dem Mordgericht die Klausel in der Sullanischen Ordnung, welche die Toetung eines Geaechteten straflos erklaerte, kurzweg als nichtig behandelte und die namhaftesten unter den Schergen Sullas, Lucius Catilina, Lucius Bellienus, Lucius Luscius, vor seine Geschworenen stellen und zum Teil auch verurteilen liess. Endlich unterliess man nicht, die lange verfemten Namen der Helden und Maertyrer der Demokratie jetzt wieder oeffentlich zu nennen und ihre Andenken zu feiern. Wie Saturninus durch den gegen seinen Moerder gerichteten Prozess rehabilitiert ward, ist schon erzaehlt worden. Aber einen anderen Klang noch hatte der Name des Gaius Marius, bei dessen Nennung einst alle Herzen geklopft hatten; und es traf sich, dass derselbe Mann, dem Italien die Errettung von den nordischen Barbaren verdankte, zugleich der Oheim des gegenwaertigen Fuehrers der Demokratie war. Laut hatte die Menge gejubelt, als im Jahre 686 (68) Gaius Caesar es wagte, den Verboten zuwider bei der Beerdigung der Witwe des Marius die verehrten Zuege des Helden auf dem Markte oeffentlich zu zeigen. Aber als gar drei Jahre nachher (689 65) die Siegeszeichen, die Marius auf dem Kapitol hatte errichten und Sulla umstuerzen lassen, eines Morgens, allen unerwartet, wieder an der alten Stelle frisch in Gold und Marmor glaenzten, da draengten sich die Invaliden aus dem Afrikanischen und Kimbrischen Kriege, Traenen in den Augen, um das Bild des geliebten Feldherrn, und den jubelnden Massen gegenueber wagte der Senat nicht, an den Trophaeen sich zu vergreifen, welche dieselbe kuehne Hand den Gesetzen zum Trotz erneuert hatte.

Indes all dieses Treiben und Hadern, soviel Laerm es auch machte, war politisch betrachtet von sehr untergeordneter Bedeutung. Die Oligarchie war ueberwunden, die Demokratie ans Ruder gelangt. Dass die Kleinen und Kleinsten herbeieilten, um dem am Boden liegenden Feind noch einen Fusstritt zu versetzen; dass auch die Demokraten ihren Rechtsboden und ihren Prinzipienkult hatten; dass ihre Doktrinaere nicht ruhten, bis die saemtlichen Privilegien der Gemeinde in allen Stuecken wiederhergestellt waren und dabei gelegentlich sich laecherlich machten, wie Legitimisten es pflegen - das alles war ebenso begreiflich wie gleichgueltig. Im ganzen genommen ist die Agitation ziellos und sieht man ihr die Verlegenheit der Urheber an, einen Gegenstand fuer ihre Taetigkeit zu finden, wie sie sich denn auch fast durchaus um wesentlich schon erledigte oder um Nebensachen dreht. Es konnte nicht anders sein. In dem Kampfe gegen die Aristokratie waren die Demokraten Sieger geblieben; aber sie hatten nicht allein gesiegt und die Feuerprobe stand ihnen noch bevor - die Abrechnung nicht mit dem bisherigen Feind, sondern mit dem uebermaechtigen Bundesgenossen, dem sie in dem Kampfe mit der Aristokratie wesentlich den Sieg verdankten und dem sie jetzt eine beispiellose militaerische und politische Gewalt selbst in die Haende gegeben hatten, weil sie nicht wagten, sie ihm zu verweigern. Noch war der Feldherr des Ostens und der Meere beschaeftigt, Koenige ein- und abzusetzen; wielange Zeit er dazu sich nehmen, wann er das Kriegsgeschaeft fuer beendet erklaeren werde, konnte keiner sagen als er selbst, da wie alles andere, so auch der Zeitpunkt seiner Rueckkehr nach Italien, das heisst der Entscheidung in seine Hand gelegt war. Die Parteien in Rom inzwischen sassen und harrten. Die Optimaten freilich sahen der Ankunft des gefuerchteten Feldherrn verhaeltnismaessig ruhig entgegen; bei dem Bruch zwischen Pompeius und der Demokratie, dessen Herannahen auch ihnen nicht entging, konnten sie nicht verlieren, sondern nur gewinnen. Dagegen die Demokraten warteten mit peinlicher Angst und suchten waehrend der durch Pompeius' Abwesenheit noch vergoennten Frist gegen die drohende Explosion eine Kontermine zu legen. Hierin trafen sie wieder zusammen mit Crassus, dem nichts uebrig blieb, um dem beneideten und gehassten Nebenbuhler zu begegnen, als sich neu und enger als zuvor mit der Demokratie zu verbuenden. Schon bei der ersten Koalition hatten Caesar und Crassus als die beiden Schwaecheren sich besonders nahe gestanden; das gemeinschaftliche Interesse und die gemeinschaftliche Gefahr zog das Band noch fester, das den reichsten und den verschuldetsten Mann von Rom zu engster Allianz verknuepfte. Waehrend oeffentlich die Demokraten den abwesenden Feldherrn als das Haupt und den Stolz ihrer Partei bezeichneten und alle ihre Pfeile gegen die Aristokratie zu richten schienen, ward im stillen gegen Pompeius geruestet; und diese Versuche der Demokratie, sich der drohenden Militaerdiktatur zu entwinden, haben geschichtlich eine weit hoehere Bedeutung als die laermende und groesstenteils nur als Maske benutzte Agitation gegen die Nobilitaet. Freilich bewegten sie sich in einem Dunkel, in das unsere Ueberlieferung nur einzelne Streiflichter fallen laesst; denn nicht die Gegenwart allein, auch die Folgezeit hatte ihre Ursachen, einen Schleier darueber zu werfen. Indes im allgemeinen sind sowohl der Gang wie das Ziel dieser Bestrebungen vollkommen klar. Der Militaergewalt konnte nur durch eine andere Militaergewalt wirksam Schach geboten werden. Die Absicht der Demokraten war, sich nach dem Beispiel des Marius und Cinna der Zuegel der Regierung zu bemaechtigen, sodann einen ihrer Fuehrer sei es mit der Eroberung Aegyptens, sei es mit der Statthalterschaft Spaniens oder einem aehnlichen ordentlichen oder ausserordentlichen Amte zu betrauen und in ihm und seinem Heer ein Gegengewicht gegen Pompeius und dessen Armee zu finden. Dazu bedurften sie einer Revolution, die zunaechst gegen die nominelle Regierung, in der Tat gegen Pompeius ging als den designierten Monarchen; und um diese Revolution zu bewirken, war von der Erlassung der Gabinisch-Manilischen Gesetze an bis auf Pompeius' Rueckkehr (688 - 692 66 - 62) die Verschwoerung in Rom in Permanenz ^1. Die Hauptstadt war in aengstlicher Spannung; die gedrueckte Stimmung der Kapitalisten, die Zahlungsstockungen, die haeufigen Bankrotte waren Vorboten der gaerenden Umwaelzung, die zugleich eine gaenzlich neue Stellung der Parteien herbeifuehren zu muessen schien. Der Anschlag der Demokratie, der ueber den Senat hinweg auf Pompeius zielte, legte eine Ausgleichung zwischen diesen nahe. Die Demokratie aber, indem sie der Diktatur des Pompeius die eines ihr genehmeren Mannes entgegenzustellen versuchte, erkannte genau genommen auch ihrerseits das Militaerregiment an und trieb in der Tat den Teufel aus durch Beelzebub; unter den Haenden ward ihr die Prinzipien- zur Personenfrage.

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^1 Wer die Gesamtlage der politischen Verhaeltnisse dieser Zeit uebersieht, wird spezieller Beweise nicht beduerfen, um zu der Einsicht zu gelangen, dass das letzte Ziel der demokratischen Machinationen 688f. (66) nicht der Sturz des Senats war, sondern der des Pompeius. Doch fehlt es auch an solchen Beweisen nicht. Dass die Gabinisch-Manilischen Gesetze der Demokratie einen toedlichen Schlag versetzten, sagt Sallust (Cat. 39); dass die Verschwoerung 688-689 (66- 65) und die Servilische Rogation speziell gegen Pompeius gerichtet waren, ist gleichfalls bezeugt (Sall. Cat. 19; Val. Max. 6, 2, 4; Cic. leg. agr. 2, 17, 46). Ueberdies zeigt Crassus' Stellung zu der Verschwoerung allein schon hinreichend, dass sie gegen Pompeius gerichtet war.

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