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| | Theodor MommsenRoemische Geschichte - 5. Buch | Seite 1 von 8 1 2 3 4 5 6 7 8 | | Pompeius´ Ruecktritt und die Koalition der Praetendenten | Als Pompeius nach Erledigung der ihm aufgetragenen Verrichtungen seine Blicke wieder der Heimat zuwandte, fand er zum zweiten Male das Diadem zu seinen Fuessen. Laengst neigte die Entwicklung des roemischen Gemeinwesens einer solchen Katastrophe sich zu; es war jedem Unbefangenen offenbar und war tausendmal gesagt worden, dass, wenn der Herrschaft der Aristokratie ein Ende gemacht sein werde, die Monarchie unausbleiblich sei. Jetzt war der Senat gestuerzt zugleich durch die buergerliche, liberale Opposition und die soldatische Gewalt; es konnte sich nur noch darum handeln, fuer die neue Ordnung der Dinge die Personen, die Namen und Formen festzustellen, die uebrigens in den teils demokratischen, teils militaerischen Elementen der Umwaelzung bereits klar genug angedeutet waren. Die Ereignisse der letzten fuenf Jahre hatten auf diese bevorstehende Umwandlung des Gemeinwesens gleichsam das letzte Siegel gedrueckt. In den neu eingerichteten asiatischen Provinzen, die in ihrem Ordner den Nachfolger des grossen Alexander koeniglich verehrten und schon seine beguenstigten Freigelassenen wie Prinzen empfingen, hatte Pompeius den Grund seiner Herrschaft gelegt und zugleich die Schaetze, das Heer und den Nimbus gefunden, deren der kuenftige Fuerst des roemischen Staats bedurfte. Die anarchistische Verschwoerung aber in der Hauptstadt mit dem daran sich knuepfenden Buergerkrieg hatte es jedem, der politische oder auch nur materielle Interessen hegte, mit empfindlicher Schaerfe dargelegt, dass eine Regierung ohne Autoritaet und ohne militaerische Macht, wie die des Senats war, den Staat der ebenso laecherlichen wie furchtbaren Tyrannei der politischen Industrieritter aussetzte und dass eine Verfassungsaenderung, welche die Militaergewalt enger mit dem Regiment verknuepfte, eine unabweisliche Notwendigkeit war, wenn die gesellschaftliche Ordnung ferner Bestand haben sollte. So war im Osten der Herrscher aufgestanden, in Italien der Thron errichtet; allem Anschein nach war das Jahr 692 (62) das letzte der Republik, das erste der Monarchie.
Zwar ohne Kampf war an dieses Ziel nicht zu gelangen. Die Verfassung, die ein halbes Jahrtausend gedauert hatte und unter der die unbedeutende Stadt am Tiber zu beispielloser Groesse und Herrlichkeit gediehen war, hatte ihre Wurzeln man wusste nicht wie tief in den Boden gesenkt, und es liess sich durchaus nicht berechnen, bis in welche Schichten hinab der Versuch, sie umzustuerzen, die buergerliche Gesellschaft aufwuehlen werde. Mehrere Nebenbuhler waren in dem Wettlauf nach dem grossen Ziel von Pompeius ueberholt, aber nicht voellig beseitigt worden. Es lag durchaus nicht ausser der Berechnung, dass alle diese Elemente sich verbanden, um den neuen Machthaber zu stuerzen und Pompeius sich gegenueber Quintus Catulus und Marcus Cato mit Marcus Crassus, Gaius Caesar und Titus Labienus vereinigt fand. Aber nicht leicht konnte der unvermeidliche und unzweifelhaft ernste Kampf unter guenstigeren Verhaeltnissen aufgenommen werden. Es war in hohem Grade wahrscheinlich, dass unter dem frischen Eindrucke des Catilinarischen Aufstandes einem Regimente, das Ordnung und Sicherheit, wenngleich um den Preis der Freiheit, verhiess, die gesamte Mittelpartei sich fuegen werde, vor allem die einzig um ihre materiellen Interessen bekuemmerte Kaufmannschaft, aber nicht minder ein grosser Teil der Aristokratie, die, in sich zerruettet und politisch hoffnungslos, zufrieden sein musste, durch zeitige Transaktion mit dem Fuersten sich Reichtum, Rang und Einfluss zu sichern; vielleicht sogar mochte ein Teil der von den letzten Schlaegen schwer getroffenen Demokratie sich bescheiden, von einem durch sie auf den Schild gehobenen Militaerchef die Realisierung eines Teils ihrer Forderungen zu erhoffen. Aber wie auch immer die Parteiverhaeltnisse sich stellten, was kam, zunaechst wenigstens, auf die Parteien in Italien ueberhaupt noch an, Pompeius gegenueber und seinem siegreichen Heer? Zwanzig Jahre zuvor hatte Sulla, nachdem er mit Mithradates einen Notfrieden abgeschlossen hatte, gegen die gesamte, seit Jahren massenhaft ruestende liberale Partei, von den gemaessigten Aristokraten und der liberalen Kaufmannschaft an bis hinab zu den Anarchisten, mit seinen fuenf Legionen eine der natuerlichen Entwicklung der Dinge zuwiderlaufende Restauration durchzusetzen vermocht. Pompeius' Aufgabe war weit minder schwer. Er kam zurueck, nachdem er zur See und zu Lande seine verschiedenen Aufgaben vollstaendig und gewissenhaft geloest hatte. Er durfte erwarten, auf keine andere ernstliche Opposition zu treffen als auf die der verschiedenen extremen Parteien, von denen jede einzeln gar nichts vermochte und die, selbst verbuendet, immer nicht mehr waren als eine Koalition eben noch hitzig sich befehdender und innerlich gruendlich entzweiter Faktionen. Vollkommen ungeruestet waren sie ohne Heer und Haupt, ohne Organisation in Italien, ohne Rueckhalt in den Provinzen, vor allen Dingen ohne einen Feldherrn; es war in ihren Reihen kaum ein namhafter Militaer, geschweige denn ein Offizier, der es haette wagen duerfen, die Buerger zum Kampfe gegen Pompeius aufzurufen. Auch das durfte in Anschlag kommen, dass der jetzt seit siebzig Jahren rastlos flammende und an seiner eigenen Glut zehrende Vulkan der Revolution sichtlich ausbrannte und anfing, in sich selber zu erloeschen. Es war sehr zweifelhaft, ob es jetzt gelingen werde, die Italiker so fuer Parteiinteressen zu bewaffnen, wie noch Cinna und Carbo dies vermocht hatten. Wenn Pompeius zugriff, wie konnte es ihm fehlen, eine Staatsumwaelzung durchzusetzen, die in der organischen Entwicklung des roemischen Gemeinwesens mit einer gewissen Naturnotwendigkeit vorgezeichnet war? | | |
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