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Schnellsuche: Cassivellaunus - Eburonen - Kapitel - Buch - Mommsen - Kelten
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Theodor Mommsen

Roemische Geschichte - 5. Buch


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Caesar selbst war mit den Ergebnissen dieser leichtsinnig und mit unzulaenglichen Mitteln unternommenen Expedition so unzufrieden, dass er sogleich (Winter 699/700 55/54) eine Transportflotte von 800 Segeln instand setzen liess und im Fruehling 700 (54), diesmal mit fuenf Legionen und 2000 Reitern, zum zweitenmal nach der kentischen Kueste unter Segel ging. Vor der gewaltigen Armada wich die auch diesmal am Ufer versammelte Streitmacht der Briten, ohne einen Kampf zu wagen; Caesar trat sofort den Marsch ins Binnenland an und ueberschritt nach einigen gluecklichen Gefechten den Fluss Stour; allein er musste sehr wider seinen Willen innehalten, weil die Flotte auf der offenen Reede wiederum von den Stuermen des Kanals halb vernichtet worden war. Bis man die Schiffe auf den Strand gezogen und fuer die Reparatur umfassende Vorkehrungen getroffen, ging eine kostbare Zeit verloren, die die Kelten weislich benutzten. Der tapfere und umsichtige Fuerst Cassivellaunus, der in dem heutigen Middlesex und der Umgegend gebot, sonst der Schreck der Kelten suedlich von der Themse, jetzt aber Hort und Vorfechter der ganzen Nation, war an die Spitze der Landesverteidigung getreten. Er sah bald, dass mit dem keltischen Fussvolk gegen das roemische schlechterdings nichts auszurichten und die schwer zu ernaehrende und schwer zu regierende Masse des Landsturms der Verteidigung nur hinderlich war; also entliess er diesen und behielt nur die Streitwagen, deren er 4000 zusammenbrachte und deren Kaempfer, geuebt vom Wagen herabspringend zu Fuss zu fechten, gleich der Buergerreiterei des aeltesten Rom in zwiefacher Weise verwendet werden konnten. Als Caesar den Marsch wieder fortzusetzen imstande war, fand er denselben nirgend sich verlegt; aber die britischen Streitwagen zogen stets dem roemischen Heer vorauf und zur Seite, bewirkten die Raeumung des Landes, die bei dem Mangel an Staedten keine grosse Schwierigkeit machte, hinderten jede Detachierung und bedrohten die Kommunikationen. Die Themse ward - wie es scheint zwischen Kingston und Brentford oberhalb London - von den Roemern ueberschritten; man kam vorwaerts, aber nicht eigentlich weiter; der Feldherr erfocht keinen Sieg, der Soldat machte keine Beute und das einzige wirkliche Resultat, die Unterwerfung der Trinobanten im heutigen Essex, war weniger die Folge der Furcht vor den Roemern als der tiefen Verfeindung dieses Gaus mit Cassivellaunus. Mit jedem Schritte vorwaerts stieg die Gefahr, und der Angriff, den die Fuersten von Kent nach Cassivellaunus' Anordnung auf das roemische Schiffslager machten, mahnte, obwohl er abgeschlagen ward, doch dringend zur Umkehr. Die Erstuermung eines grossen britischen Verhacks, in dem eine Menge Vieh den Roemern in die Haende fiel, gab fuer das ziellose Vordringen einen leidlichen Abschluss und einen ertraeglichen Vorwand fuer die Umkehr. Auch Cassivellaunus war einsichtig genug, den gefaehrlichen Feind nicht aufs Aeusserste zu treiben, und versprach, wie Caesar verlangte, die Trinobanten nicht zu beunruhigen, Abgaben zu zahlen und Geiseln zu stellen; von Auslieferung der Waffen oder Zuruecklassung einer roemischen Besatzung war nicht die Rede, und selbst jene Versprechungen wurden vermutlich, soweit sie die Zukunft betrafen, ernstlich weder gegeben noch genommen. Nach Empfang der Geiseln kehrte Caesar in das Schiffslager und von da nach Gallien zurueck. Wenn er, wie es allerdings scheint, gehofft hatte, Britannien diesmal zu erobern, so war dieser Plan teils an dem klugen Verteidigungssystem des Cassivellaunus, teils und vor allem an der Unbrauchbarkeit der italischen Ruderflotte auf den Gewaessern der Nordsee vollkommen gescheitert; denn dass der bedungene Tribut niemals erlegt ward, ist gewiss. Der naechste Zweck aber: die Inselkelten aus ihrer trotzigen Sicherheit aufzuruetteln und sie zu veranlassen, in ihrem eigenen Interesse ihre Inseln nicht laenger zum Herd der festlaendischen Emigration herzugeben, scheint allerdings erreicht worden zu sein; wenigstens werden Beschwerden ueber dergleichen Schutzverleihung spaeterhin nicht wieder vernommen.

Das Werk der Zurueckweisung der germanischen Invasion und der Unterwerfung der festlaendischen Kelten war vollendet. Aber oft ist es leichter, eine freie Nation zu unterwerfen als eine unterworfene in Botmaessigkeit zu erhalten. Die Rivalitaet um die Hegemonie, an der mehr noch als an den Angriffen Roms die keltische Nation zugrunde gegangen war, ward durch die Eroberung gewissermassen aufgehoben, indem der Eroberer die Hegemonie fuer sich selbst nahm. Die Sonderinteressen schwiegen; in dem gemeinsamen Druck fuehlte man doch sich wieder als ein Volk, und was man, da man es besass, gleichgueltig verspielt hatte, die Freiheit und die Nationalitaet, dessen unendlicher Wert ward nun, da es zu spaet war, von der unendlichen Sehnsucht vollstaendig ermessen. Aber war es denn zu spaet? Mit zorniger Scham gestand man es sich, dass eine Nation, die mindestens eine Million waffenfaehiger Maenner zaehlte, eine Nation von altem und wohlbegruendetem kriegerischen Ruhm, von hoechstens 50000 Roemern sich hatte das Joch auflegen lassen. Die Unterwerfung der Eidgenossenschaft des mittleren Galliens, ohne dass sie auch nur einen Schlag getan, die der belgischen, ohne dass sie mehr getan als schlagen wollen; dagegen wieder der heldenmuetige Untergang der Nervier und Veneter, der kluge und glueckliche Widerstand der Moriner und der Briten unter Cassivellaunus - alles, was im einzelnen versaeumt und geleistet, gescheitert und erreicht war, spornte die Gemueter aller Patrioten zu neuen, womoeglich einigeren und erfolgreicheren Versuchen. Namentlich unter dem keltischen Adel herrschte eine Gaerung, die jeden Augenblick in einen allgemeinen Aufstand ausbrechen zu muessen schien. Schon vor dem zweiten Zug nach Britannien im Fruehjahr 700 (54) hatte Caesar es notwendig gefunden, sich persoenlich zu den Treverern zu begeben, die, seit sie 697 (57) in der Nervierschlacht sich kompromittiert hatten, auf den allgemeinen Landtagen nicht mehr erschienen waren und mit den ueberrheinischen Deutschen mehr als verdaechtige Verbindungen angeknuepft hatten. Damals hatte Caesar sich begnuegt, die namhaftesten Maenner der Patriotenpartei, namentlich den Indutiomarus, unter dem treverischen Reiterkontingent mit sich nach Britannien zu fuehren; er tat sein moegliches, die Verschwoerung nicht zu sehen, um nicht durch strenge Massregeln sie zur Insurrektion zu zeitigen. Allein als der Haeduer Dumnorix, der gleichfalls dem Namen nach als Reiteroffizier, in der Tat aber als Geisel sich bei dem nach Britannien bestimmten Heere befand, geradezu verweigerte sich einzuschiffen und statt dessen nach Hause ritt, konnte Caesar nicht umhin, ihn als Ausreisser verfolgen zu lassen, wobei er von der nachgeschickten Abteilung eingeholt und, da er gegen dieselbe sich zur Wehre setzte, niedergehauen ward (700 54). Dass der angesehenste Ritter des maechtigsten und noch am wenigsten abhaengigen Keltengaus von den Roemern getoetet worden, war ein Donnerschlag fuer den ganzen keltischen Adel; jeder, der sich aehnlicher Gesinnung bewusst war - und es war dies die ungeheure Majoritaet -, sah in jener Katastrophe das Bild dessen, was ihm selber bevorstand. Wenn Patriotismus und Verzweiflung die Haeupter des keltischen Adels bestimmt hatte sich zu verschwoeren, so trieb jetzt Furcht und Notwehr die Verschworenen zum Losschlagen. Im Winter 700/01 (54/53) lagerte, mit Ausnahme einer in die Bretagne und einer zweiten in den sehr unruhigen Gau der Carnuten (bei Chartres) verlegten Legion, das gesamte roemische Heer, sechs Legionen stark, im belgischen Gebiet. Die Knappheit der Getreidevorraete hatte Caesar bewogen, seine Truppen weiter, als er sonst zu tun pflegte, auseinander und in sechs verschiedene, in den Gauen der Bellovaker, Ambianer, Moriner, Nervier, Reiner und Eburonen, errichtete Lager zu verlegen. Das am weitesten gegen Osten im eburonischen Gebiet, wahrscheinlich unweit des spaeteren Aduatuca, des heutigen Tongern, angelegte Standlager, das staerkste von allen, bestehend aus einer Legion unter einem der angesehensten Caesarischen Divisionsfuehrer, dem Quintus Titurius Sabinus, und ausserdem verschiedenen, von dem tapferen Lucius Aurunculeius Cotta, gefuehrten Detachements zusammen von der Staerke einer halben Legion ^18, fand sich urploetzlich von dem Landsturm der Eburonen unter den Koenigen Ambiorix und Catuvolcus umzingelt. Der Angriff kam so unerwartet, dass die eben vom Lager abwesenden Mannschaften nicht einberufen werden konnten und von den Feinden aufgehoben wurden; uebrigens war zunaechst die Gefahr nicht gross, da es an Vorraeten nicht mangelte und der Sturm, den die Eburonen versuchten, an den roemischen Verschanzungen machtlos abprallte. Aber Koenig Ambiorix eroeffnete dem roemischen Befehlshaber, dass die saemtlichen roemischen Lager in Gallien an demselben Tage in gleicher Weise angegriffen und die Roemer unzweifelhaft verloren seien, wenn die einzelnen Korps nicht rasch aufbraechen und miteinander sich vereinigten; dass Sabinus damit um so mehr Ursache habe zu eilen, als gegen ihn auch die ueberrheinischen Deutschen bereits im Anmarsch seien; dass er selbst aus Freundschaft fuer die Roemer ihnen freien Abzug bis zu dem naechsten, nur zwei Tagemaersche entfernten roemischen Lager zusichere. Einiges in diesen Angaben schien nicht erfunden; dass der kleine, von den Roemern besonders beguenstigte Gau der Eburonen den Angriff auf eigene Hand unternommen habe, war in der Tat unglaublich und bei der Schwierigkeit, mit den anderen, weit entfernten Lagern sich in Verbindung zu setzen, die Gefahr von der ganzen Masse der Insurgenten angegriffen und vereinzelt aufgerieben zu werden, keineswegs gering zu achten; nichtsdestoweniger konnte es nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, dass sowohl die Ehre wie die Klugheit gebot, die vom Feinde angebotene Kapitulation zurueckzuweisen und an dem anvertrauten Posten auszuharren. Auch im Kriegsrat vertraten zahlreiche Stimmen, namentlich die gewichtige des Lucius Aurunculeius Cotta diese Ansicht. Dennoch entschied sich der Kommandant dafuer, den Vorschlag des Ambiorix anzunehmen. Die roemischen Truppen zogen also am anderen Morgen ab; aber in einem schmalen Tal, kaum eine halbe Meile vom Lager, angelangt, fanden sie sich von den Eburonen umzingelt und jeden Ausweg gesperrt. Sie versuchten, mit den Waffen sich den Weg zu oeffnen; allein die Eburonen liessen sich auf kein Nahgefecht ein und begnuegten sich, aus ihren unangreifbaren Stellungen ihre Geschosse in den Knaeuel der Roemer zu entsenden. Wie verwirrt, als ob er Rettung vor dem Verrat bei dem Verraeter suchte, begehrte Sabinus eine Zusammenkunft mit Ambiorix; sie wurde gewaehrt und er und die ihn begleitenden Offiziere erst entwaffnet, dann niedergemacht. Nach dem Fall des Befehlshabers warfen sich die Eburonen von allen Seiten zugleich auf die erschoepften und verzweifelnden Roemer und brachen ihre Reihen: die meisten, unter ihnen der schon frueher verwundete Cotta, fanden bei diesem Angriff ihren Tod; ein kleiner Teil, dem es gelungen war, das verlassene Lager wiederzugewinnen, stuerzte sich waehrend der folgenden Nacht in die eigenen Schwerter. Der ganze Heerhaufen ward vernichtet.

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^18 Dass Cotta, obwohl nicht Unterfeldherr des Sabinus, sondern gleich ihm Legat, doch der juengere und minder angesehene General und wahrscheinlich im Fall einer Differenz sich zu fuegen angewiesen war, ergibt sich sowohl aus den frueheren Leistungen des Sabinus, als daraus, dass, wo beide zusammen genannt werden (Gall. 4, 22, 37; 5, 24, 26, 52; 6, 32; anders 6, 37), Sabinus regelmaessig voransteht, nicht minder aus der Erzaehlung der Katastrophe selbst. ueberdies kann man doch unmoeglich annehmen, dass Caesar einem Lager zwei Offiziere mit gleicher Befugnis vorgesetzt und fuer den Fall der Meinungsverschiedenheit gar keine Anordnung getroffen haben soll. Auch zaehlen die fuenf Kohorten nicht als Legion mit (vgl. Gall. 6, 32, 33), so wenig wie die zwoelf Kohorten an der Rheinbruecke (Gall. 6, 29 vgl. 32, 33), und scheinen aus Detachements anderer Heerteile bestanden zu haben, die diesem den Germanen zunaechst gelegenen Lager zur Verstaerkung zugeteilt worden waren.

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