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| | Theodor MommsenRoemische Geschichte - 5. Buch | Seite 1 von 18 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 | | Brundisium, Ilerda, Pharsalos und Thapsus | Zwischen den beiden bisherigen Gesamtherrschern von Rom sollten also die Waffen entscheiden, wer von ihnen berufen sei, Roms erster Alleinherrscher zu sein. Sehen wir, wie fuer die bevorstehende Kriegfuehrung zwischen Caesar und Pompeius sich das Machtverhaeltnis gestellt hatte.
Caesars Macht ruhte zunaechst auf der voellig unumschraenkten Gewalt, deren er innerhalb seiner Partei genoss. Wenn die Ideen der Demokratie und der Monarchie in ihr zusammenflossen, so war dies nicht die Folge einer zufaellig eingegangenen und zufaellig loesbaren Koalition, sondern es war im tiefsten Wesen der Demokratie ohne Repraesentativverfassung begruendet, dass Demokratie wie Monarchie zugleich ihren hoechsten und letzten Ausdruck in Caesar fanden. Politisch wie militaerisch entschied Caesar durchaus in erster und letzter Instanz. In wie hohen Ehren er auch jedes brauchbare Werkzeug hielt, so blieb es doch immer Werkzeug: Caesar stand innerhalb seiner Partei ohne Genossen, nur umgeben von militaerisch-politischen Adjutanten, die in der Regel aus der Armee hervorgegangen und als Soldaten geschult waren, nirgends nach Grund und Zweck zu fragen, sondern unbedingt zu gehorchen. Darum vor allem hat in dem entscheidenden Augenblick, als der Buergerkrieg begann, von allen Soldaten und Offizieren Caesars nur ein einziger ihm den Gehorsam verweigert; und es bestaetigt nur diese Auffassung des Verhaeltnisses Caesars zu seinen Anhaengern, dass dieser eine eben von allen der Erste war. Titus Labienus hatte mit Caesar alle Drangsale der duesteren catilinarischen Zeit wie allen Glanz der gallischen Siegeslaufbahn geteilt, hatte regelmaessig selbstaendig befehligt und haeufig die halbe Armee gefuehrt; er war ohne Frage wie der aelteste, tuechtigste und treueste unter Caesars Adjutanten, so auch der hoechstgestellte und am hoechsten geehrte. Noch im Jahre 704 (50) hatte Caesar ihm den Oberbefehl im Diesseitigen Gallien uebertragen, um teils diesen Vertrauensposten in sichere Hand zu geben, teils zugleich Labienus in seiner Bewerbung um das Konsulat damit zu foerdern. Allein ebenhier trat Labienus mit der Gegenpartei in Verbindung, begab sich beim Beginn der Feindseligkeiten im Jahre 705 (49), statt in Caesars in Pompeius' Hauptquartier und kaempfte waehrend des ganzen Buergerkrieges mit beispielloser Erbitterung gegen seinen alten Freund und Kriegsherrn. Wir sind weder ueber Labienus' Charakter noch ueber die einzelnen Umstaende seines Parteiwechsels genuegend unterrichtet; im wesentlichen aber liegt hier sicher nichts vor als ein weiterer Beleg dafuer, dass der Kriegsfuerst weit sicherer auf seine Hauptleute als auf seine Marschaelle zaehlen kann. Allem Anschein nach war Labienus eine jener Persoenlichkeiten, die mit militaerischer Brauchbarkeit vollstaendige staatsmaennische Unfaehigkeit vereinigen und die dann, wenn sie ungluecklicherweise Politik machen wollen oder muessen, jenen tollen Schwindelanfaellen ausgesetzt sind, wovon die Geschichte der Napoleonischen Marschaelle so manches tragikomische Beispiel aufzeigt. Er mochte wohl sich berechtigt halten, als das zweite Haupt der Demokratie neben Caesar zu gelten; und dass er mit diesem Anspruch zurueckgewiesen ward, wird ihn in das Lager der Gegner gefuehrt haben. Es zeigte hier zum ersten Male sich die ganze Schwere des Uebelstandes, dass Caesars Behandlung seiner Offiziere als unselbstaendiger Adjutanten keine zur Uebernahme eines abgesonderten Kommandos geeigneten Maenner in seinem Lager emporkommen liess, waehrend er doch bei der leicht vorherzusehenden Zersplitterung der bevorstehenden Kriegfuehrung durch alle Provinzen des weiten Reiches ebensolcher Maenner dringend bedurfte. Allein dieser Nachteil wurde dennoch weit aufgewogen durch die erste und nur um diesen Preis zu bewahrende Bedingung eines jeden Erfolgs, die Einheit der obersten Leitung.
Die einheitliche Leitung erhielt ihre volle Gewalt durch die Brauchbarkeit der Werkzeuge. Hier kam in erster Linie in Betracht die Armee. Sie zaehlte noch neun Legionen Infanterie oder hoechstens 50000 Mann, welche aber alle vor dem Feinde gestanden und von denen zwei Drittel saemtliche Feldzuege gegen die Kelten mitgemacht hatten. Die Reiterei bestand aus deutschen und norischen Soeldnern, deren Brauchbarkeit und Zuverlaessigkeit in dem Kriege gegen Vercingetorix erprobt worden war. Der achtjaehrige Krieg voll mannigfacher Wechselfaelle gegen die tapfere, wenn auch militaerisch der italischen entschieden nachstehende keltische Nation hatte Caesar die Gelegenheit gegeben, seine Armee zu organisieren, wie nur er zu organisieren verstand. Alle Brauchbarkeit des Soldaten setzt physische Tuechtigkeit voraus: bei Caesars Aushebungen wurde auf Staerke und Gewandtheit der Rekruten mehr als auf Vermoegen und Moralitaet gesehen. Aber die Leistungsfaehigkeit der Armee beruht, wie die einer jeden Maschine, vor allen Dingen auf der Leichtigkeit und Schnelligkeit der Bewegung: in der Bereitschaft zum sofortigen Aufbruch zu jeder Zeit und in der Schnelligkeit des Marschierens erlangten Caesars Soldaten eine selten erreichte und wohl nie uebertroffene Vollkommenheit. Mut galt natuerlich ueber alles: die Kunst, den kriegerischen Wetteifer und den Korpsgeist anzufachen, so dass die Bevorzugung einzelner Soldaten und Abteilungen selbst den Zurueckstehenden als die notwendige Hierarchie der Tapferkeit erschien, uebte Caesar mit unerreichter Meisterschaft. Er gewoehnte den Leuten das Fuerchten ab, indem er, wo es ohne ernste Gefahr geschehen konnte, die Soldaten nicht selten von einem bevorstehenden Kampf nicht in Kenntnis setzte, sondern sie unvermutet auf den Feind treffen liess. Aber der Tapferkeit gleich stand der Gehorsam. Der Soldat wurde angehalten, das Befohlene zu tun, ohne nach Ursache und Absicht zu fragen; manche zwecklose Strapaze wurde einzig als Uebung in der schweren Kunst der blinden Folgsamkeit ihm auferlegt. Die Disziplin war streng, aber nicht peinlich: unnachsichtlich ward sie gehandhabt, wenn der Soldat vor dem Feinde stand; zu anderen Zeiten, vor allem nach dem Siege, wurden die Zuegel nachgelassen, und wenn es dem sonst brauchbaren Soldaten dann beliebte, sich zu parfuemieren oder mit eleganten Waffen und andern Dingen sich zu putzen, ja sogar, wenn er Brutalitaeten oder Unrechtfertigkeiten selbst bedenklicher Art sich zu Schulden kommen liess und nur nicht zunaechst die militaerischen Verhaeltnisse dadurch beruehrt wurden, so ging die Narrenteidung wie das Verbrechen ihm hin und die desfaelligen Klagen der Provinzialen fanden bei dem Feldherrn ein taubes Ohr. Meuterei dagegen ward, nicht bloss den Anstiftern, sondern selbst dem Korps, niemals verziehen. Aber der rechte Soldat soll nicht bloss ueberhaupt tuechtig, tapfer und gehorsam, sondern er soll dies alles willig, ja freiwillig sein; und nur genialen Naturen ist es gegeben, durch Beispiel und durch Hoffnung und vor allem durch das Bewusstsein, zweckmaessig gebraucht zu werden, die beseelte Maschine, die sie regieren, zum freudigen Dienen zu bestimmen. Wenn der Offizier, um von seinen Leuten Tapferkeit zu verlangen, selbst mit ihnen der Gefahr ins Auge gesehen haben muss, so hatte Caesar auch als Feldherr Gelegenheit gehabt, den Degen zu ziehen und dann gleich dem Besten ihn gebraucht; an Taetigkeit aber und Strapazen mutete er stets sich selbst weit mehr zu als seinen Soldaten. Caesar sorgte dafuer, dass an den Sieg, der zunaechst freilich dem Feldherrn Gewinn bringt, doch auch fuer den Soldaten sich persoenliche Hoffnungen knuepften. Dass er es verstand, die Soldaten fuer die Sache der Demokratie zu begeistern, soweit die prosaisch gewordene Zeit noch Begeisterung gestattet, und dass die politische Gleichstellung der transpadanischen Landschaft, der Heimat seiner meisten Soldaten, mit dem eigentlichen Italien als eines der Kampfziele hingestellt ward, wurde schon erwaehnt. Es versteht sich, dass daneben auch materielle Praemien nicht fehlten, sowohl besondere fuer hervorragende Waffentaten, wie allgemeine fuer jeden tuechtigen Soldaten; dass die Offiziere dotiert, die Soldaten beschenkt und fuer den Triumph die verschwenderischsten Gaben in Aussicht gestellt wurden. Aber vor allen Dingen verstand es Caesar als wahrer Heermeister, in jedem einzelnen grossen oder kleinen Triebrad des maechtigen Instruments das Gefuehl zweckmaessiger Verwendung zu erwecken. Der gewoehnliche Mensch ist zum Dienen bestimmt und er straeubt sich nicht, Werkzeug zu sein, wenn er fuehlt, dass ein Meister ihn lenkt. Allgegenwaertig und jederzeit ruhte der Adlerblick des Feldherrn auf dem ganzen Heer, mit unparteiischer Gerechtigkeit belohnend und bestrafend und der Taetigkeit eines jeden die zum Besten aller dienenden Wege weisend, so dass auch mit des Geringsten Schweiss und Blut nicht experimentiert oder gespielt, darum aber auch, wo es noetig war, unbedingte Hingebung bis in den Tod gefordert ward. Ohne dem einzelnen in das gesamte Triebwerk den Einblick zu gestatten, liess Caesar ihn doch genug von dem politischen und militaerischen Zusammenhang der Dinge ahnen, um als Staatsmann und Feldherr von dem Soldaten erkannt, auch wohl idealisiert zu werden. Durchaus behandelte er die Soldaten nicht als seinesgleichen, aber als Maenner, welche Wahrheit zu fordern berechtigt und zu ertragen faehig waren, und die den Versprechungen und Versicherungen des Feldherrn Glauben zu schenken hatten, ohne Prellerei zu vermuten oder auf Geruechte zu horchen; als langjaehrige Kameraden in Krieg und Sieg, unter denen kaum einer war, den er nicht mit Namen kannte und bei dem sich nicht in all den Feldzuegen ein mehr oder minder persoenliches Verhaeltnis zu dem Feldherrn gebildet haette; als gute Genossen, mit denen er zutraulich und mit der ihm eigenen heiteren Elastizitaet schwatzte und verkehrte; als Schutzbefohlene, deren Dienste zu vergelten, deren Unbill und Tod zu raechen ihm heilige Pflicht war. Vielleicht nie hat es eine Armee gegeben, die so vollkommen war, was die Armee sein soll: eine fuer ihre Zwecke faehige und fuer ihre Zwecke willige Maschine in der Hand eines Meisters, der auf sie seine eigene Spannkraft uebertraegt. Caesars Soldaten waren und fuehlten sich zehnfacher Uebermacht gewachsen: wobei nicht uebersehen werden darf, dass bei der durchaus auf das Handgemenge und vornehmlich den Schwertkampf berechneten roemischen Taktik der geuebte roemische Soldat dem Neuling in noch weit hoeherem Grade ueberlegen war, als dies unter den heutigen Verhaeltnissen der Fall ist ^1. Aber noch mehr als durch die ueberlegene Tapferkeit fuehlten die Gegner sich gedemuetigt durch die unwandelbare und ruehrende Treue, mit der Caesars Soldaten an ihrem Feldherrn hingen. Es ist wohl ohne Beispiel in der Geschichte, dass, als der Feldherr seine Soldaten aufrief, ihm in den Buergerkrieg zu folgen, mit der einzigen, schon erwaehnten Ausnahme des Labienus kein roemischer Offizier und kein roemischer Soldat ihn im Stich liess. Die Hoffnungen der Gegner auf eine ausgedehnte Desertion scheiterten ebenso schmaehlich wie der fruehere Versuch, sein Heer wie das des Lucullus auseinander zu sprengen; selbst Labienus erschien in Pompeius' Lager wohl mit einem Haufen keltischer und deutscher Reiter, aber ohne einen einzigen Legionaer. Ja die Soldaten, als wollten sie zeigen, dass der Krieg ganz ebenso ihre Sache sei wie die des Feldherrn, machten unter sich aus, dass sie den Sold, den ihnen Caesar beim Ausbruch des Buergerkrieges zu verdoppeln versprochen hatte, bis zu dessen Beendigung dem Feldherrn kreditieren und inzwischen die aermeren Kameraden aus allgemeinen Mitteln unterstuetzen wollten; ueberdies ruestete und besoldete jeder Unteroffizier einen Reiter aus seiner Tasche.
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^1 Ein gefangener Centurio von der zehnten Legion Caesars erklaerte dem feindlichen Oberfeldherrn dass er bereit sei, es mit zehn von seinen Leuten gegen die beste feindliche Kohorte (500 Mann) aufzunehmen (Bell. Afr. 45). "In der Fechtweise der Alten", urteilt Napoleon I., "bestand die Schlacht aus lauter Zweikaempfen; in dem Munde des heutigen Soldaten wuerde es Prahlerei sein, was in dem jenes Centurionen nur richtig war." Von dem Soldatengeist, der Caesars Armee durchdrang, legen die seinen Memoiren angehaengten Berichte ueber den Afrikanischen und den Zweiten Spanischen Krieg, von denen jener einen Offizier zweiten Ranges zum Verfasser zu haben scheint, dieser ein in jeder Beziehung subalternes Lagerjournal ist, lebendigen Beweis ab. | | |
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