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Theodor Mommsen

Roemische Geschichte - 5. Buch


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In den Ausgaben wurde zunaechst durch die ansehnliche Beschraenkung der Getreidespenden eine Verminderung erzielt. Die beibehaltene Kornverteilung an die hauptstaedtischen Armen sowie die verwandte, von Caesar neu eingefuehrte Oellieferung fuer die hauptstaedtischen Baeder ward wenigstens zum grossen Teil ein- fuer allemal fundiert auf die Naturalabgaben von Sardinien und namentlich von Afrika und schied dadurch aus dem Kassenwesen ganz oder groesstenteils aus. Andererseits stiegen die regelmaessigen Ausgaben fuer das Militaerwesen, teils durch die Vermehrung des stehenden Heeres, teils durch die Erhoehung der bisherigen Loehnung des Legionaers, von jaehrlich 480 (36 Taler) auf jaehrlich 900 Sesterzen (68« Taler). Beides war in der Tat unerlaesslich. Eine ernstliche Grenzverteidigung mangelte ganz und die unerlaessliche Voraussetzung derselben war eine ansehnliche Vermehrung der Armee. Die Verdoppelung des Soldes hat Caesar wohl benutzt, um seine Soldaten fest an sich zu ketten, aber nicht aus diesem Grunde als bleibende Neuerung eingefuehrt. Der bisherige Sold von 1 1/3 Sesterz (2 Groschen) den Tag war festgesetzt worden in uralten Zeiten, wo das Geld einen ganz anderen Wert hatte als in dem damaligen Rom; nur deshalb hatte er bis in eine Zeit hinein, wo der gemeine Tageloehner in der Hauptstadt mit seiner Haende Arbeit taeglich durchschnittlich 3 Sesterzen (5 Groschen) verdiente, beibehalten werden koennen, weil in diesen Zeiten der Soldat nicht des Soldes halber, sondern hauptsaechlich wegen der groesstenteils unerlaubten Akzidentien des Militaerdienstes in das Heer eintrat. Zu einer ernstlichen Reform des Militaerwesens und zur Beseitigung des meist den Provinzialen aufgebuerdeten unregelmaessigen Soldatenverdienstes war die erste Bedingung eine zeitgemaesse Erhoehung der regulaeren Loehnung; und die Fixierung derselben auf 2« Sesterzen (4 Groschen) darf als eine billige, die dem Aerar dadurch aufgebuerdete grosse Last als eine notwendige und in ihren Folgen segensreiche betrachtet werden. Von dem Belauf der ausserordentlichen Ausgaben, die Caesar uebernehmen musste oder freiwillig uebernahm, ist es schwer, sich eine Vorstellung zu machen. Die Kriege selbst frassen ungeheure Summen; und vielleicht nicht geringere wurden erfordert, um die Zusicherungen zu erfuellen, die Caesar waehrend des Buergerkrieges zu machen genoetigt worden war. Es war ein schlimmes und fuer die Folgezeit leider nicht verlorenes Beispiel, dass jeder gemeine Soldat fuer seine Teilnahme am Buergerkrieg 20000 Sesterzen (1500 Taler), jeder Buerger der hauptstaedtischen Menge fuer seine Nichtbeteiligung an demselben als Zulage zum Brotkorn 300 Sesterzen (22 Taler) empfing; Caesar indes, nachdem er einmal in dem Drange der Umstaende sein Wort verpfaendet, war zu sehr Koenig, um davon abzudingen. Ausserdem genuegte Caesar unzaehligen Anforderungen ehrenhafter Freigebigkeit und machte namentlich fuer das Bauwesen, das waehrend der Finanznot der letzten Zeit der Republik schmaehlich vernachlaessigt worden war, ungeheure Summen fluessig - man berechnete den Kostenbetrag seiner teils waehrend der gallischen Feldzuege, teils nachher in der Hauptstadt ausgefuehrten Bauten auf 160 Mill. Sesterzen (12 Mill. Taler). Das Gesamtresultat der finanziellen Verwaltung Caesars ist darin ausgesprochen, dass er durch einsichtige und energische Reformen und durch die rechte Vereinigung von Sparsamkeit und Liberalitaet allen billigen Anspruechen reichlich und voellig genuegte und dennoch bereits im Maerz 710 (44) in der Kasse des Staats 700, in seiner eigenen 100 Mill. Sesterzen (zusammen 61 Mill. Taler) bar lagen - eine Summe, die den Kassenbestand der Republik in ihrer bluehendsten Zeit um das Zehnfache ueberstieg.

Aber die Aufgabe, die alten Parteien aufzuloesen und das neue Gemeinwesen mit einer angemessenen Verfassung, einer schlagfertigen Armee und geordneten Finanzen auszustatten, so schwierig sie war, war nicht der schwierigste Teil von Caesars Werk. Sollte in Wahrheit die italische Nation wiedergeboren werden, so bedurfte es einer Reorganisation, die alle Teile des grossen Reiches, Rom, Italien und die Provinzen, umwandelte. Versuchen wir auch hier sowohl die alten Zustaende als auch die Anfaenge einer neuen und leidlicheren Zeit zu schildern. Aus Rom war der gute Stamm latinischer Nation laengst voellig verschwunden. Es liegt in den Verhaeltnissen, dass die Hauptstadt ihr munizipales und selbst ihr nationales Gepraege schneller verschleift als jedes untergeordnete Gemeinwesen. Hier scheiden die hoeheren Klassen rasch aus dem staedtischen Gemeinleben aus, um mehr in dem ganzen Staate als in einer einzelnen Stadt ihre Heimat zu finden; hier konzentriert sich unvermeidlich die auslaendische Ansiedlung, die fluktuierende Bevoelkerung von Vergnuegens- und Geschaeftsreisenden, die Masse des muessigen, faulen, verbrecherischen, oekonomisch und moralisch bankrotten und eben darum kosmopolitischen Gesindels. Auf Rom fand dies alles in hervorragender Weise Anwendung. Der wohlhabende Roemer betrachtete sein Stadthaus haeufig nur als ein Absteigequartier. Indem aus der staedtischen Munizipalitaet die Reichsaemter hervorgingen, das staedtische Vogtding die Versammlung der Reichsbuerger ward, kleinere, sich selber regierende Bezirks- oder sonstige Gemeinschaften innerhalb der Hauptstadt nicht geduldet wurden, hoerte jedes eigentliche Kommunalleben fuer Rom auf. Aus dem ganzen Umfange des weitumfassenden Reiches stroemte man nach Rom, um zu spekulieren, zu debauchieren, zu intrigieren, zum Verbrecher sich auszubilden oder auch daselbst vor dem Auge des Gesetzes sich zu verbergen. Diese Uebel gingen aus dem hauptstaedtischen Wesen gewissermassen mit Notwendigkeit hervor; andere, mehr zufaellige und vielleicht noch ernstere gesellten sich dazu. Es hat vielleicht nie eine Grossstadt gegeben, die so durchaus nahrungslos war wie Rom; teils die Einfuhr, teils die haeusliche Fabrikation durch Sklaven machten hier jede freie Industrie von vornherein unmoeglich. Die nachteiligen Folgen des Grunduebels der Staatenbildung im Altertum ueberhaupt, des Sklavensystems, traten in der Hauptstadt schaerfer als irgendwo sonst hervor. Nirgends haeuften solche Sklavenmassen sich an wie in den hauptstaedtischen Palaesten der grossen Familien oder der reichen Emporkoemmlinge. Nirgends mischten sich so wie in der hauptstaedtischen Sklavenschaft die Nationen dreier Weltteile, Syrer, Phryger und andere Halbhellenen mit Libyern und Mohren, Geten und Iberer mit den immer zahlreicher einstroemenden Kelten und Deutschen. Die von der Unfreiheit unzertrennliche Demoralisation und der scheussliche Widerspruch des formellen und des sittlichen Rechts kamen weit greller zum Vorschein bei dem halb oder ganz gebildeten, gleichsam vornehmen Stadtsklaven als bei dem Ackerknecht, der das Feld gleich dem gefesselten Stier in Ketten bestellte. Schlimmer noch als die Sklavenmassen waren die der rechtlich oder auch bloss tatsaechlich freigegebenen Leute, ein Gemisch bettelhaften Gesindels und schwerreicher Parvenus, nicht mehr Sklaven und doch nicht voellig Buerger, oekonomisch und selbst rechtlich von ihrem Herrn abhaengig und doch mit den Anspruechen freier Maenner; und eben die Freigelassenen zogen sich vor allem nach der Hauptstadt, wo es Verdienst mancherlei Art gab und der Kleinhandel wie das kleine Handwerk fast ganz in ihren Haenden waren. Ihr Einfluss auf die Wahlen wird ausdruecklich bezeugt; und dass sie auch bei den Strassenkrawallen voran waren, zeigt schon das gewoehnliche Signal, wodurch diese von den Demagogen gleichsam angesagt wurden, die Schliessung der Buden und Verkaufslokale. Zu allem dem kam, dass die Regierung nicht bloss nichts tat, um dieser Korrumpierung der hauptstaedtischen Bevoelkerung entgegenzuwirken, sondern sogar ihrer egoistischen Politik zuliebe ihr Vorschub leistete. Die verstaendige Gesetzvorschrift, welche dem wegen Kapitalverbrechens verurteilten Individuum den Aufenthalt in der Hauptstadt untersagte, ward von der schlaffen Polizei nicht zur Ausfuehrung gebracht. Die dringend nahegelegte polizeiliche Ueberwachung der Assoziation des Gesindels ward anfangs vernachlaessigt, spaeterhin als freiheitswidrige Volksbeschraenkung sogar fuer strafbar erklaert. Die Volksfeste hatte man so anwachsen lassen, dass die sieben ordentlichen allein, die roemischen, die plebejischen, die der Goettermutter, der Ceres, des Apoll, der Flora und der Victoria, zusammen zweiundsechzig Tage waehrten, wozu dann noch die Fechterspiele und unzaehlige andere ausserordentliche Lustbarkeiten kamen. Die bei einem solchen, durchaus von der Hand in den Mund lebenden Proletariat unumgaengliche Fuersorge fuer niedrige Getreidepreise ward mit dem gewissenlosesten Leichtsinn gehandhabt, und die Preisschwankungen des Brotkorns waren fabelhafter und unberechenbarer Art ^19. Endlich, die Getreideverteilungen luden das gesamte nahrungslose und arbeitsscheue Buergerproletariat offiziell ein, seinen Sitz in der Hauptstadt aufzuschlagen. Es war eine arge Saat und die Ernte entsprach ihr. Das Klub- und Bandenwesen auf dem politischen Gebiet, auf dem religioesen der Isisdienst und der gleichartige fromme Schwindel hatten hier ihre Wurzeln. Man war bestaendig im Angesicht einer Teuerung und nicht selten in voller Hungersnot. Nirgends war man seines Lebens weniger sicher als in der Hauptstadt: der gewerbsmaessig betriebene Banditenmord war das einzige derselben eigene Handwerk; es war die Einleitung zur Ermordung, dass das Schlachtopfer nach Rom gelockt ward; niemand wagte sich ohne bewaffnetes Gefolge in die Umgegend der Hauptstadt. Auch die aeussere Beschaffenheit derselben entsprach dieser inneren Zerruettung und schien eine lebendige Satire auf das aristokratische Regiment. Fuer die Regulierung des Tiberstromes ward nichts getan; kaum dass man die einzige Bruecke, mit der man immer noch sich behalf, wenigstens bis zur Tiberinsel von Stein auffuehren liess. Fuer die Planierung der Siebenhuegelstadt war ebensowenig etwas geschehen, ausser wo etwa die Schutthaufen ausgeglichen hatten. Die Strassen gingen eng und winkelig Huegel auf und ab und waren elend gehalten, die Trottoirs schmal und schlecht gepflastert. Die gewoehnlichen Haeuser waren von Ziegeln ebenso liederlich wie schwindelnd hoch gebaut, meistens von spekulierenden Baumeistern fuer Rechnung der kleinen Besitzer, wobei jene steinreich, diese zu Bettlern wurden. Wie einzelne Inseln in diesem Meer von elenden Gebaeuden erschienen die glaenzenden Palaeste der Reichen, die den kleinen Haeusern ebenso den Raum verengten wie ihre Besitzer den kleinen Leuten ihr Buergerrecht im Staat und neben deren Marmorsaeulen und griechischen Statuen die verfallenden Tempel mit ihren grossenteils noch holzgeschnitzten Goetterbildern eine traurige Figur machten. Von einer Strassen-, einer Ufer-, Feuer- und Baupolizei war kaum die Rede; wenn die Regierung um die alljaehrlich eintretenden Ueberschwemmungen, Feuersbruenste und Haeusereinstuerze ueberhaupt sich bekuemmerte, so geschah es, um von den Staatstheologen Bericht und Bedenken ueber den wahren Sinn solcher Zeichen und Wunder zu begehren. Man versuche sich ein London zu denken mit der Sklavenbevoelkerung von New Orleans, mit der Polizei von Konstantinopel, mit der Industrielosigkeit des heutigen Rom und bewegt von einer Politik nach dem Muster der Pariser von 1848, und man wird eine ungefaehre Vorstellung von der republikanischen Herrlichkeit gewinnen, deren Untergang Cicero und seine Genossen in ihren Schmollbriefen betrauern.

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^19 In dem Produktionsland Sizilien ward der roemische Scheffel innerhalb weniger Jahre zu 2 und zu 20 Sesterzen verkauft; man rechne danach, wie die Preisschwankungen in Rom sich stellen mussten, das von ueberseeischem Korn lebte und der Sitz der Spekulanten war.

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