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  Roemische Geschichte - 5. Buch
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Theodor Mommsen

Roemische Geschichte - 5. Buch


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Caesar trauerte nicht, aber er suchte zu helfen, soweit zu helfen war. Rom blieb natuerlich, was es war, eine Weltstadt. Der Versuch ihm wiederum einen spezifisch italischen Charakter zu geben, waere nicht bloss unausfuehrbar gewesen, sondern haette auch in Caesars Plan nicht gepasst. Aehnlich wie Alexander fuer sein griechisch-orientalisches Reich eine angemessene Hauptstadt in dem hellenisch-juedisch-aegyptischen und vor allem kosmopolitischen Alexandreia fand, so sollte auch die im Mittelpunkt des Orients und Okzidents gelegene Hauptstadt des neuen roemisch-hellenischen Weltreichs nicht eine italische Gemeinde sein, sondern die denationalisierte Kapitale vieler Nationen. Darum duldete es Caesar, dass neben dem Vater Jovis die neu angesiedelten aegyptischen Goetter verehrt wurden, und gestattete sogar den Juden die freie Uebung ihres seltsam fremdartigen Rituals auch in der Hauptstadt des Reiches. Wie widerlich bunt immer die parasitische, namentlich hellenisch-orientalische Bevoelkerung in Rom sich mischte, er trat ihrer Ausbreitung nirgends in den Weg; es ist bezeichnend, dass er bei seinen hauptstaedtischen Volksfesten Schauspiele nicht bloss in lateinischer und griechischer, sondern auch in anderen Zungen, vermutlich in phoenikischer, hebraeischer, syrischer, spanischer auffuehren liess.

Aber wenn Caesar den Grundcharakter der Hauptstadt so, wie er ihn fand, mit vollem Bewusstsein akzeptierte, so wirkte er doch energisch hin auf die Besserung der daselbst obwaltenden klaeglichen und schimpflichen Zustaende. Leider waren eben die Grunduebel am wenigsten austilgbar. Die Sklaverei mit ihrem Gefolge von Landplagen konnte Caesar nicht abstellen; es muss dahingestellt bleiben, ob er mit der Zeit versucht haben wuerde, die Sklavenbevoelkerung in der Hauptstadt wenigstens zu beschraenken, wie er dies auf einem anderen Gebiete unternahm. Ebensowenig vermochte Caesar eine freie hauptstaedtische Industrie aus dem Boden zu zaubern; doch halfen die ungeheuren Bauten der Nahrungslosigkeit daselbst einigermassen ab und eroeffneten dem Proletariat eine Quelle schmalen, aber ehrlichen Erwerbes. Dagegen wirkte Caesar energisch darauf hin, die Masse des freien Proletariats zu vermindern. Der stehende Zufluss von solchen, die die Getreidespenden nach Rom fuehrten, ward durch Verwandlung derselben in eine auf eine feste Kopfzahl beschraenkte Armenversorgung wenn nicht ganz verstopfte ^20, doch sehr wesentlich beschraenkt. Unter dem vorhandenen Proletariat raeumten einerseits die Gerichte auf, die angewiesen wurden, mit unnachsichtlicher Strenge gegen das Gesindel einzuschreiten, andererseits die umfassende ueberseeische Kolonisation; von den 80000 Kolonisten, die Caesar in den wenigen Jahren seiner Regierung ueber das Meer fuehrte, wird ein sehr grosser Teil den unteren Schichten der hauptstaedtischen Bevoelkerung entnommen sein, wie denn die meisten korinthischen Ansiedler Freigelassene waren. Dass in Abweichung von der bisherigen Ordnung, die dem Freigelassenen jedes staedtische Ehrenamt verschloss, Caesar ihnen in seinen Kolonien die Tuere des Rathauses eroeffnete, geschah ohne Zweifel, um die besser gestellten von ihnen fuer die Auswanderung zu gewinnen. Diese Auswanderung muss aber auch mehr gewesen sein als eine bloss voruebergehende Veranstaltung; Caesar, ueberzeugt wie jeder andere verstaendige Mann, dass die einzige wahrhafte Hilfe gegen das Elend des Proletariats in einem wohlregulierten Kolonisierungssystem besteht, und durch die Beschaffenheit des Reiches in den Stand gesetzt, dasselbe in fast ungemessener Ausdehnung zu verwirklichen, wird die Absicht gehabt haben, hiermit dauernd fortzufahren und dem stets wieder sich erzeugenden Uebel einen bleibenden Abzug zu eroeffnen. Massregeln wurden ferner ergriffen, um den argen Preisschwankungen der wichtigsten Nahrungsmittel auf den hauptstaedtischen Maerkten Grenzen zu setzen. Die neu geordneten und liberal verwalteten Staatsfinanzen lieferten hierzu die Mittel und zwei neu ernannte Beamte, die Getreideaedilen, uebernahmen die spezielle Beaufsichtigung der Lieferanten und des Marktes der Hauptstadt. Dem Klubwesen wurde wirksamer, als es durch Prohibitivgesetze moeglich war, gesteuert durch die veraenderte Verfassung, indem mit der Republik und den republikanischen Wahlen und Gerichten die Bestechung und Vergewaltigung der Wahl- und Richterkollegien, ueberhaupt die politischen Saturnalien der Kanaille von selbst ein Ende hatten. Ausserdem wurden die durch das Clodische Gesetz ins Leben getretenen Verbindungen aufgeloest und das ganze Assoziationswesen unter die Oberaufsicht der Regierungsbehoerden gestellt. Mit Ausnahme der althergebrachten Zuenfte und Vergesellschaftungen, der religioesen Vereinigungen der Juden und anderer besonders ausgenommener Kategorien, wofuer die einfache Anzeige an den Senat genuegt zu haben scheint, wurde die Erlaubnis, eine bleibende Gesellschaft mit festen Versammlungsfristen und stehenden Einschuessen zu konstituieren, an eine vom Senat und regelmaessig wohl erst nach eingeholter Willensmeinung des Monarchen zu erteilende Konzession geknuepft. Dazu kam eine strengere Kriminalrechtspflege und eine energische Polizei. Die Gesetze, namentlich hinsichtlich des Verbrechens der Vergewaltigung, wurden verschaerft und die unvernuenftige Bestimmung des republikanischen Rechts, dass der ueberwiesene Verbrecher befugt sei, durch Selbstverbannung einem Teil der verwirkten Strafe sich zu entziehen, wie billig beseitigt. Das detaillierte Regulativ, das Caesar ueber die hauptstaedtische Polizei erliess, ist grossenteils noch erhalten und es kann, wer da will, sich ueberzeugen, dass der Imperator es nicht verschmaehte, die Hausbesitzer zur Instandsetzung der Strassen und zur Pflasterung der Trottoirs in ihrer ganzen Breite mit behauenen Steinen anzuhalten und geeignete Bestimmungen ueber das Tragen der Saenften und das Fahren der Wagen zu erlassen, die bei der Beschaffenheit der Strassen nur zur Abend- und Nachtzeit in der Hauptstadt frei zirkulieren durften. Die Oberaufsicht ueber die Lokalpolizei blieb wie bisher hauptsaechlich den vier Aedilen, welche, wenn nicht schon frueher, wenigstens jetzt angewiesen wurden, jeder einen bestimmt abgegrenzten Polizeidistrikt innerhalb der Hauptstadt zu ueberwachen. Endlich das hauptstaedtische Bauwesen und die damit zusammenhaengende Fuersorge fuer die gemeinnuetzigen Anstalten ueberhaupt nahm durch Caesar, der die Baulust des Roemers und des Organisators in sich vereinigte, ploetzlich einen Aufschwung, der nicht bloss die Misswirtschaft der letzten anarchischen Zeiten beschaemte, sondern auch alles, was die roemische Aristokratie in ihrer besten Zeit geleistet hatte, so weit hinter sich liess wie Caesars Genie das redliche Bemuehen der Marcier und der Aemilier. Es war nicht bloss die Ausdehnung der Bauten an sich und die Groesse der darauf verwandten Summen, durch die Caesar seine Vorgaenger uebertraf, sondern der echt staatsmaennische und gemeinnuetzige Sinn, der das, was Caesar fuer die oeffentlichen Anstalten Roms tat, vor allen aehnlichen Leistungen auszeichnet. Er baute nicht, wie seine Nachfolger, Tempel und sonstige Prachtgebaeude, sondern er entlastete den Markt von Rom, auf dem sich immer noch die Buergerversammlungen, die Hauptgerichtsstaetten, die Boerse und der taegliche Geschaeftsverkehr wie der taegliche Muessiggang zusammendraengten, wenigstens von den Versammlungen und den Gerichten, indem er fuer jene eine neue Dingstaette, die Saepta Iulia auf dem Marsfeld, fuer diese einen besonderen Gerichtsmarkt, das Forum Iulium zwischen Kapitol und Palatin, anlegen liess. Verwandten Geistes ist die von ihm herruehrende Einrichtung, dass den hauptstaedtischen Baedern jaehrlich 3 Millionen Pfund Oel, groesstenteils aus Afrika, geliefert und diese dadurch in den Stand gesetzt wurden, den Badenden das zum Salben des Koerpers erforderliche Oel unentgeltlich zu verabfolgen - eine nach der alten wesentlich auf Baden und Salben gegruendeten Diaetetik hoechst zweckmaessige Massregel der Reinlichkeits- und Gesundheitspolizei. Indes diese grossartigen Einrichtungen waren nur die ersten Anfaenge einer vollstaendigen Umwandlung Roms. Bereits waren die Entwuerfe gemacht zu einem neuen Rathaus, einem neuen prachtvollen Basar, einem mit dem Pompeischen wetteifernden Theater, einer oeffentlichen lateinischen und griechischen Bibliothek nach dem Muster der kuerzlich zugrunde gegangenen von Alexandreia - die erste Anstalt derart in Rom -, endlich zu einem Tempel des Mars, der an Reichtum und Herrlichkeit alles bisher Dagewesene ueberboten haben wuerde. Genialer noch war der Gedanke, einmal durch die Pomptinischen Suempfe einen Kanal zu legen und deren Wasser nach Tarracina abzuleiten, sodann den unteren Lauf des Tiberstroms zu aendern und ihn von dem heutigen Ponte Molle an, statt zwischen dem Vaticanischen und dem Marsfelde hindurch, vielmehr um das Vaticanische Feld und das Ianiculum herum nach Ostia zu fuehren, wo die schlechte Reede einem vollgenuegenden Kunsthafen Platz machen sollte. Durch diesen Riesenplan wurde einerseits der gefaehrlichste Feind der Hauptstadt, die boese Luft der Nachbarschaft, gebannt, andrerseits auf einen Schlag die aeusserst beschraenkte Baugelegenheit in der Hauptstadt in der Art erweitert, dass das damit auf das linke Tiberufer verlegte Vaticanische Feld an die Stelle des Marsfeldes treten und das geraeumige Marsfeld fuer oeffentliche und Privatbauten verwendet werden konnte, waehrend sie zugleich den so schmerzlich vermissten sicheren Seehafen erhielt. Es schien, als wolle der Imperator Berge und Fluesse versetzen und mit der Natur selber den Wettlauf wagen. Indessen so sehr auch durch die neue Ordnung die Stadt Rom an Bequemlichkeit und Herrlichkeit gewann, ihre politische Suprematie ging ihr, wie schon gesagt ward, durch ebendieselbe unwiderbringlich verloren. Dass der roemische Staat mit der Stadt Rom zusammenfalle, war zwar im Laufe der Zeit immer unnatuerlicher und verkehrter geworden; aber der Satz war doch so innig mit dem Wesen der roemischen Republik verwachsen, dass er nicht vor dieser selbst zugrunde gehen konnte. Erst in dem neuen Staate Caesars ward er, etwa mit Ausnahme einiger legaler Fiktionen, vollstaendig beseitigt und das hauptstaedtische Gemeinwesen rechtlich auf eine Linie mit allen uebrigen Munizipalitaeten gestellt; wie denn Caesar, hier wie ueberall bemueht, nicht bloss die Sache zu ordnen, sondern auch sie offiziell bei dem rechten Namen zu nennen, seine italische Gemeindeordnung, ohne Zweifel absichtlich, zugleich fuer die Hauptstadt und fuer die uebrigen Stadtgemeinden erliess. Man kann hinzufuegen, dass Rom, eben weil es eines lebendigen Kommunalwesens als Hauptstadt nicht faehig war, hinter den uebrigen Munizipalitaeten der Kaiserzeit sogar wesentlich zurueckstand. Das republikanische Rom war eine Raeuberhoehle, aber zugleich der Staat; das Rom der Monarchie, obwohl es mit allen Herrlichkeiten dreier Weltteile sich zu schmuecken und in Gold und Marmor zu schimmern begann, war doch nichts im Staate als das Koenigsschloss in Verbindung mit dem Armenhaus, das heisst ein notwendiges uebel.

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^20 Es ist nicht ohne Interesse, dass ein spaeterer, aber einsichtiger politischer Schriftsteller, der Verfasser der unter Sallustius' Namen an Caesar gerichteten Briefe, diesem den Rat erteilt, die hauptstaedtische Getreideverteilung in die einzelnen Munizipien zu verlegen. Die Kritik hat ihren guten Sinn; wie denn bei der grossartigen munizipalen Waisenversorgung unter Traian offenbar aehnliche Gedanken gewaltet haben.

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