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| | Theodor MommsenRoemische Geschichte - 5. Buch | Seite 15 von 31 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 | | Wenn es in der Hauptstadt sich nur darum handelte, durch polizeiliche Ordnungen im groessten Massstab handgreifliche Uebelstaende hinwegzuraeumen, so war es dagegen eine bei weitem schwierigere Aufgabe, der tief zerruetteten italischen Volkswirtschaft aufzuhelfen. Die Grundleiden waren die bereits frueher ausfuehrlich hervorgehobenen, das Zusammenschwinden der ackerbauenden und die unnatuerliche Vermehrung der kaufmaennischen Bevoelkerung, woran ein unabsehbares Gefolge anderer Uebelstaende sich anschloss. Wie es mit der italischen Bodenwirtschaft stand, wird dem Leser unvergessen sein. Trotz der ernstlichsten Versuche, der Vernichtung des kleinen Grundbesitzes zu steuern, war doch in dieser Epoche kaum mehr in einer Landschaft des eigentlichen Italien, etwa mit Ausnahme der Apenninen- und Abruzzentaeler, die Bauernwirtschaft die vorwiegende Wirtschaftsweise. Was die Gutswirtschaft anlangt, so ist zwischen der frueher dargestellten Catonischen und derjenigen, die uns Varro schildert, kein wesentlicher Unterschied wahrzunehmen, nur dass die letztere im Guten wie im Schlimmen von dem gesteigerten grossstaedtischen Leben in Rom die Spuren zeigt. "Sonst", sagt Varro, "war die Scheune auf dem Gut groesser als das Herrenhaus; jetzt pflegt es umgekehrt zu sein." In der tusculanischen und tiburtinischen Feldmark, an den Gestaden von Tarracina und Baiae erhoben sich da, wo die alten latinischen und italischen Bauernschaften gesaet und geerntet hatten, jetzt in unfruchtbarem Glanz die Landhaeuser der roemischen Grossen, von denen manches mit den dazu gehoerigen Gartenanlagen und Wasserleitungen, den Suess- und Salzwasserreservoirs zur Aufbewahrung und Zuechtung von Fluss- und Seefischen, den Schnecken- und Siebenschlaeferzuechtungen, den Wildschonungen zur Hegung von Hasen, Kaninchen, Hirschen, Rehen und Wildschweinen und den Vogelhaeusern, in denen selbst Kraniche und Pfauen gehalten wurden, den Raum einer maessigen Stadt bedeckte. Aber der grossstaedtische Luxus macht auch manche fleissige Hand reich und ernaehrt mehr Arme als die almosenspendende Menschenliebe. Jene Vogelhaeuser und Fischteiche der vornehmen Herren waren natuerlich in der Regel eine sehr kostspielige Liebhaberei. Allein extensiv und intensiv hatte diese Wirtschaft sich so hoch entwickelt, dass zum Beispiel der Bestand eines Taubenhauses bis auf 100000 Sesterzen (7600 Taler) geschaetzt ward; dass eine rationelle Maestungswirtschaft entstanden war und der in den Vogelhaeusern gewonnene Duenger landwirtschaftlich in Betracht kam; dass ein einziger Vogelhaendler auf einmal 5000 Krammetsvoegel - denn auch diese wusste man zu hegen - das Stueck zu 3 Denaren (21 Groschen), ein einziger Fischteichbesitzer 2000 Muraenen zu liefern imstande war und aus den von Lucius Lucullus hinterlassenen Fischen 40000 Sesterzen (3050 Taler) geloest wurden. Begreiflicherweise konnte unter solchen Umstaenden, wer diese Wirtschaft geschaeftlich und intelligent betrieb, mit verhaeltnismaessig geringem Anlagekapital sehr hohen Gewinn erzielen. Ein kleiner Bienenzuechter dieser Zeit verkaufte von seinem nicht mehr als einen Morgen grossen, in der Naehe von Falerii gelegenen Thymiangaertchen Jahr aus Jahr ein an Honig fuer mindestens 10000 Sesterzen (760 Taler). Der Wetteifer der Obstzuechter ging so weit, dass in eleganten Landhaeusern die marmorgetaefelte Obstkammer nicht selten zugleich als Tafelzimmer eingerichtet, auch wohl gekauftes Prachtobst dort zur Schau als eigenes Gewaechs gestellt ward. In dieser Zeit wurden auch zuerst die kleinasiatische Kirsche und andere auslaendische Fruchtbaeume in den italischen Gaerten angepflanzt. Die Gemuesegaerten, die Rosen- und Veilchenbeete in Latium und Kampanien warfen reichen Ertrag ab und der "Naschmarkt" (forum cupedinis) neben der Heiligen Strasse, wo Fruechte, Honig und Kraenze feilgeboten zu werden pflegten, spielte eine wichtige Rolle im hauptstaedtischen Leben. Ueberhaupt stand die Gutswirtschaft, Plantagenwirtschaft wie sie war, oekonomisch auf einer schwer zu uebertreffenden Hoehe der Entwicklung. Das Tal von Rieti, die Umgegend des Fuciner Sees, die Landschaften am Liris und Volturnus, ja Mittelitalien ueberhaupt, waren landwirtschaftlich in dem bluehendsten Zustand; selbst gewisse Industrien, die geeignet waren, sich an den Betrieb des Guts mittels Sklaven anzuschliessen, wurden von den intelligenten Landwirten mit aufgenommen und, wo die Verhaeltnisse guenstig waren, Wirtshaeuser, Webereien und besonders Ziegeleien auf dem Gute angelegt. Die italischen Produzenten, namentlich von Wein und Oel, versorgten nicht bloss die italischen Maerkte, sondern machten auch in beiden Artikeln ansehnliche ueberseeische Ausfuhrgeschaefte. Eine schlichte fachwissenschaftliche Schrift dieser Zeit vergleicht Italien einem grossen Fruchtgarten; und die Schilderungen, die ein gleichzeitiger Dichter von seinem schoenen Heimatland entwirft, wo die wohlbewaesserte Wiese, das ueppige Kornfeld, der lustige Rebenhuegel von der dunklen Zeile der Oelbaeume umsaeumt wird, wo der Schmuck des Landes, lachend in mannigfaltiger Anmut, die holdesten Gaerten in seinem Schosse hegt und selber von nahrunggebenden Baeumen umkraenzt wird diese Schilderungen, offenbar treue Gemaelde der dem Dichter taeglich vor Augen stehenden Landschaft, versetzen uns in die bluehendsten Striche von Toscana und Terra di lavoro. Die Weidewirtschaft freilich, die aus den frueher entwickelten Ursachen besonders im Sueden und Suedosten Italiens immer weiter vordrang, war in jeder Beziehung ein Rueckschritt; allein auch sie nahm doch bis zu einem gewissen Grade teil an der allgemeinen Steigerung des Betriebes, wie denn fuer die Verbesserung der Rassen vieles geschah und zum Beispiel Zuchtesel mit 60000 (4600 Taler), 100000 (7570 Taler), ja 400000 Sesterzen (30000 Taler) bezahlt wurden. Die gediegene italische Bodenwirtschaft erzielte in dieser Zeit, wo die allgemeine Entwicklung der Intelligenz und die Fuelle der Kapitalien sie befruchtete, bei weitem glaenzendere Resultate als jemals die alte Bauernwirtschaft hatte geben koennen, und ging sogar schon hinaus ueber die Grenzen Italiens, indem der italische Oekonom auch in den Provinzen grosse Strecken viehzuechtend und selbst kornbauend exploitierte.
Welche Dimensionen aber neben dieser auf dem Ruin der kleinen Bauernschaft unnatuerlich gedeihenden Gutswirtschaft die Geldwirtschaft angenommen, wie die italische Kaufmannschaft mit den Juden um die Wette in alle Provinzen und Klientelstaaten des Reiches sich ergossen hatte, alles Kapital endlich in Rom zusammenfloss, dafuer wird es, nach dem frueher darueber Gesagten, hier genuegen, auf die einzige Tatsache hinzuweisen, dass auf dem hauptstaedtischen Geldmarkt der regelmaessige Zinsfuss in dieser Zeit sechs vom Hundert, das Geld daselbst also um die Haelfte billiger war als sonst durchschnittlich im Altertume.
Infolge dieser agrarisch wie merkantil auf Kapitalmassen und Spekulation begruendeten Volkswirtschaft ergab sich das fuerchterlichste Missverhaeltnis in der Verteilung des Vermoegens. Die oft gebrauchte und oft gemissbrauchte Rede von einem aus Millionaeren und Bettlern zusammengesetzten Gemeinwesen trifft vielleicht nirgends so vollstaendig zu wie bei dem Rom der letzten Zeit der Republik; und nirgends wohl auch ist der Kernsatz des Sklavenstaats, dass der reiche Mann, der von der Taetigkeit seiner Sklaven lebt, notwendig respektabel, der arme Mann, der von seiner Haende Arbeit lebt, notwendig gemein ist, mit so grauenvoller Sicherheit als der unwidersprechliche Grundgedanke des ganzen oeffentlichen und privaten Verkehrs anerkannt worden ^21. Einen wirklichen Mittelstand in unserm Sinne gibt es nicht, wie es denn in keinem vollkommen entwickelten Sklavenstaat einen solchen geben kann; was gleichsam als guter Mittelstand erscheint und gewissermassen auch es ist, sind diejenigen reichen Geschaeftsmaenner und Grundbesitzer, die so ungebildet oder auch so gebildet sind, um sich innerhalb der Sphaere ihrer Taetigkeit zu bescheiden und vom oeffentlichen Leben sich fernzuhalten. Unter den Geschaeftsmaennern, wo die zahlreichen Freigelassenen und sonstigen emporgekommenen Leute in der Regel von dem Schwindel erfasst wurden, den vornehmen Mann zu spielen, gab es solcher Verstaendigen nicht allzuviel: ein Musterbild dieser Gattung ist der in den Berichten aus dieser Zeit haeufig erwaehnte Titus Pomponius Atticus, der teils mit der grossen Gutswirtschaft, welche er in Italien und in Epirus betrieb, teils mit seinen durch ganz Italien, Griechenland, Makedonien, Kleinasien sich verzweigenden Geldgeschaeften ein ungeheures Vermoegen gewann, dabei aber durchaus der einfache Geschaeftsmann blieb, sich nicht verleiten liess, um ein Amt zu werben oder auch nur Staatsgeldgeschaefte zu machen, und, dem geizigen Knausern ebenso fern wie dem wuesten und laestigen Luxus dieser Zeit - seine Tafel zum Beispiel ward mit 100 Sesterzen (7« Talern) taeglich bestritten -, sich genuegen liess an einer bequemen, die Anmut des Land- und des Stadtlebens, die Freuden des Verkehrs mit der besten Gesellschaft Roms und Griechenlands und jeden Genuss der Literatur und der Kunst sich aneignenden Existenz. Zahlreicher und tuechtiger waren die italischen Gutsbesitzer alten Schlages. Die gleichzeitige Literatur bewahrt in der Schilderung des Sextus Roscius, der bei den Proskriptionen 673 (81) mitermordet ward, das Bild eines solchen Landedelmanns (pater familias rusticanus); sein Vermoegen, angeschlagen auf 6 Mill. Sesterzen (457000 Taler), ist wesentlich angelegt in seinen dreizehn Landguetern; die Wirtschaft betreibt er selbst rationell und mit Leidenschaft; nach der Hauptstadt kommt er selten oder nie, und wenn er dort erscheint, so sticht er mit seinen ungehobelten Manieren nicht minder von dem feinen Senator ab wie die zahllosen Scharen seiner rauben Ackerknechte von dem zierlichen hauptstaedtischen Bedientenschwarm. Mehr als die kosmopolitisch gebildeten Adelskreise und der ueberall und nirgends heimische Kaufmannsstand bewahrten diese Gutsbesitzer und die wesentlich durch dieselben gehaltenen "Ackerstaedte" (municipia rusticana) sowohl die Zucht und Sitte der Vaeter als auch deren reine und edle Sprache. Der Gutsbesitzerstand gilt als der Kern der Nation; der Spekulant, der sein Vermoegen gemacht hat und unter die Notabeln des Landes einzutreten wuenscht, kauft sich an und sucht wenn nicht selbst Squire zu werden, doch wenigstens einen Sohn dazu zu erziehen. Den Spuren dieser Gutsbesitzerschaft begegnen wir, wo in der Politik eine volkstuemliche Regung sich zeigt und wo die Literatur einen gruenen Spross treibt: aus ihr sog die patriotische Opposition gegen die neue Monarchie ihre beste Kraft; ihr gehoeren Varro, Lucretius, Catullus an; und vielleicht nirgends tritt die relative Frische dieser Gutsbesitzerexistenz charakteristischer hervor als in der anmutigen arpinatischen Einleitung zu dem zweiten Buche der Schrift Ciceros von den Gesetzen, einer gruenen Oase in der fuerchterlichen Oede dieses ebenso leeren wie voluminoesen Skribenten.
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^21 Charakteristisch ist die folgende Auseinandersetzung in Ciceros 'Pflichtenlehre' (off. 1, 42): "Darueber, welche Geschaefte und Erwerbszweige als anstaendig gelten koennen und welche als gemein, herrschen im allgemeinen folgende Vorstellungen. Bescholten sind zunaechst die Erwerbszweige, wobei man den Hass des Publikums sich zuzieht, wie der der Zolleinnehmer, der der Geldverleiher. Unanstaendig und gemein ist auch das Geschaeft der Lohnarbeiter, denen ihre koerperliche, nicht ihre Geistesarbeit bezahlt wird; denn fuer diesen selben Lohn verkaufen sie gleichsam sich in die Sklaverei. Gemeine Leute sind auch die von dem Kaufmann zu sofortigem Verschleiss einkaufenden Troedler; denn sie kommen nicht fort, wenn sie nicht ueber alle Massen luegen, und nichts ist minder ehrenhaft als der Schwindel. Auch die Handwerker treiben saemtlich gemeine Geschaefte; denn man kann nicht Gentleman sein in der Werkstatt. Am wenigsten ehrbar sind die Handwerker, die der Schlemmerei an die Hand gehen, zum Beispiel: 'Wurstmacher, Salzfischhaendler, Koch, Gefluegelverkaeufer, Fischer' mit Terenz (Eun. 2, 2, 26) zu reden; dazu noch etwa die Parfuemerienhaendler, die Tanzmeister und die ganze Sippschaft der Spielbuden. Diejenigen Erwerbszweige aber, welche entweder eine hoehere Bildung voraussetzen oder einen nicht geringen Ertrag abwerfen, wie die Heilkunst, die Baukunst, der Unterricht in anstaendigen Gegenstaenden, sind anstaendig fuer diejenigen, deren Stande sie angemessen sind. Der Handel aber, wenn er Kleinhandel ist, ist gemein; der grosse Kaufmann freilich, der aus den verschiedensten Laendern eine Menge von Waren einfuehrt und sie an eine Menge von Leuten ohne Schwindel absetzt, ist nicht gerade sehr zu schelten; ja wenn er, des Gewinstes satt oder vielmehr mit dem Gewinste zufrieden, wie oft zuvor vom Meere in den Hafen, so schliesslich aus dem Hafen selbst zu Grundbesitz gelangt, so darf man wohl mit gutem Recht ihn loben. Aber unter allen Erwerbszweigen ist keiner besser, keiner ergiebiger, keiner erfreulicher, keiner dem freien Manne anstaendiger als der Grundbesitz." Also der anstaendige Mann muss streng genommen Gutsbesitzer sein; das Kaufmannsgewerbe passiert ihm nur, insofern es Mittel zu diesem letzten Zweck ist, die Wissenschaft als Profession nur den Griechen und den nicht den herrschenden Staenden angehoerigen Roemern, welche damit sich in den vornehmen Kreisen allenfalls fuer ihre Person eine gewisse Duldung erkaufen duerfen. Es ist die vollkommen ausgebildete Plantagenbesitzeraristokratie, mit einer starken Schattierung von kaufmaennischer Spekulation und einer leisen Nuance von allgemeiner Bildung. | | |
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