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Theodor Mommsen

Roemische Geschichte - 5. Buch


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Aber die gebildete Kaufmannschaft und der tuechtige Gutsbesitzerstand wird weit ueberwuchert von den beiden tonangebenden Klassen der Gesellschaft: dem Bettelvolk und der eigentlichen vornehmen Welt. Wir haben keine statistischen Ziffern, um das relative Mass der Armut und des Reichtums fuer diese Epoche scharf zu bezeichnen; doch darf hier wohl wieder an die Aeusserung erinnert werden, die etwa fuenfzig Jahre frueher ein roemischer Staatsmann tat: dass die Zahl der Familien von festgegruendetem Reichtum innerhalb der roemischen Buergerschaft nicht auf 2000 sich belaufe. Die Buergerschaft war seitdem eine andere geworden; aber dass das Missverhaeltnis zwischen arm und reich sich wenigstens gleichgeblieben war, dafuer sprechen deutliche Spuren. Die fortschreitende Verarmung der Menge offenbart sich nur zu grell in dem Zudrang zu den Getreidespenden und zur Anwerbung unter das Heer; die entsprechende Steigerung des Reichtums bezeugt ausdruecklich ein Schriftsteller dieser Generation, indem er, von den Verhaeltnissen der marianischen Zeit sprechend, ein Vermoegen von 2 Mill. Sesterzen (152 000 Taler) "nach damaligen Verhaeltnissen Reichtum" nennt; und ebendahin fuehren die Angaben, die wir ueber das Vermoegen einzelner Individuen finden. Der schwerreiche Lucius Domitius Ahenobarbus verhiess zwanzigtausend Soldaten jedem vier Jugera Land aus eigenem Besitz; das Vermoegen des Pompeius belief sich auf 70 Mill. Sesterzen (5300000 Taler), das des Schauspielers Aesopus auf 20 (1520000 Taler); Marcus Crassus, der reichste der Reichen, besass am Anfang seiner Laufbahn 7 (530000 Taler), am Ausgang derselben nach Verspendung ungeheurer Summen an das Volk 170 Millionen Sesterzen (13 Mill. Taler). Die Folgen solcher Armut und solchen Reichtums waren nach beiden Seiten eine aeusserlich verschiedene, aber wesentlich gleichartige oekonomische und sittliche Zerruettung. Wenn der gemeine Mann einzig durch die Unterstuetzung aus Staatsmitteln vor dem Verhungern gerettet ward, so war es die notwendige Folge dieses Bettlerelends, die freilich wechselwirkend auch wieder als Ursache auftrat, dass er der Bettlerfaulheit und dem bettlerhaften Wohlleben sich ergab. Statt zu arbeiten, gaffte der roemische Plebejer lieber im Theater; die Schenken und Bordelle hatten solchen Zuspruch, dass die Demagogen ihre Rechnung dabei fanden, vorwiegend die Besitzer derartiger Etablissements in ihr Interesse zu ziehen. Die Fechterspiele, die Offenbarung wie die Nahrung der aergsten Demoralisation in der alten Welt, waren zu solcher Bluete gelangt, dass mit dem Verkauf der Programme derselben ein eintraegliches Geschaeft gemacht ward, und nahmen in dieser Zeit die entsetzliche Neuerung auf, dass ueber Leben und Tod des Besiegten nicht das Duellgesetz oder die Willkuer des Siegers, sondern die Laune des zuschauenden Publikums entschied und nach dessen Wink der Sieger den daniederliegenden Besiegten entweder verschonte oder durchbohrte. Das Handwerk des Fechters war so im Preise gestiegen oder auch die Freiheit so im Preise gesunken, dass die Unerschrockenheit und der Wetteifer, die auf den Schlachtfeldern dieser Zeit vermisst wurden, in den Heeren der Arena allgemein waren und, wo das Duellgesetz es mit sich brachte, jeder Gladiator lautlos und ohne zu zucken sich durchbohren liess, ja dass freie Maenner nicht selten sich den Unternehmern fuer Kost und Lohn als Fechtknechte verkauften. Auch die Plebejer des fuenften Jahrhunderts hatten gedarbt und gehungert, aber ihre Freiheit hatten sie nicht verkauft; und noch weniger wuerden die Rechtweiser jener Zeit sich dazu hergegeben haben, den ebenso sitten- wie rechtswidrigen Kontrakt eines solchen Fechtknechts, "sich unweigerlich fesseln, peitschen, brennen oder toeten zu lassen, wenn die Gesetze der Anstalt dies mit sich bringen wuerden", auf unfeinen juristischen Schleichwegen als statthaft und klagbar hinzustellen.

In der vornehmen Welt kam nun dergleichen nicht vor; aber im Grunde war sie kaum anders, am wenigsten besser. Im Nichtstun nahm es der Aristokrat dreist mit dem Proletarier auf; wenn dieser auf dem Pflaster lungerte, dehnte jener sich bis in den hellen Tag hinein in den Feldern. Die Verschwendung regierte hier ebenso mass- wie geschmacklos. Sie warf sich auf die Politik wie auf das Theater, natuerlich zu beider Verderben: man kaufte das Konsulamt um unglaublichen Preis - im Sommer 700 (54) ward allein die erste Stimmabteilung mit 10 Mill. Sesterzen (760000 Talern) bezahlt - und verdarb durch den tollen Dekorationsluxus dem Gebildeten alle Freude am Buehnenspiel. Die Mietpreise scheinen in Rom durchschnittlich vierfach hoeher als in den Landstaedten sich gestellt zu haben; ein Haus daselbst ward einmal fuer 15 Mill. Sesterzen (1150000 Taler) verkauft. Das Haus des Marcus Lepidus (Konsul 676 78), als Sulla starb, das schoenste in Rom, war ein Menschenalter spaeter noch nicht der hundertste in der Rangfolge der roemischen Palaeste. Des mit den Landhaeusern getriebenen Schwindels ward bereits gedacht; wir finden, dass fuer ein solches, das hauptsaechlich seines Fischteiches wegen geschaetzt war, 4 Mill. Sesterzen (300000 Taler) bezahlt wurden; und der ganz vornehme Mann bedurfte jetzt schon wenigstens zweier Landhaeuser, eines in den Sabiner- oder Albaner Bergen bei der Hauptstadt und eines zweiten in der Naehe der kampanischen Baeder, dazu noch womoeglich eines Gartens unmittelbar vor den Toren Roms. Noch unsinniger als diese Villen- waren die Grabpalaeste, von denen einzelne noch bis auf den heutigen Tag es bezeugen, welches himmelhohen Quaderhaufens der reiche Roemer bedurfte, um standesmaessig gestorben zu sein. Die Pferde- und Hundeliebhaber fehlten auch nicht; fuer ein Luxuspferd waren 24000 Sesterzen (1830 Taler) ein nicht ungewoehnlicher Preis. Man raffinierte auf Moebel von feinem Holz - ein Tisch von afrikanischem Zypressenholz ward mit 1 Mill. Sesterzen (67000 Taler) bezahlt; auf Gewaender von Purpurstoffen oder durchsichtiger Gaze und daneben auch auf die zierlich vor dem Spiegel zurechtgelegten Falten - der Redner Hortensius soll einen Kollegen wegen Injurien belangt haben, weil er ihm im Gedraenge den Rock zerknittert; auf Edelsteine und Perlen, die zuerst in dieser Zeit an die Stelle des alten, unendlich schoeneren und kunstvolleren Goldschmucks traten: es war schon vollkommenes Barbarentum, wenn bei Pompeius' Triumph ueber Mithradates das Bild des Siegers ganz von Perlen gearbeitet erschien und wenn man im Speisesaal die Sofas und die Etageren mit Silber beschlagen, ja das Kuechengeschirr von Silber fertigen liess. Gleicher Art ist es, wenn die Sammler dieser Zeit aus den alten Silberbechern die kunstvollen Medaillons herausbrachen um sie in goldene Gefaesse wiedereinzusetzen. Auch der Reiseluxus ward nicht vermisst. "Wenn der Statthalter reiste", erzaehlt Cicero von einem der sizilischen, "was natuerlich im Winter nicht geschah, sondern erst mit Fruehlingsanfang, nicht dem des Kalenders, sondern dem Anfang der Rosenzeit, so liess er, wie es bei den Koenigen von Bithynien Brauch war, sich auf einer Achttraegersaenfte befoerdern, sitzend auf Kissen von maltesischer Gaze und mit Rosenblaettern gestopft, einen Kranz auf dem Kopf, einen zweiten um den Hals geschlungen, ein feines, leinenes, kleingetuepfeltes, mit Rosen angefuelltes Riechsaeckchen an die Nase haltend; und so liess er bis vor sein Schlafzimmer sich tragen." Aber keine Gattung des Luxus bluehte so wie die roheste von allen, der Luxus der Tafel. Die ganze Villeneinrichtung und das ganze Villenleben lief schliesslich hinaus auf das Dinieren; man hatte nicht bloss verschiedene Tafelzimmer fuer Winter und Sommer, sondern auch in der Bildergalerie, in der Obstkammer, im Vogelhaus wurde serviert oder auf einer im Wildpark aufgeschlagenen Estrade, um welche dann, wenn der bestellte "Orpheus" im Theaterkostuem erschien und Tusch blies, die dazu abgerichteten Rehe und Wildschweine sich draengten. So ward fuer Dekoration gesorgt, aber die Realitaet darueber durchaus nicht vergessen. Nicht bloss der Koch war ein graduierter Gastronom, sondern oft machte der Herr selbst den Lehrmeister seiner Koeche. Laengst war der Braten durch Seefische und Austern in den Schatten gestellt; jetzt waren die italischen Flussfische voellig von der guten Tafel verbannt und galten die italischen Delikatessen und die italischen Weine fast fuer gemein. Es wurden jetzt schon bei Volksfesten ausser dem italischen Falerner drei Sorten auslaendischen Weines - Sizilianer, Lesbier, Chier - verteilt, waehrend ein Menschenalter zuvor es auch bei grossen Schmaeusen genuegt hatte, einmal griechischen Wein herumzugeben; in dem Keller des Redners Hortensius fand sich ein Lager von 10000 Kruegen (zu 33 Berliner Quart) fremden Weines. Es war kein Wunder, dass die italischen Weinbauer anfingen, ueber die Konkurrenz der griechischen Inselweine zu klagen. Kein Naturforscher kann eifriger die Laender und Meere nach neuen Tieren und Pflanzen durchsuchen, als es von den Esskuenstlern jener Zeit wegen neuer Kuechenelegantien geschah ^22. Wenn dann der Gast, um den Folgen der ihm vorgesetzten Mannigfaltigkeiten zu entgehen, nach der Mahlzeit ein Vomitiv nahm, so fiel dies niemand mehr auf. Die Debauche aller Art ward so systematisch und so schwerfaellig, dass sie ihre Professoren fand, die davon lebten, vornehmen Juenglingen theoretisch und praktisch als Lastermeister zu dienen. Es wird nicht noetig sein, bei diesem wuesten Gemaelde eintoenigster Mannigfaltigkeit noch laenger zu verweilen; um so weniger, als ja auch auf diesem Gebiet die Roemer nichts weniger als originell waren und sich darauf beschraenkten, von dem hellenisch-orientalischen Luxus eine noch mass- und noch geistlosere Kopie zu liefern. Natuerlich verschlingt Plutos seine Kinder so gut wie Kronos; die Konkurrenz um alle jene meist nichtigen Gegenstaende vornehmer Begehrlichkeit trieb die Preise so in die Hoehe, dass den mit dem Strome Schwimmenden in kurzer Zeit das kolossalste Vermoegen zerrann und auch diejenigen, die nur Ehren halber das Notwendigste mitmachten, den ererbten und festgegruendeten Wohlstand rasch sich unterhoehlen sahen. Die Bewerbung um das Konsulat zum Beispiel war die gewoehnliche Landstrasse zum Ruin angesehener Haeuser; und fast dasselbe gilt von den Spielen, den grossen Bauten und all jenen andern, zwar lustigen, aber teuren Metiers. Der fuerstliche Reichtum jener Zeit wird nur von der noch fuerstlicheren Verschuldung ueberboten: Caesar schuldete um 692 (62) nach Abzug seiner Aktiva 25 Mill. Sesterzen (1900000 Taler), Marcus Antonius als Vierundzwanzigjaehriger 6 Mill. Sesterzen (460000 Taler), vierzehn Jahre spaeter 40 (3 Mill. Taler), Curio 60 (4« Mill. Taler), Milo 70 Mill. (5« Mill. Taler). Wie durchgaengig jenes verschwenderische Leben und Treiben der vornehmen roemischen Welt auf Kredit beruhte, davon zeugt die Tatsache, dass durch die Anleihen der verschiedenen Konkurrenten um das Konsulat einmal in Rom der Monatzins ploetzlich von vier auf acht vom Hundert aufschlug. Die Insolvenz, statt rechtzeitig den Konkurs oder doch die Liquidation herbeizufuehren und damit wenigstens wieder ein klares Verhaeltnis herzustellen, ward in der Regel von dem Schuldner, solange es irgend ging, verschleppt; statt seine Habe, namentlich seine Grundstuecke zu verkaufen, fuhr er fort, zu borgen und den Scheinreichen weiter zu spielen, bis denn der Krach nur um so aerger kam und Konkurse ausbrachen wie zum Beispiel der des Milo, bei dem die Glaeubiger etwas ueber vier vom Hundert der liquidierten Summen erhielten. Es gewann bei diesem rasend schnellen Umschlagen vom Reichtum zum Bankrott und diesem systematischen Schwindel natuerlich niemand als der kuehle Bankier, der es verstand, Kredit zu geben und zu verweigern. So kamen denn die Kreditverhaeltnisse fast auf demselben Punkte wieder an, wo sie in den schlimmsten Zeiten der sozialen Krise des fuenften Jahrhunderts gestanden hatten: die nominellen Grundeigentuemer waren gleichsam die Bittbesitzer ihrer Glaeubiger, die Schuldner entweder ihren Glaeubigern knechtisch untertan, so dass die geringeren von ihnen, gleich den Freigelassenen, in dem Gefolge derselben erschienen, die vornehmeren selbst im Senat nach dem Wink ihres Schuldherrn sprachen und stimmten, oder auch im Begriff, dem Eigentum selbst den Krieg zu erklaeren und ihre Glaeubiger entweder durch Drohungen zu terrorisieren oder gar sich ihrer durch Komplott und Buergerkrieg zu entledigen. Auf diesen Verhaeltnissen ruhte die Macht des Crassus; aus ihnen entsprangen die Auflaeufe, deren Signal das "freie Folium" war, des Cinna und bestimmter noch des Catilina, des Caelius, des Dolabella, vollkommen gleichartig jenen Schlachten der Besitzenden und Nichtbesitzenden, die ein Jahrhundert zuvor die hellenische Welt bewegten. Dass bei so unterhoehlten oekonomischen Zustaenden jede finanzielle oder politische Krise die entsetzlichste Verwirrung hervorrief, lag in der Natur der Dinge: es bedarf kaum gesagt zu werden, dass die gewoehnlichen Erscheinungen: das Verschwinden des Kapitals, die ploetzliche Entwertung der Grundstuecke, zahllose Bankrotte und eine fast allgemeine Insolvenz, ebenwie waehrend des Bundesgenoessischen und Mithradatischen, so auch jetzt waehrend des Buergerkrieges sich einstellten.

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^22 Wir haben noch (Macr. Sat. 3, 13) den Speisezettel derjenigen Mahlzeit, welche Lucius Lentulus Niger vor 691 (63) bei Antritt seines Pontifikats gab und an der die Pontifices - darunter Caesar -, die Vestalischen Jungfrauen und einige andere Priester und nah verwandte Damen Anteil nahmen. Vor der Mahlzeit kamen Meerigel; frische Austern soviel die Gaeste wollten; Gienmuscheln; Lazarusklappen; Krammetsvoegel mit Spargeln; gemaestetes Huhn; Auster- und Muschelpastete; schwarze und weisse Meereicheln; noch einmal Lazarusklappen; Glykymarismuscheln; Nesselmuscheln; Feigenschnepfen; Rehrippen; Schweinsrippen; Gefluegel in Mehl gebacken; Feigenschnepfen; Purpurmuscheln, zwei Sorten. Die Mahlzeit selbst bestand aus Schweinsbrust, Schweinskopf; Fischpastete; Schweinspastete; Enten; Kriechenten gekocht; Hasen; gebratenem Gefluegel; Kraftmehlbackwerk; pontischem Backwerk.

Das sind die Kollegienschmaeuse, von denen Varro (rust. 3, 2, 16) sagt, dass sie die Preise aller Delikatessen in die Hoehe trieben. Derselbe zaehlt in einer seiner Satiren als die namhaftesten auslaendischen Delikatessen folgende auf: Pfauen von Samos; Haselhuehner aus Phrygien; Kraniche von Melos; Zicklein von Ambrakia; Thunfische von Kalchedon; Muraenen aus der Gaditanischen Meerenge; Edelfische (?) von Pessinus. Austern und Muscheln von Tarent; Stoere (?) von Rhodos; Scarusfische (?) von Kilikien; Nuesse von Thasos; Datteln aus Aegypten; spanische Eicheln.

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