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Theodor Mommsen

Roemische Geschichte - 5. Buch


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Dass Sittlichkeit und Familienleben unter solchen Verhaeltnissen in allen Schichten der Gesellschaft zur Antiquitaet wurden, versteht sich von selbst. Es war nicht mehr der aergste Schimpf und das schlimmste Verbrechen, arm zu sein, sondern das einzige: um Geld verkaufte der Staatsmann den Staat, der Buerger seine Freiheit; um Geld war die Offizierstelle wie die Kugel des Geschworenen feil; um Geld gab die vornehme Dame so gut sich preis wie die gemeine Dirne; Urkundenfaelschung und Meineide waren so gemein geworden, dass bei einem Volkspoeten dieser Zeit der Eid "das Schuldenpflaster" heisst. Man hatte vergessen, was Ehrlichkeit war; wer eine Bestechung zurueckwies, galt nicht fuer einen rechtschaffenen Mann, sondern fuer einen persoenlichen Feind. Die Kriminalstatistik aller Zeiten und Laender wird schwerlich ein Seitenstueck bieten zu einem Schaudergemaelde so mannigfaltiger, so entsetzlicher und so widernatuerlicher Verbrechen, wie es der Prozess des Aulus Cluentius in dem Schoss einer der angesehensten Familien einer italischen Ackerstadt vor uns aufrollt.

Wie aber im tiefen Grunde des Volkslebens der Schlamm immer giftiger und immer bodenloser sich sammelte, so legte sich um so viel glatter und gleissender ueber die Oberflaeche der Firnis feiner Sitten und allgemeiner Freundschaft. Alle Welt besuchte sich einander, so dass in den vornehmen Haeusern es schon noetig wird, die jeden Morgen zum Lever sich einstellenden Personen in einer gewissen, von dem Herrn oder gelegentlich auch dem Kammerdiener festgesetzten Reihenfolge vorzulassen, auch nur den namhafteren einzeln Audienz zu geben, die uebrigen aber teils in Gruppen, teils schliesslich in Masse abzufertigen, mit welcher Scheidung Gaius Gracchus, auch hierin der Pfadfinder der neuen Monarchie, vorangegangen sein soll. Eine ebenso grosse Ausdehnung wie die Hoeflichkeitsbesuche hat auch der Hoeflichkeitsbriefwechsel gewonnen; zwischen Personen, die weder ein persoenliches Verhaeltnis noch Geschaefte miteinander haben, fliegen dennoch die "freundschaftlichen" Briefe ueber Land und Meer, und umgekehrt kommen eigentliche und foermliche Geschaeftsbriefe fast nur da noch vor, wo das Schreiben an eine Korporation gerichtet ist. In der gleichen Weise werden die Einladungen zur Tafel, die ueblichen Neujahrsgeschenke, die haeuslichen Feste ihrem Wesen entfremdet und fast in oeffentliche Festlichkeiten verwandelt; ja, der Tod selbst befreit nicht von diesen Ruecksichten auf die unzaehligen "Naechsten", sondern, um anstaendig gestorben zu sein, muss der Roemer jeden derselben wenigstens mit einem Andenken bedacht haben. Ebenwie in gewissen Kreisen unserer Boersenwelt war der eigentliche innige haeusliche und hausfreundliche Zusammenhang dem damaligen Rom so vollstaendig abhanden gekommen, dass mit den inhaltlos gewordenen Formen und Floskeln desselben der gesamte Geschaefts- und Bekanntenverkehr sich staffieren und dann allmaehlich an die Stelle der wirklichen jenes Gespenst der "Freundschaft" treten konnte, welches unter den mancherlei ueber den Aechtungen und Buergerkriegen dieser Zeit schwebenden Hoellengeistern nicht den letzten Platz einnimmt.

Ein ebenso charakteristischer Zug in dem schimmernden Verfall dieser Zeit ist die Emanzipation der Frauenwelt. oekonomisch hatten die Frauen laengst sich selbstaendig gemacht; in der gegenwaertigen Epoche begegnen schon eigene Frauenanwaelte, die einzelnstehenden reichen Damen bei ihrer Vermoegensverwaltung und ihren Prozessen dienstbeflissen zur Hand gehen, durch Geschaefts- und Rechtskenntnis ihnen imponieren und damit reichlichere Trinkgelder und Erbschaftsquoten herausschlagen als andere Pflastertreter der Boerse. Aber nicht bloss der oekonomischen Vormundschaft des Vaters oder des Mannes fuehlten die Frauen sich entbunden. Liebeshaendel aller Art waren bestaendig auf dem Tapet. Ballettaenzerinnen (mimae) nahmen an Mannigfaltigkeit und Virtuositaet ihrer Industrien mit den heutigen es vollkommen auf; ihre Primadonnen, die Cytheris und wie sie weiter heissen, beschmutzen selbst die Blaetter der Geschichte. Indes ihrem gleichsam konzessionierten Gewerbe tat sehr wesentlichen Abbruch die freie Kunst der Damen der aristokratischen Kreise. Liaisons in den ersten Haeusern waren so haeufig geworden, dass nur ein ganz ausnehmendes Aergernis sie zum Gegenstand besonderen Klatsches machen konnte; ein gerichtliches Einschreiten nun gar schien beinahe laecherlich. Ein Skandal ohnegleichen, wie ihn Publius Clodius 693 (61) bei dem Weiberfest im Hause des Oberpontifex auffuehrte, obwohl tausendmal aerger als die Vorfaelle, die noch fuenfzig Jahre zuvor zu einer Reihe von Todesurteilen gefuehrt hatten, ging fast ohne Untersuchung und ganz ohne Strafe hin. Die Badesaison - im April, wo die Staatsgeschaefte ruhten und die vornehme Welt in Baiae und Puteoli zusammenstroemte - zog ihren Hauptreiz mit aus den erlaubten und unerlaubten Verhaeltnissen, die neben Musik und Gesang und eleganten Fruehstuecken im Nachen oder am Ufer die Gondelfahrten belebten. Hier herrschten die Damen unumschraenkt; indes begnuegten sie sich keineswegs mit dieser ihnen von Rechts wegen zustehenden Domaene, sondern sie machten auch Politik, erschienen in Parteizusammenkuenften und beteiligten sich mit ihrem Geld und ihren Intrigen an dem wuesten Koterietreiben der Zeit. Wer diese Staatsmaenninnen auf der Buehne Scipios und Catos agieren sah und daneben den jungen Elegant, wie er mit glattem Kinn, feiner Stimme und trippelndem Gang, mit Kopf- und Busentuechern, Manschettenhemden und Frauensandalen das lockere Dirnchen kopierte, dem mochte wohl grauen vor der unnatuerlichen Welt, in der die Geschlechter die Rollen schienen wechseln zu wollen. Wie man in den Kreisen dieser Aristokratie ueber Ehescheidung dachte, laesst das Verfahren ihres besten und sittlichsten Mannes Marcus Cato erkennen, der auf Bitten eines heiratslustigen Freundes von seiner Frau sich zu scheiden, keinen Anstand nahm und ebensowenig daran, nach dem Tode dieses Freundes dieselbe Frau zum zweitenmal zu heiraten. Ehe- und Kinderlosigkeit griffen vornehmlich in den hoeheren Staenden immer weiter um sich. Wenn unter diesen die Ehe laengst als eine Last galt, die man hoechstens im oeffentlichen Interesse ueber sich nahm, so begegnen wir jetzt schon auch bei Cato und Catos Gesinnungsgenossen der Maxime, aus der ein Jahrhundert zuvor Polybios den Verfall von Hellas ableitete: dass es Buergerpflicht sei, die grossen Vermoegen zusammenzuhalten und darum nicht zu viel Kinder zu zeugen. Wo waren die Zeiten, als die Benennung "Kinderzeuger" (proletarius) fuer den Roemer ein Ehrenname gewesen war!

Infolge dieser sozialen Zustaende schwand der latinische Stamm in Italien in erschreckender Weise zusammen und legte sich ueber die schoenen Landschaften teils die parasitische Einwanderung, teils die reine Oede. Ein ansehnlicher Teil der Bevoelkerung Italiens stroemte in das Ausland. Schon die Summe von Kapazitaeten und Arbeitskraeften, welche die Lieferung von italischen Beamten und italischen Besatzungen fuer das gesamte Mittelmeergebiet in Anspruch nahm, ueberstieg die Kraefte der Halbinsel, zumal da die also in die Fremde gesandten Elemente zum grossen Teil der Nation fuer immer verloren gingen. Denn je mehr die roemische Gemeinde zu einem viele Nationen umfassenden Reiche erwuchs, desto mehr entwoehnte sich die regierende Aristokratie, Italien als ihre ausschliessliche Heimat zu betrachten; von der zum Dienst ausgehobenen oder angeworbenen Mannschaft aber ging ein ansehnlicher Teil in den vielen Kriegen, namentlich in dem blutigen Buergerkriege zugrunde, und ein anderer ward durch die lange, zuweilen auf ein Menschenalter sich erstreckende Dienstzeit der Heimat voellig entfremdet. In gleicher Weise wie der oeffentliche Dienst hielt die Spekulation einen Teil der Grundbesitzer- und fast die ganze Kaufmannschaft wenn nicht auf zeitlebens, doch auf lange Zeit ausser Landes fest und entwoehnte namentlich die letztere in dem demoralisierenden Handelsreiseleben ueberhaupt der buergerlichen Existenz im Mutterlande und der vielfach bedingten innerhalb der Familie. Als Ersatz dafuer erhielt Italien teils das Sklaven- und Freigelassenenproletariat, teils die aus Kleinasien, Syrien und Aegypten einstroemenden Handwerker und Haendler, die vornehmlich in der Hauptstadt und mehr noch in den Hafenstaedten Ostia, Puteoli, Brundisium wucherten. Aber in dem groessten und wichtigsten Teil Italiens trat nicht einmal ein solcher Ersatz der reinen Elemente durch unreine ein, sondern schwand die Bevoelkerung sichtlich hin. Vor allem galt dies von den Weidelandschaften, wie denn das gelobte Land der Viehzucht, Apulien, von Gleichzeitigen der menschenleerste Teil Italiens genannt wird, und von der Umgegend Roms, wo die Campagna unter der steten Wechselwirkung des zurueckgehenden Ackerbaues und der zunehmenden boesen Luft jaehrlich mehr veroedete. Labici, Gabii, Bovillae, einst freundliche Landstaedtchen, waren so verfallen, dass es schwer hielt, Vertreter derselben fuer die Zeremonie des Latinerfestes aufzutreiben. Tusculum, obwohl immer noch eine der angesehensten Gemeinden Latiums, bestand fast nur noch aus einigen vornehmen Familien, die in der Hauptstadt lebten, aber ihr tusculanisches Heimatrecht festhielten, und stand an Zahl der stimmfaehigen Buerger weit zurueck selbst hinter kleinen Gemeinden des inneren Italiens. Der Stamm der waffenfaehigen Mannschaft war in diesem Landstrich, auf dem einst Roms Wehrhaftigkeit wesentlich beruht hatte, so vollstaendig ausgegangen, dass man die im Vergleich mit den gegenwaertigen Verhaeltnissen fabelhaft klingenden Berichte der Chronik von den Aequer- und Volskerkriegen mit Staunen und vielleicht mit Grauen las. Nicht ueberall war es so arg, namentlich nicht in den uebrigen Teilen Mittelitaliens und in Kampanien: aber dennoch "standen", wie Varro klagt, durchgaengig einst menschenreiche Staedte veroedet.

Es ist ein grauenvolles Bild, dies Bild Italiens unter dem Regiment der Oligarchie. Zwischen der Welt der Bettler und der Welt der Reichen ist der verhaengnisvolle Gegensatz durch nichts vermittelt oder gemildert. Je deutlicher und peinlicher er auf beiden Seiten empfunden ward, je schwindelnd hoeher der Reichtum stieg, je tiefer der Abgrund der Armut gaehnte, desto haeufiger ward in dieser wechselvollen Welt der Spekulation und des Gluecksspiels der einzelne aus der Tiefe in die Hoehe und wieder aus der Hoehe in die Tiefe geschleudert. Je weiter aeusserlich die beiden Welten auseinanderklafften, desto vollstaendiger begegneten sie sich in der gleichen Vernichtung des Familienlebens, das doch aller Nationalitaet Keim und Kern ist, in der gleichen Faulheit und Ueppigkeit, der gleichen bodenlosen Oekonomie, der gleichen unmaennlichen Abhaengigkeit, der gleichen, nur im Tarif unterschiedenen Korruption, der gleichen Verbrecherentsittlichung, dem gleichen Geluesten, mit dem Eigentum den Krieg zu beginnen. Reichtum und Elend im innigen Bunde treiben die Italiker aus Italien aus und fuellen die Halbinsel halb mit Sklavengewimmel, halb mit schauerlicher Stille. Es ist ein grauenvolles Bild, aber kein eigentuemliches; ueberall, wo das Kapitalistenregiment im Sklavenstaat sich vollstaendig entwickelt, hat es Gottes schoene Welt in gleicher Weise verwuestet. Wie die Stroeme in verschiedenen Farben spiegeln, die Kloake aber ueberall sich gleich sieht, so gleicht auch das Italien der ciceronischen Epoche wesentlich dem Hellas des Polybios und bestimmter noch dem Karthago der hannibalischen Zeit, wo in ganz aehnlicher Weise das allmaechtig regierende Kapital den Mittelstand zugrunde gerichtet, den Handel und die Gutswirtschaft zur hoechsten Bluete gesteigert und schliesslich eine gleissend uebertuenchte sittliche und politische Verwesung der Nation herbeigefuehrt hatte. Alles, was in der heutigen Welt das Kapital an argen Suenden gegen Nation und Zivilisation begangen hat, bleibt so tief unter den Greueln der alten Kapitalistenstaaten, wie der freie Mann, sei er auch noch so arm, ueber dem Sklaven bleibt; und erst wenn Nordamerikas Drachensaat reift, wird die Welt wieder aehnliche Fruechte zu ernten haben.

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