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| | Theodor MommsenRoemische Geschichte - 5. Buch | Seite 3 von 31 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 | | Die republikanische Opposition liess sich denn begnadigen; aber sie war nicht versoehnt. Unzufriedenheit mit der neuen Ordnung der Dinge und Erbitterung gegen den ungewohnten Herrscher waren allgemein. Zu offenem politischen Widerstand gab es freilich keine Gelegenheit mehr - es kam kaum in Betracht, dass einige oppositionelle Tribune bei Gelegenheit der Titelfrage durch demonstratives Einschreiten gegen die, welche Caesar Koenig genannt hatten, sich die republikanische Maertyrerkrone erwarben; aber um so entschiedener aeusserte der Republikanismus sich als Gesinnungsopposition und im geheimen Treiben und Wuehlen. Keine Hand regte sich, wenn der Imperator oeffentlich erschien. Es regnete Maueranschlaege und Spottverse voll bitterer und treffender Volkssatire gegen die neue Monarchie. Wo ein Schauspieler eine republikanische Anspielung wagte, begruesste ihn der lauteste Beifall. Catos Lob und Preis war das Modethema der oppositionellen Broschuerenschreiber, und die Schriften derselben fanden nur ein um so dankbareres Publikum, weil auch die Literatur nicht mehr frei war. Caesar bekaempfte zwar auch jetzt noch die Republikaner auf dem eigenen Gebiet; er selbst und seine faehigeren Vertrauten antworteten auf die Catoliteratur mit Anticatonen, und es ward zwischen den republikanischen und den Caesarischen Skribenten um den toten Mann von Utica gestritten wie zwischen Troern und Hellenen um die Leiche des Patroklos; allein es verstand sich von selbst, dass in diesem Kampfe, in dem das durchaus republikanisch gestimmte Publikum Richter war, die Caesarianer den kuerzeren zogen. Es blieb nichts uebrig, als die Schriftsteller zu terrorisieren; weshalb denn unter den Verbannten die literarisch bekannten und gefaehrlichen Maenner, wie Publius Nigidius Figulus und Aulus Caecina, schwerer als andere die Erlaubnis zur Rueckkehr nach Italien erhielten, die in Italien geduldeten oppositionellen Schriftsteller aber einer tatsaechlichen Zensur unterworfen wurden, die um so peinlicher fesselte, weil das Mass der zu befuerchtenden Strafe durchaus arbitraer war ^3. Das Wuehlen und Treiben der gestuerzten Parteien gegen die neue Monarchie wird zweckmaessiger in einem andern Zusammenhang dargestellt werden; hier genuegt es zu sagen, dass Praetendenten- wie republikanische Aufstaende unaufhoerlich im ganzen Umfange des Roemischen Reiches gaerten, dass die Flamme des Buergerkrieges, bald von den Pompeianern, bald von den Republikanern angefacht, an verschiedenen Orten hell wieder emporschlug und in der Hauptstadt die Verschwoerung gegen das Leben des Herrschers in Permanenz blieb, Caesar aber durch die Anschlaege sich nicht einmal bewegen liess, auf die Dauer sich mit einer Leibwache zu umgeben und in der Regel sich begnuegte, die entdeckten Konspirationen durch oeffentliche Anschlaege bekannt zu machen. Wie sehr Caesar alle seine persoenliche Sicherheit angehenden Dinge mit gleichgueltiger Verwegenheit zu behandeln pflegte, die ernste Gefahr konnte er doch sich unmoeglich verhehlen, mit der diese Masse Missvergnuegter nicht bloss ihn, sondern auch seine Schoepfungen bedrohte. Wenn er dennoch, alles Warnens und Hetzens seiner Freunde nicht achtend, ohne ueber die Unversoehnlichkeit auch der begnadigten Gegner sich zu taeuschen, mit einer wunderbar kaltbluetigen Energie dabei beharrte, der bei weitem groesseren Anzahl derselben zu verzeihen, so war dies weder ritterliche Hochherzigkeit einer stolzen, noch Gefuehlsmilde einer weichen Natur, sondern es war die richtige staatsmaennische Erwaegung, dass ueberwundene Parteien rascher und mit minderem Schaden fuer den Staat innerhalb des Staats sich absorbieren, als wenn man sie durch Aechtung auszurotten oder durch Verbannung aus dem Gemeinwesen auszuscheiden versucht. Caesar konnte fuer seine hohen Zwecke die Verfassungspartei selbst nicht entbehren, die ja nicht etwa bloss die Aristokratie, sondern alle Elemente des Freiheits- und des Nationalsinns innerhalb der italischen Buergerschaft in sich schloss; fuer seine Plaene zur Verjuengung des alternden Staats bedurfte er der ganzen Masse von Talenten, Bildung, ererbtem und selbsterworbenem Ansehen, die diese Partei in sich schloss; und wohl in diesem Sinne mag er die Begnadigung der Gegner den schoensten Lohn des Siegs genannt haben. So wurden denn zwar die hervorragendsten Spitzen der geschlagenen Parteien beseitigt; aber den Maennern zweiten und dritten Ranges und namentlich der juengeren Generation ward die volle Begnadigung nicht vorenthalten, jedoch ihnen auch nicht gestattet, in passiver Opposition zu schmollen, sondern dieselben durch mehr oder minder gelinden Zwang veranlasst, sich an der neuen Verwaltung taetig zu beteiligen und Ehren und Aemter von ihr anzunehmen. Wie fuer Heinrich IV. und Wilhelm von Oranien so begannen auch fuer Caesar die groessten Schwierigkeiten erst nach dem Siege. Jeder revolutionaere Sieger macht die Erfahrung, dass, wenn er nach Ueberwaeltigung der Gegner nicht, wie Cinna und Sulla, Parteihaupt bleibt, sondern wie Caesar, wie Heinrich IV. und Wilhelm von Oranien, an die Stelle des notwendig einseitigen Parteiprogramms die Wohlfahrt des Gemeinwesens setzen will, augenblicklich alle Parteien, die eigene wie die besiegt, sich gegen das neue Oberhaupt vereinigen; und um so mehr, je groesser und reiner dasselbe seinen neuen Beruf auffasst. Die Verfassungsfreunde und die Pompeianer, wenn sie auch mit den Lippen Caesar huldigten, grollten doch im Herzen entweder der Monarchie oder wenigstens der Dynastie; die gesunkene Demokratie war, seit sie begriffen, dass Caesars Zwecke keineswegs die ihrigen waren, gegen denselben in offenem Aufruhr; selbst die persoenlichen Anhaenger Caesars murrten, als sie ihr Haupt statt eines Condottierstaats eine allen gliche und gerechte Monarchie gruenden und die auf sie treffenden Gewinnportionen durch das Hinzutreten der Besiegten sich verringern sahen. Diese Ordnung des Gemeinwesens war keiner Partei genehm und musste den Genossen nicht minder als den Gegnern oktroyiert werden. Caesars eigene Stellung war jetzt in gewissem Sinne gefaehrdeter als vor dem Siege; aber was er verlor, gewann der Staat. Indem er die Parteien vernichtete und die Parteimaenner nicht bloss schonte, sondern jeden Mann von Talent oder auch nur von guter Herkunft, ohne Ruecksicht auf seine politische Vergangenheit, zu Aemtern gelangen liess, gewann er nicht bloss fuer seinen grossen Bau alle im Staate vorhandene Arbeitskraft, sondern das freiwillige oder gezwungene Schaffen der Maenner aller Parteien an demselben Werke fuehrte auch unmerklich die Nation hinueber auf den neubereiteten Boden. Wenn diese Ausgleichung der Parteien fuer den Augenklick nur aeusserlicher Art war und dieselben sich fuer jetzt viel weniger in der Anhaenglichkeit an die neuen Zustaende begegneten als in dem Hasse gegen Caesar, so irrte dies ihn nicht; er wusste es wohl, dass die Gegensaetze doch in solcher aeusserlichen Vereinigung sich abstumpfen und dass nur auf diesem Wege der Staatsmann der Zeit vorarbeitet, welche freilich allein vermag, solchen Hader schliesslich zu suehnen, indem sie das alte Geschlecht ins Grab legt. Noch weniger fragte er, wer ihn hasste oder auf Mord gegen ihn sann. Wie jeder echte Staatsmann diente er dem Volke nicht um Lohn, auch nicht um den Lohn seiner Liebe, sondern gab die Gunst der Zeitgenossen hin fuer den Segen der Zukunft und vor allem fuer die Erlaubnis, seien Nation retten und verjuengen zu duerfen.
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^3 Wer alte und neue Schriftstellerbedraengnisse zu vergleichen wuenscht, wird in dem Briefe des Caecina (Cic. ad fam. 6, 7) Gelegenheit dazu finden. | | |
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