Bücher-Datenbank
Informationen & HilfeForumLoginPartnerKontaktImpressumRechtliche Hinweise
Schlagwort-Index
Personen-Index
Orte-Index
Zur gesamten Bücher-Datenbank
  Bücher & Textdatenbank
  Geschichte
  Theodor Mommsen
  Roemische Geschichte - 5. Buch
 01. Kapitel
 02. Kapitel
 03. Kapitel
 04. Kapitel
 05. Kapitel
 06. Kapitel
 07. Kapitel
 08. Kapitel
 09. Kapitel
 10. Kapitel
 11. Kapitel
 12. Kapitel
Webdesign @ Pixel-Partisan.de
Projekte:
Der 1. Weltkrieg
Online-Bibel
Das Spiel der Liebe
Lifestyle Webkatalog

Schnellsuche: Caesar - Monarchie - Senat - Imperator - Gewalt - Recht
Rom - Gesetz - Monarch - Geschichte - Amt - Natur - Art - Ende

Theodor Mommsen

Roemische Geschichte - 5. Buch


Seite 24 von 31     12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 
Allein diese Abstellung der bestehenden Missbraeuche war nicht die Hauptsache in Caesars Provinzialreform. In der roemischen Republik waren, nach der Ansicht der Aristokratie wie der Demokratie, die Aemter nichts gewesen als wie sie haeufig genannt werden: Landgueter des roemischen Volkes, und als solche waren sie benutzt und ausgenutzt worden. Damit war es jetzt vorbei. Die Provinzen als solche sollten allmaehlich untergehen, um der verjuengten hellenisch-italischen Nation eine neue und geraeumigere Heimat zu bereiten, von deren einzelnen Bezirken keiner nur um eines andern willen da war, sondern alle fuer einen und einer fuer alle; die Leiden und Schaeden der Nation, fuer die in dem alten Italien keine Hilfe war, sollte das neue Dasein in der verjuengten Heimat, das frischere, breitere, grossartigere Volksleben von selber ueberwinden. Bekanntlich waren diese Gedanken nicht neu. Die seit Jahrhunderten stehend gewordene Emigration aus Italien in die Provinzen hatte laengst, freilich den Emigranten selber unbewusst, eine solche Ausdehnung Italiens vorbereitet. In planmaessiger Weise hatte zuerst Gaius Gracchus, der Schoepfer der roemischen demokratischen Monarchie, der Urheber der transalpinischen Eroberungen, der Gruender der Kolonien Karthago und Narbo, die Italiker ueber Italiens Grenzen hinausgelenkt, sodann der zweite geniale Staatsmann, den die roemische Demokratie hervorgebracht, Quintus Sertorius, damit begonnen, die barbarischen Okzidentalen zur latinischen Zivilisation anzuleiten; er gab der vornehmen spanischen Jugend roemische Tracht und hielt sie an, lateinisch zu sprechen und auf der von ihm gegruendeten Bildungsanstalt in Osca sich die hoehere italische Bildung anzueignen. Bei Caesars Regierungsantritt war bereits eine massenhafte, freilich der Stetigkeit wie der Konzentration grossenteils ermangelnde italische Bevoelkerung in allen Provinzen und Klientelstaaten vorhanden - um von den foermlich italischen Staedten in Spanien und dem suedlichen Gallien zu schweigen, erinnern wir nur an die zahlreichen Buergertruppen, die Sertorius und Pompeius in Spanien, Caesar in Gallien, Juba in Numidien, die Verfassungspartei in Afrika, Makedonien, Griechenland, Kleinasien und Kreta aushoben; an die freilich uebelgestimmte lateinische Leier, auf der die Stadtpoeten von Corduba schon im Sertorianischen Kriege der roemischen Feldherren Lob und Preis sangen; an die eben ihrer sprachlichen Eleganz wegen geschaetzten Uebersetzungen griechischer Poesien, die der aelteste namhafte ausseritalische Poet, der Transalpiner Publius Terentius Varro von der Aude, kurz nach Caesars Tode veroeffentlichte.

Andererseits war die Durchdringung des latinischen und des hellenischen Wesens, man moechte sagen, so alt wie Rom. Schon bei der Einigung Italiens hatte die obsiegende latinische Nation alle anderen besiegten Nationalitaeten sich assimiliert, nur die einzige griechische, so wie sie war, sich eingefuegt, ohne sie aeusserlich mit sich zu verschmelzen. Wohin der roemische Legionaer kam, dahin folgte der griechische Schulmeister, in seiner Art nicht minder ein Eroberer, ihm nach; schon frueh finden wir namhafte griechische Sprachlehrer ansaessig am Guadalquivir, und in der Anstalt von Osca ward so gut griechisch gelehrt wie lateinisch. Die hoehere roemische Bildung selbst war ja durchaus nichts anderes als die Verkuendung des grossen Evangeliums hellenischer Art und Kunst im italischen Idiom; gegen die bescheidene Anmassung der zivilisierenden Eroberer, dasselbe zunaechst in ihrer Sprache den Barbaren des Westens zu verkuendigen, konnte der Hellene wenigstens nicht laut protestieren. Schon laengst erblickte der Grieche ueberall, und am entschiedensten eben da, wo das Nationalgefuehl am reinsten und am staerksten war, an den von barbarischer Denationalisierung bedrohten Grenzen, wie zum Beispiel in Massalia, am Nordgestade des Schwarzen Meeres und am Euphrat und Tigris, den Schild und das Schwert des Hellenismus in Rom; und in der Tat nahmen Pompeius' Staedtegruendungen im fernen Osten nach jahrhundertelanger Unterbrechung Alexanders segensreiches Werk wieder auf.

Der Gedanke eines italisch-hellenischen Reiches mit zweien Sprachen und einer einheitlichen Nationalitaet war nicht neu - er waere sonst auch nichts gewesen als ein Fehler; aber dass er aus schwankenden Entwuerfen zu sicherer Fassung, aus zerstreuten Anfaengen zu konzentrierter Grundlegung fortschritt, ist das Werk des dritten und groessten der demokratischen Staatsmaenner Roms. Die erste und wesentlichste Bedingung zu der politischen und nationalen Nivellierung des Reichs war die Erhaltung und Ausdehnung der beiden zu gemeinschaftlichem Herrschen bestimmten Nationen, unter moeglichst rascher Beseitigung der neben ihr stehenden barbarischen oder barbarisch genannten Staemme. In gewissem Sinne koennte man allerdings neben Roemern und Griechen noch eine dritte Nationalitaet nennen, die mit denselben in der damaligen Welt an Ubiquitaet wetteiferte und auch in dem neuen Staate Caesars eine nicht unwesentliche Rolle zu spielen bestimmt war. Es sind dies die Juden. Das merkwuerdige, nachgiebig zaehe Volk war in der alten wie in der heutigen Welt ueberall und nirgends heimisch und ueberall und nirgends maechtig. Die Diadochen Davids und Salomos bedeuteten fuer die Juden jener Zeit kaum mehr, als heutzutage Jerusalem fuer sie bedeutet; die Nation fand wohl fuer ihre religioese und geistige Einheit einen sichtbaren Anhalt in dem kleinen Koenigreich von Jerusalem, aber sie selbst bestand keineswegs in der Untertanenschaft der Hasmonaeer, sondern in den zahllos durch das ganze Parthische und das ganze Roemische Reich zerstreuten Judenschaften. In Alexandreia namentlich und aehnlich in Kyrene bildeten die Juden innerhalb dieser Staedte eigene, administrativ und selbst lokal abgegrenzte Gemeinwesen, den Judenvierteln unserer Staedte nicht ungleich, aber freier gestellt und von einem "Volksherrn" als oberstem Richter und Verwalter geleitet. Wie zahlreich selbst in Rom die juedische Bevoelkerung bereits vor Caesar war, und zugleich, wie landsmannschaftlich eng die Juden auch damals zusammenhielten, beweist die Bemerkung eines Schriftstellers dieser Zeit, dass es fuer den Statthalter bedenklich sei, den Juden in seiner Provinz zu nahe zu treten, weil er dann sicher darauf zaehlen duerfe, nach seiner Heimkehr von dem hauptstaedtischen Poebel ausgepfiffen zu werden. Auch zu jener Zeit war das vorwiegende Geschaeft der Juden der Handel: mit dem erobernden roemischen Kaufmann zog damals der juedische Haendler ebenso ueberall hin wie spaeter mit dem genuesischen und venezianischen, und neben der roemischen stroemte das Kapital allerorts bei der juedischen Kaufmannschaft zusammen. Auch zu jener Zeit endlich begegnen wir der eigentuemlichen Antipathie der Okzidentalen gegen diese so gruendlich orientalische Rasse und ihre fremdartigen Meinungen und Sitten. Dies Judentum, obwohl nicht der erfreulichste Zug in dem nirgends erfreulichen Bilde der damaligen Voelkermengung, war nichtsdestoweniger ein im natuerlichen Verlauf der Dinge sich entwickelndes geschichtliches Moment, das der Staatsmann weder sich ableugnen noch bekaempfen durfte und dem Caesar vielmehr, ebenwie sein Vorgaenger Alexander, in richtiger Erkenntnis der Verhaeltnisse moeglichst Vorschub tat. Wenn Alexander, der Stifter des alexandrinischen Judentums, damit nicht viel weniger fuer die Nation tat wie ihr eigener David durch den Tempelbau von Jerusalem, so foerderte auch Caesar die Juden in Alexandreia wie in Rom durch besondere Beguenstigungen und Vorrechte und schuetzte namentlich ihren eigentuemlichen Kult gegen die roemischen wie gegen die griechischen Lokalpfaffen. Die beiden grossen Maenner dachten natuerlich nicht daran, der hellenischen oder italisch-hellenischen Nationalitaet die juedische ebenbuertig zur Seite zu stellen. Aber der Jude, der nicht wie der Okzidentale die Pandoragabe politischer Organisation empfangen hat und gegen den Staat sich wesentlich gleichgueltig verhaelt; der ferner ebenso schwer den Kern seiner nationalen Eigentuemlichkeit aufgibt als bereitwillig denselben mit jeder beliebigen Nationalitaet umhuellt und bis zu einem gewissen Grad der fremden Volkstuemlichkeit sich anschmiegt - der Jude war ebendarum wie geschaffen fuer einen Staat, welcher auf den Truemmern von hundert lebendigen Politien erbaut und mit einer gewissermassen abstrakten und von vornherein verschliffenen Nationalitaet ausgestattet werden sollte. Auch in der alten Welt war das Judentum ein wirksames Ferment des Kosmopolitismus und der nationalen Dekomposition und insofern ein vorzugsweise berechtigtes Mitglied in dem Caesarischen Staate, dessen Politie doch eigentlich nichts als Weltbuergertum, dessen Volkstuemlichkeit im Grunde nichts als Humanitaet war.

Indes die positiven Elemente des neuen Buergertums blieben ausschliesslich die latinische und die hellenische Nationalitaet. Mit dem spezifisch italischen Staat der Republik war es also zu Ende; jedoch war es nichts als ein sehr erklaerliches, aber auch sehr albernes Gerede des grollenden Adels, dass Caesar Italien und Rom absichtlich zugrunde richte, um den Schwerpunkt des Reiches in den griechischen Osten zu verlegen und zur Hauptstadt desselben Ilion oder Alexandreia zu machen. Vielmehr behielt in Caesars Organisation die latinische Nationalitaet immer das Uebergewicht; wie sich dies schon darin ausspricht, dass er jede Verfuegung in lateinischer, aber die fuer die griechisch redenden Landschaften bestimmten daneben in griechischer Sprache erliess. Im allgemeinen ordnete er die Verhaeltnisse der beiden grossen Nationen in seiner Monarchie ebenwie sie in dem geeinigten Italien seine republikanischen Vorgaenger geordnet hatten: die hellenische Nationalitaet wurde geschuetzt, wo sie bestand, die italische nach Vermoegen erweitert und ihr die Erbschaft der aufzuloesenden Rassen bestimmt. Es war dies schon deshalb notwendig, weil eine voellige Gleichstellung des griechischen und lateinischen Elements im Staate aller Wahrscheinlichkeit nach in sehr kurzer Zeit diejenige Katastrophe herbeigefuehrt haben wuerde, die manche Jahrhunderte spaeter der Byzantinismus vollzog; denn das Griechentum war nicht bloss geistig nach allen Richtungen hin dem roemischen Wesen ueberlegen, sondern auch an Masse, und hatte in Italien selbst an den Schwaermen der gezwungen oder freiwillig nach Italien wandernden Hellenen und Halbhellenen eine Unzahl unscheinbarer, aber in ihrem Einfluss nicht hoch genug anzuschlagender Apostel. Um nur der eminentesten Erscheinung auf diesem Gebiete zu gedenken, so ist das Regiment der griechischen Lakaien ueber die roemischen Monarchen so alt wie die Monarchie: der erste in der ebenso langen wie widerwaertigen Liste dieser Individuen ist Pompeius' vertrauter Bedienter Theophanes von Mytilene, welcher durch seine Gewalt ueber den schwachen Herrn wahrscheinlich mehr als irgendein anderer Mann zu dem Ausbruch des Krieges zwischen Pompeius und Caesar beigetragen hat. Nicht ganz mit Unrecht ward er nach seinem Tode von seinen Landsleuten goettlich verehrt: eroeffnete er doch die Kammerdienerregierung der Kaiserzeit, die gewissermassen eben auch eine Herrschaft der Hellenen ueber die Roemer war. Die Regierung hatte demnach allen Grund, die Ausbreitung des Hellenismus wenigstens im Westen nicht noch von oben herab zu foerdern. Wenn Sizilien nicht bloss des Zehntendrucks entlastet, sondern auch seinen Gemeinden das latinische Recht bestimmt ward, dem seiner Zeit vermutlich die volle Gleichstellung mit Italien nachfolgen sollte, so kann Caesars Absicht nur gewesen sein, die herrliche, aber damals veroedete und wirtschaftlich zum groessten Teil in italische Haende gelangte Insel, welche die Natur nicht so sehr zum Nachbarland Italiens bestimmt hat als zu der schoensten seiner Landschaften, voellig in Italien aufgehen zu lassen. Im uebrigen aber ward das Griechentum, wo es bestand, erhalten und geschuetzt. Wie nahe auch die politischen Krisen es dem Imperator legten, die festen Pfeiler des Hellenismus im Okzident und in Aegypten umzustuerzen, Massalia und Alexandreia wurden weder vernichtet noch denationalisiert.

Seite 24 von 31     12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 
Schlagwort-Index
Personen-Index
Orte-Index
Zum Kapitel:
Geschichte ->
Theodor Mommsen ->
Roemische Geschichte - 5. Buch ->
11. Kapitel
Suche in Kapitel
Häufige Suchbegriffe: