|
| |
| | Theodor MommsenRoemische Geschichte - 5. Buch | Seite 25 von 31 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 | | Dagegen das roemische Wesen ward durch Kolonisierung wie durch Latinisierung mit allen Kraeften und an den verschiedensten Punkten des Reiches von der Regierung gehoben. Der zwar aus einer argen Vereinigung formeller Rechts- und brutaler Machtentwicklung hervorgegangene, aber, um freie Hand gegen die zur Vernichtung bestimmten Nationen zu haben, unumgaenglich notwendige Satz, dass an allem, nicht durch besonderen Akt der Regierung an Gemeinden oder Private abgetretenen Grund und Boden in den Provinzen der Staat das Eigentum, der zeitige Inhaber nur einen geduldeten und jederzeit widerruflichen Erbbesitz habe, wurde auch von Caesar festgehalten und durch ihn aus einer demokratischen Parteitheorie zu einem Fundamentalprinzip des monarchischen Rechts erhoben. In erster Linie kam fuer die Ausbreitung der roemischen Nationalitaet natuerlich Gallien in Frage. Gallien diesseits der Alpen erhielt durch die laengst von der Demokratie als vollzogen angenommene und nun (705 49) durch Caesar schliesslich vollzogene Aufnahme der transpadanischen Gemeinden in den roemischen Buergerverband durchgaengig, was ein grosser Teil der Bewohner laengst gehabt: politische Gleichberechtigung mit dem Hauptland. Tatsaechlich hatte sich diese Provinz in den vierzig Jahren, die seit Erteilung des Latinerrechts verflossen waren, bereits vollstaendig latinisiert. Die Exklusiven mochten spotten ueber den breiten und gurgelnden Akzent des Kettenlateins und ein "ich weiss nicht was von hauptstaedtischer Anmut" bei dem Insubrer und Veneter vermissen, der sich als Caesars Legionaer mit dem Schwert einen Platz auf dem roemischen Markt und sogar in der roemischen Kurie erobert hatte. Nichtsdestoweniger war das Cisalpinische Gallien mit seiner dichten, vorwiegend bauernschaftlichen Bevoelkerung schon vor Caesar der Sache nach eine italische Landschaft und blieb Jahrhunderte lang der rechte Zufluchtsort italischer Sitte und italischer Bildung; wie denn die Lehrer der latinischen Literatur nirgends sonst ausserhalb der Hauptstadt so vielen Zuspruch und Anklang fanden. Wenn also das Cisalpinische Gallien wesentlich in Italien aufging, so trat zugleich an die Stelle, die es bisher eingenommen hatte, die transalpinische Provinz, die ja durch Caesars Eroberungen aus einer Grenz- in eine Binnenprovinz umgewandelt worden war und die durch ihre Naehe wie durch ihr Klima vor allen anderen Gebieten sich dazu eignete, mit der Zeit gleichfalls eine italische Landschaft zu werden. Dorthin hauptsaechlich, nach dem alten Zielpunkt der ueberseeischen Ansiedlungen der roemischen Demokratie, ward der Strom der italischen Emigration gelenkt. Es wurden daselbst teils die alte Kolonie Narbo durch neue Ansiedler verstaerkt, teils in Baeterrae (Beziers) unweit Narbo, in Arelate (Arles) und Arausio (Orange) an der Rhone und in der neuen Hafenstadt Forum Iulii (Frejus) vier neue Buergerkolonien angelegt, deren Namen zugleich das Andenken der tapferen Legionen bewahrten, die das noerdliche Gallien zum Reiche gebracht hatten ^29. Die nicht mit Kolonisten belegten Ortschaften scheinen zugleich, wenigstens groesstenteils, in derselben Art wie einst das transpadanische Kettenland, der Romanisierung entgegengefuehrt worden zu sein durch Verleihung latinischen Stadtrechts; namentlich wurde Nemausus (Nimes) als der Hauptort des den Massalioten infolge ihrer Auflehnung gegen Caesar aberkannten Gebiets aus einem massaliotischen Flecken in eine latinische Stadtgemeinde umgewandelt und mit ansehnlichem Gebiet und selbst mit Muenzrecht ausgestattet ^30. Indem also das Cisalpinische Gallien von der vorbereitenden Stufe zur vollen Gleichstellung mit Italien fortschritt, rueckte gleichzeitig die narbonensische Provinz in jenes vorbereitende Stadium nach; ganz wie bisher im Cisalpinischen Gallien hatten die ansehnlichsten Gemeinden daselbst das volle Buerger-, die uebrigen latinisches Recht.
---------------------------------
^29 Narbo heisst Kolonie der Decimaner, Baeterrae der Septimaner, Forum Iulii der Octavaner, Arelate der Sextaner, Arausio der Secundaner. Die neunte Legion fehlt, weil sie ihre Nummer durch die Meuterei von Placentia entehrt hatte. Dass uebrigens die Kolonisten dieser Kolonien den eponymen Legionen angehoerten, wird nicht gesagt und ist nicht glaublich; die Veteranen selbst wurden wenigstens der grossen Mehrzahl nach in Italien angesiedelt. Ciceros Klage, dass Caesar "ganze Provinzen und Landschaften auf einen Schlag konfisziert habe" (off. 2, 7, 27, vgl. Phil. 13,15; 31, 32), geht ohne Zweifel, wie schon die enge Verknuepfung derselben mit dem Tadel des Triumphs ueber die Massalioten beweist, auf die dieser Kolonien wegen in der narbonensischen Provinz vorgenommenen Landeinziehungen und zunaechst auf die Massalia auferlegten Gebietsverluste.
^30 Ausdruecklich ueberliefert ist es nicht, von wem das latinische Recht der nichtkolonisierten Ortschaften dieser Gegend und namentlich von Nemausus herruehrt. Aber da Caesar selbst (civ. 1, 35) so gut wie geradezu sagt, dass Nemausus bis 705 (49) ein massaliotisches Dorf war; da nach dem Livianischen Bericht (Dio 41, 25; Flor. epit. 2, 13; Oros. hist. 6, 15) eben dieser Teil des Gebietes den Massalioten von Caesar entzogen ward da endlich schon auf voraugustischen Muenzen und sodann bei Strabon die Stadt als Gemeinde latinischen Rechts vorkommt, so kann nur Caesar der Urheber dieser Latinitaetsverleihung sein. Von Ruscino (Roussillon bei Perpignan) und anderen, im Narbonensischen Gallien frueh zu latinischer Stadtverfassung gelangten Gemeinden laesst sich nur vermuten, dass sie dieselbe gleichzeitig mit Nemausus empfingen. | | |
|
| Seite 25 von 31 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 |
| |
| | | | |
| | |
| Häufige Suchbegriffe: | | die neunte römische legion (1) | | römische geschichte buch caesar (1) | | Oros hist 6 15 (1) | | theodor mommsen römische geschichte caesar (1) | | Römische Ortschaften (1) | | Römische Geschichte in Arles (1) | | Iulii Caesar (1) |
|
|