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  Roemische Geschichte - 5. Buch
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Theodor Mommsen

Roemische Geschichte - 5. Buch


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Versuchen wir im einzelnen Rechenschaft zu geben von der Ueberfuehrung der alten Zustaende in die neue Bahn, so ist zunaechst daran zu erinnern, dass Caesar nicht kam um anzufangen, sondern um zu vollenden. Der Plan zu einer zeitgemaessen Politik, laengst von Gaius Gracchus entworfen, war von seinen Anhaengern und Nachfolgern wohl mit mehr oder minder Geist und Glueck, aber ohne Schwanken festgehalten worden. Caesar, von Haus aus und gleichsam schon nach Erbrecht das Haupt der Popularpartei, hatte seit dreissig Jahren deren Schild hoch emporgehalten, ohne je die Farbe zu wechseln oder auch nur zu decken; er blieb Demokrat auch als Monarch. Wie er die Erbschaft seiner Partei, abgesehen natuerlich von den catilinarischen und clodischen Verkehrtheiten, unbeschraenkt antrat, der Aristokratie und den echten Aristokraten den bittersten, selbst persoenlichen Hass zollte und die wesentlichen Gedanken der roemischen Demokratie: die Milderung der Lage der Schuldner, die ueberseeische Kolonisation, die allmaehliche Nivellierung der unter den Klassen der Staatsangehoerigen bestehenden Rechtsverschiedenheiten, die Emanzipierung der exekutiven Gewalt vom Senat, unveraendert festhielt, so war auch seine Monarchie so wenig mit der Demokratie im Widerspruch, dass vielmehr diese erst durch jene zur Vollendung und Erfuellung gelangte. Denn diese Monarchie war nicht die orientalische Despotie von Gottes Gnaden, sondern die Monarchie, wie Gaius Gracchus sie gruenden wollte, wie Perikles und Cromwell sie gruendeten: die Vertretung der Nation durch ihren hoechsten und unumschraenkten Vertrauensmann. Es waren insofern die Gedanken, die dem Werke Caesars zu Grunde lagen, nicht eigentlich neue; aber ihm gehoert ihre Verwirklichung, die zuletzt ueberall die Hauptsache bleibt, und ihm die Grossheit der Ausfuehrung, die selbst den genialen Entwerfer, wenn er sie haette schauen koennen, ueberrascht haben moechte und die jeden, dem sie in lebendiger Wirklichkeit oder im Spiegel der Geschichte entgegengetreten ist, welcher geschichtlichen Epoche und welcher politischen Farbe immer er angehoere, je nach dem Mass seiner Fassungskraft fuer menschliche und geschichtliche Groesse mit tiefer und tieferer Bewegung und Bewunderung ergriffen hat und ewig ergreifen wird.

Wohl aber wird es gerade hier am Orte sein, das, was der Geschichtschreiber stillschweigend ueberall voraussetzt, einmal ausdruecklich zu fordern und Einspruch zu tun gegen die der Einfalt und der Perfidie gemeinschaftliche Sitte, geschichtliches Lob und geschichtlichen Tadel, von den gegebenen Verhaeltnissen abgeloest, als allgemein gueltige Phrase zu verbrauchen, in diesem Falle das Urteil ueber Caesar in ein Urteil ueber den sogenannten Caesarismus umzudeuten. Freilich soll die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte die Lehrmeisterin des laufenden sein; aber nicht in dem gemeinen Sinne, als koenne man die Konjunkturen der Gegenwart in den Berichten ueber die Vergangenheit nur einfach wiederaufblaettern und aus denselben der politischen Diagnose und Rezeptierkunst die Symptome und Spezifika zusammenlesen; sondern sie ist lehrhaft einzig insofern, als die Beobachtung der aelteren Kulturen die organischen Bedingungen der Zivilisation ueberhaupt, die ueberall gleichen Grundkraefte und die ueberall verschiedene Zusammensetzung derselben offenbart und statt zum gedankenlosen Nachahmen vielmehr zum selbstaendigen Nachschoepfen anleitet und begeistert. In diesem Sinne ist die Geschichte Caesars und des roemischen Caesarentums, bei aller unuebertroffenen Grossheit des Werkmeisters, bei aller geschichtlichen Notwendigkeit des Werkes, wahrlich eine schaerfere Kritik der modernen Autokratie, als eines Menschen Hand sie zu schreiben vermag. Nach dem gleichen Naturgesetz, weshalb der geringste Organismus unendlich mehr ist als die kunstvollste Maschine, ist auch jede noch so mangelhafte Verfassung, die der freien Selbstbestimmung einer Mehrzahl von Buergern Spielraum laesst, unendlich mehr als der genialste und humanste Absolutismus; denn jene ist der Entwicklung faehig, also lebendig, dieser ist was er ist, also tot. Dieses Naturgesetz hat auch an der roemischen absoluten Militaermonarchie sich bewaehrt und nur um so vollstaendiger sich bewaehrt, als sie, unter dem genialen Impuls ihres Schoepfers und bei der Abwesenheit aller wesentlichen Verwicklungen mit dem Ausland, sich reiner und freier als irgendein aehnlicher Staat gestaltet hat. Von Caesar an hielt, wie die spaeteren Buecher dies darlegen werden und Gibbon laengst es dargelegt hat, das roemische Wesen nur noch aeusserlich zusammen und ward nur mechanisch erweitert, waehrend es innerlich eben mit ihm voellig vertrocknete und abstarb. Wenn in den Anfaengen der Autokratie und vor allem in Caesars eigener Seele noch der hoffnungsreiche Traum einer Vereinigung freier Volksentwicklung und absoluter Herrschaft waltet, so hat schon das Regiment der hochbegabten Kaiser des Julianischen Geschlechts in schrecklicher Weise gelehrt, inwiefern es moeglich ist, Feuer und Wasser in dasselbe Gefaess zu fassen. Caesars Werk war notwendig und heilsam, nicht weil es an sich Segen brachte oder auch nur bringen konnte, sondern weil, bei der antiken, auf Sklavenrum gebauten, von der republikanisch-konstitutionellen Vertretung voellig abgewandten Volksorganisation und gegenueber der legitimen, in der Entwicklung eines halben Jahrtausends zum oligarchischen Absolutismus herangereiften Stadtverfassung, die absolute Militaermonarchie der logisch notwendige Schlussstein und das geringste Uebel war. Wenn einmal in Virginien und den Carolinas die Sklavenhalteraristokratie es so weit gebracht haben wird wie ihre Wahlverwandten in dem sullanischen Rom, so wird dort auch der Caesarismus vor dem Geist der Geschichte legitimiert sein ^4; wo er unter andern Entwicklungsverhaeltnissen auftritt, ist er zugleich eine Fratze und eine Usurpation. Die Geschichte aber wird sich nicht bescheiden, dem rechten Caesar deshalb die Ehre zu verkuerzen, weil ein solcher Wahlspruch den schlechten Caesaren gegenueber die Einfalt irren und der Bosheit zu Lug und Trug Gelegenheit geben kann. Sie ist auch eine Bibel, und wenn sie so wenig wie diese, weder dem Toren es wehren kann sie misszuverstehen, noch dem Teufel sie zu zitieren, so wird auch sie imstande sein, beides zu ertragen wie zu vergiften.

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^4 Als dies geschrieben wurde, im Jahre 1857, konnte man noch nicht wissen, wie bald durch den gewaltigsten Kampf und den herrlichsten Sieg, den die Geschichte des Menschengeschlechts bisher verzeichnet hat, demselben diese furchtbare Probe erspart und dessen Zukunft der unbedingten, durch keinen fokalen Caesarismus auf dir Dauer zu hemmenden sich selbst beherrschenden Freiheit gesichert werden sollte.

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