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Theodor Mommsen

Roemische Geschichte - 5. Buch


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Religion, Bildung, Literatur und Kunst
In der religioes-philosophischen Entwicklung tritt in dieser Epoche kein neues Moment hervor. Die roemisch-hellenische Staatsreligion und die damit untrennbar verbundene stoische Staatsphilosophie waren fuer jede Regierung, Oligarchie, Demokratie oder Monarchie, nicht bloss ein bequemes Instrument, sondern deshalb geradezu unentbehrlich, weil es ebenso unmoeglich war, den Staat ganz ohne religioese Elemente zu konstruieren als irgendeine neue zur Ersetzung der alten geeignete Staatsreligion aufzufinden. So fuhr denn zwar der revolutionaere Besen gelegentlich sehr unsanft in die Spinnweben der auguralen Vogelweisheit hinein; aber die morsche, in allen Fugen krachende Maschine ueberdauerte dennoch das Erdbeben, das die Republik selber verschlang, und rettete ihre Geistlosigkeit und ihre Hoffart ungeschmaelert hinueber in die neue Monarchie. Es versteht sich, dass sie zunahm an Ungnade bei allen denen, die ein freies Urteil sich bewahrten. Zwar gegen die Staatsreligion verhielt die oeffentliche Meinung sich wesentlich gleichgueltig; sie war allerseits als eine Institution politischer Konvenienz anerkannt und es bekuemmerte sich niemand sonderlich um sie, mit Ausnahme der politischen und antiquarischen Gelehrten. Aber gegen ihre philosophische Schwester entwickelte sich in dem unbefangenen Publikum jene Feindseligkeit, die die leere und doch auch perfide Phrasenheuchelei auf die Laenge nie verfehlt zu erwecken. Dass der Stoa selbst von ihrer eigenen Nichtigkeit eine Ahnung aufzugehen begann, beweist ihr Versuch, auf dem Wege des Synkretismus sich wieder einigen Geist kuenstlich einzufloessen: Antiochos von Askalon (blueht 675 79), der mit dem stoischen System das platonisch-aristotelische zu einer organischen Einheit zusammengeklittert zu haben behauptete, brachte es in der Tat dahin, dass seine missgeschaffene Doktrin die Modephilosophie der Konservativen seiner Zeit und von den vornehmen Dilettanten und Literaten Roms gewissenhaft studiert ward. Wer irgend in geistiger Frische sich regte, opponierte der Stoa oder ignorierte sie. Es war hauptsaechlich der Widerwille gegen die grossmauligen und langweiligen roemischen Pharisaeer, daneben freilich auch der zunehmende Hang, sich aus dem praktischen Leben in schlaffe Apathie oder nichtige Ironie zu fluechten, dem waehrend dieser Epoche das System Epikurs seine Ausbreitung in weiteren Kreisen und die Diogenische Hundephilosophie ihre Einbuergerung in Rom verdankte. Wie matt und gedankenarm auch jenes sein mochte, eine Philosophie, die nicht in der Veraenderung der hergebrachten Bezeichnungen den Weg zur Freiheit suchte, sondern mit den vorhandenen sich begnuegte und durchaus nur die sinnliche Wahrnehmung als wahr gelten liess, war immer noch besser als das terminologische Geklapper und die hohlen Begriffe der stoischen Weisheit; und die Hundephilosophie gar war von allen damaligen philosophischen Systemen insofern bei weitem das vorzueglichste, als ihr System sich darauf beschraenkte, gar kein System zu haben, sondern alle Systeme und alle Systematiker zu verhoehnen. Auf beiden Gebieten wurde gegen die Stoa mit Eifer und Glueck Krieg gefuehrt; fuer ernste Maenner predigte der Epikureer Lucretius mit dem vollen Akzent der innigen Ueberzeugung und des heiligen Eifers gegen den stoischen Goetter- und Vorsehungsglauben und die stoische Lehre von der Unsterblichkeit der Seele; fuer das grosse lachbereite Publikum traf der Kyniker Varro mit den fluechtigen Pfeilen seiner vielgelesenen Satiren noch schaerfer zum Ziel. Wenn also die tuechtigsten Maenner der aelteren Generation die Stoa befehdeten, so stand dagegen die juengere, wie zum Beispiel Catullus, zu ihr in gar keinem innerlichen Verhaeltnis mehr und kritisierte sie noch bei weitem schaerfer durch vollstaendiges Ignorieren.

Indes wenn hier ein glaubenloser Glaube aus politischer Konvenienz aufrecht erhalten ward, so brachte man dies anderswo reichlich wieder ein. Unglaube und Aberglaube, verschiedene Farbenbrechungen desselben geschichtlichen Phaenomens, gingen auch in der damaligen roemischen Welt Hand in Hand und es fehlte nicht an Individuen, welche sie beide in sich vereinigten, mit Epikuros die Goetter leugneten und doch vor jeder Kapelle beteten und opferten. Natuerlich galten nur noch die aus dem Orient gekommenen Goetter, und wie die Menschen fortfuhren, aus den griechischen Landschaften nach Italien zu stroemen, so wanderten auch die Goetter des Ostens in immer steigender Zahl nach dem Westen hinueber. Was der phrygische Kult damals in Rom bedeutete, beweist sowohl die Polemik bei den aelteren Maennern, wie bei Varro und Lucretius, als auch die poetische Verherrlichung desselben bei dem modernen Catullus, die mit der charakteristischen Bitte schliesst, dass die Goettin geneigen moege, nur andere, nicht den Dichter selbst verrueckt zu machen. Neu trat hinzu der persische Goetterdienst, der zuerst durch Vermittlung der von Osten und von Westen her auf dem Mittelmeere sich begegnenden Piraten zu den Okzidentalen gelangt sein soll und als dessen aelteste Kultstaette im Westen der Berg Olympos in Lykien bezeichnet wird. Dafuer, dass man bei der Aufnahme der orientalischen Kulte im Okzident das, was sie von hoeheren spekulativen und sittlichen Elementen enthielten, durchgaengig fallen liess, ist es ein merkwuerdiger Beleg, dass der hoechste Gott der reinen Lehre Zarathustras, Ahuramazda, im Westen so gut wie unbekannt blieb und hier die Verehrung sich vorzugsweise wieder demjenigen Gott zuwandte, der in der alten persischen Volksreligion den ersten Platz eingenommen hatte und durch Zarathustra an den zweiten gerueckt worden war, dem Sonnengott Mithra. Rascher noch als die lichteren und milderen persischen Himmelsgestalten traf der langweilig geheimnisvolle Schwarm der aegyptischen Goetterkarikaturen in Rom ein, die Naturmutter Isis mit ihrem ganzen Gefolge, dem ewig sterbenden und ewig wiederauflebenden Osiris, dem finsteren Sarapis, dem schweigsam ernsten Harpokrates, dem hundskoepfigen Anubis. In dem Jahre, wo Clodius die Klubs und Konventikel freigab (696 58), und ohne Zweifel eben infolge dieser Emanzipation des Poebels, machte jener Schwarm sogar Anstalt, in die alte Burg des roemischen Jupiter auf dem Kapitol seinen Einzug zu halten, und kaum gelang es, von hier ihn noch abzuwehren und die unvermeidlichen Tempel wenigstens in die Vorstaedte Roms zu bannen. Kein Kult war in den unteren Schichten der hauptstaedtischen Bevoelkerung gleich populaer: als der Senat die innerhalb der Ringmauer angelegten Isistempel einzureissen befahl, wagte kein Arbeiter, die erste Hand daran zu legen, und der Konsul Lucius Paullus musste selber den ersten Axtschlag tun (704 50); man konnte darauf wetten, dass je lockerer ein Dirnchen war, es desto frommer die Isis verehrte. Dass Loswerfen, Traumdeuten und dergleichen freie Kuenste ihren Mann ernaehrten, versteht sich von selbst. Das Horoskopstellen ward schon wissenschaftlich betrieben: Lucius Tarutius aus Firmum, ein angesehener und in seiner Art gelehrter, mit Varro und Cicero befreundeter Mann, stellte ganz ernsthaft den Koenigen Romulus und Numa und der Stadt Rom selbst die Nativitaet und erhaertete zur Erbauung der beiderseitigen Glaeubigen mittels seiner chaldaeischen und aegyptischen Weisheit die Berichte der roemischen Chronik. Aber bei weitem die merkwuerdigste Erscheinung auf diesem Gebiet ist der erste Versuch, das rohe Glauben mit dem spekulativen Denken zu verquicken, das erste Hervortreten derjenigen Tendenzen, die wir als neuplatonische zu bezeichnen gewohnt sind, in der roemischen Welt. Ihr aeltester Apostel daselbst war Publius Nigidius Figulus, ein vornehmer Roemer von der strengsten Fraktion der Aristokratie, der 696 (58) die Praetur bekleidete und im Jahre 709 (45) als politischer Verbannter ausserhalb Italiens starb. Mit staunenswerter Vielgelehrtheit und noch staunenswerterer Glaubensstaerke schuf er aus den disparatesten Elementen einen philosophisch-religioesen Bau, dessen wunderlichen Grundriss er mehr wohl noch in muendlichen Verkuendigungen entwickelte als in seinen theologischen und naturwissenschaftlichen Schriften. In der Philosophie griff er, Erloesung suchend von den Totengerippen der umgehenden Systeme und Abstraktionen, zurueck auf den verschuetteten Born der vorsokratischen Philosophie, deren alten Weisen der Gedanke selber noch mit sinnlicher Lebendigkeit erschienen war. Die naturwissenschaftliche Forschung, die, zweckmaessig behandelt, dem mystischen Schwindel und der frommen Taschenspielerei auch jetzt noch so vortreffliche Handhaben darbietet und im Altertum, bei der mangelhafteren Einsicht in die physikalischen Gesetze, sie noch bequemer darbot, spielte begreiflicherweise auch hier eine ansehnliche Rolle. Seine Theologie beruhte wesentlich auf dem wunderlichen Gebraeu, in dem den geistesverwandten Griechen orphische und andere uralte oder sehr neue einheimische Weisheit mit persischen, chaldaeischen und aegyptischen Geheimlehren zusammengeflossen war und in welches Figulus noch die Quasiresultate der tuskischen Forschung in das Nichts und die einheimische Vogelfluglehre zu weiterer harmonischer Konfusion einarbeitete. Dem ganzen System gab die politisch-religioes-nationale Weihe der Name des Pythagoras, des ultrakonservativen Staatsmannes, dessen oberster Grundsatz war, "die Ordnung zu foerdern und der Unordnung zu wehren", des Wundermannes und Geisterbeschwoerers, des in Italien heimischen, selbst in Roms Sagengeschichte verflochtenen und auf dem roemischen Markte im Standbilde zu schauenden uralten Weisen. Wie Geburt und Tod miteinander verwandt sind, so, schien es, sollte Pythagoras nicht bloss an der Wiege der Republik stehen als des weisen Numa Freund und der klugen Mutter Egeria Kollege, sondern auch als der letzte Hort der heiligen Vogelweisheit an ihrem Grabe. Das neue System war aber nicht bloss wunderhaft, es wirkte auch Wunder: Nigidius verkuendigte dem Vater des nachmaligen Kaisers Augustus an dem Tage selbst, wo dieser geboren ward, die kuenftige Groesse des Sohnes; ja die Propheten bannten den Glaeubigen Geister und, was mehr sagen will, sie wiesen ihnen die Plaetze nach, wo ihre verlorenen Muenzen lagen. Die neu-alte Weisheit, wie sie nun eben war, machte doch auf die Zeitgenossen einen tiefen Eindruck; die vornehmsten, gelehrtesten, tuechtigsten Maenner der verschiedensten Parteien, der Konsul des Jahres 705 (49), Appius Claudius, der gelehrte Marcus Varro, der tapfere Offizier Publius Vatinius, machten das Geisterzitieren mit, und es scheint sogar, dass gegen das Treiben dieser Gesellschaften polizeilich eingeschritten werden musste. Diese letzten Versuche, die roemische Theologie zu retten, machen, aehnlich wie Catos verwandte Bestrebungen auf dem politischen Gebiet, zugleich einen komischen und einen wehmuetigen Eindruck; man darf ueber das Evangelium wie ueber die Apostel laecheln, aber immer ist es eine ernsthafte Sache, wenn auch die tuechtigen Maenner anfangen, sich dem Absurden zu ergeben. Die Jugendbildung bewegte sich, wie sich von selbst versteht, in dem in der vorigen Epoche vorgezeichneten Kreise zwiesprachiger Humanitaet, und mehr und mehr ging die allgemeine Bildung auch der roemischen Welt ein auf die von den Griechen dafuer festgestellten Formeln. Selbst die koerperlichen Uebungen schritten von dem Ballspiel, dem Laufen und Fechten fort zu den kunstmaessiger entwickelten griechischen Turnkaempfen; wenn es auch fuer diese noch keine oeffentlichen Anstalten gab, pflegte doch in den vornehmen Landhaeusern schon neben den Badezimmern die Palaestra nicht zu fehlen. In welcher Art der Kreis der allgemeinen Bildung sich in der roemischen Welt im Laufe eines Jahrhunderts umgewandelt hatte, zeigt die Vergleichung der Catonischen 'Encyklopaedie' mit der gleichartigen Schrift Varros 'Von den Schulwissenschaften'. Als Bestandteile der nichtfachwissenschaftlichen Bildung erscheinen bei Cato die Redekunst, die Ackerbau-, Rechts-, Kriegs- und Arzneikunde, bei Varro - nach wahrscheinlicher Vermutung - Grammatik, Logik oder Dialektik, Rhetorik, Geometrie, Arithmetik, Astronomie, Musik, Medizin und Architektur. Es sind also im Verlaufe des siebenten Jahrhunderts Kriegs-, Rechts- und Ackerbaukunde aus allgemeinen zu Fachwissenschaften geworden. Dagegen tritt bei Varro die hellenische Jugendbildung bereits in ihrer ganzen Vollstaendigkeit auf: neben dem grammatisch-rhetorisch-philosophischen Kursus, der schon frueher in Italien eingefuehrt war, findet jetzt auch der laenger spezifisch hellenisch gebliebene geometrisch-arithmetisch-astronomisch-musikalische ^1 sich ein. Dass namentlich die Astronomie, die in der Nomenklatur der Gestirne dem gedankenlosen gelehrten Dilettantismus der Zeit, in ihren Beziehungen zur Astrologie dem herrschenden religioesen Schwindel entgegenkam, in Italien von der Jugend regelmaessig und eifrig studiert ward, laesst sich auch anderweitig belegen: Aratos' astronomische Lehrgedichte fanden unter allen Werken der alexandrinischen Literatur am fruehesten Eingang in den roemischen Jugendunterricht. Zu diesem hellenischen Kursus trat dann noch die aus dem aelteren roemischen Jugendunterricht stehengebliebene Medizin und endlich die dem damaligen statt des Ackers Haeuser und Villen bauenden vornehmen Roemer unentbehrliche Architektur.

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^1 Es sind dies, wie bekannt, die sogenannten sieben freien Kuenste, die mit dieser Unterscheidung der frueher in Italien eingebuergerten drei und der nachtraeglich rezipierten vier Disziplinen sich durch das ganze Mittelalter behauptet haben.

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