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| | Theodor MommsenRoemische Geschichte - 8. Buch | Seite 1 von 18 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 | | 11. Kapitel - Judaea und die Juden | Die Geschichte des juedischen Landes ist so wenig die Geschichte des juedischen Volkes wie die Geschichte des Kirchenstaates die der Katholiken; es ist ebenso erforderlich, beides zu sondern wie beides zusammen zu erwaegen. Die Juden im Jordanland, mit welchen die Roemer zu schaffen hatten, waren nicht dasjenige Volk, das unter seinen Richtern und Koenigen mit Moab und Edom schlug und den Reden des Amos und Hosea lauschte. Die durch die Fremdherrschaft ausgetriebene und durch den Wechsel der Fremdherrschaft wieder zurueckgefuehrte kleine Gemeinde frommer Exulanten, welche ihre neue Einrichtung damit begann, die Reste der in den alten Sitzen zurueckgebliebenen Stammgenossen schroff zurueckzuweisen und zu der unversoehnlichen Fehde zwischen Juden und Samaritern den Grund zu legen, das Ideal nationaler Exklusivitaet und priesterlicher Geistesfesselung, hatte lange vor der roemischen Zeit unter dem Regiment der Seleukiden die sogenannte mosaische Theokratie entwickelt, ein geistliches Kollegium mit dem Erzpriester an der Spitze, welches bei der Fremdherrschaft, sich beruhigend und auf staatliche Gestaltung verzichtend, die Besonderheit der Seinigen wahrte und unter der Aegide der Schutzmacht dieselben beherrschte. Dies den Staat ignorierende Festhalten der nationalen Eigenart in religioesen Formen ist die Signatur des spaeteren Judentums. Wohl ist jeder Gottesbegriff in seiner Bildung volkstuemlich; aber kein anderer Gott ist so von Haus aus der Gott nur der Seinen gewesen wie Jahve, und keiner es so ohne Unterschied von Zeit und Ort geblieben. Jene in das Heilige Land Zurueckwandernden, welche nach den Satzungen Mosis zu leben meinten, und in der Tat lebten nach den Satzungen Ezras und Nehemias, waren von den Grosskoenigen des Orients und spaeter von den Seleukiden gerade ebenso abhaengig geblieben, wie sie es an den Wassern Babylons gewesen waren. Ein politisches Element haftet dieser Organisation nicht mehr an als der armenischen oder der griechischen Kirche unter ihren Patriarchen im tuerkischen Reich; kein freier Luftzug staatlicher Entwicklung geht durch diese klerikale Restauration; keine der schweren und ernsten Verpflichtungen des auf sich selbst gestellten Gemeinwesens behinderte die Priester des Tempels von Jerusalem in der Herstellung des Reiches Jahves auf Erden.
Der Gegenschlag blieb nicht aus. Jener Kirchenunstaat konnte nur dauern, solange eine weltliche Grossmacht ihm als Schirmherr oder auch als Buettel diente. Als das Reich der Seleukiden verfiel, ward durch die Auflehnung gegen die Fremdherrschaft, die eben aus dem begeisterten Volksglauben ihre besten Kraefte zog, wieder ein juedisches Gemeinwesen geschaffen. Der Erzpriester von Salem wurde vom Tempel auf das Schlachtfeld gerufen. Das Geschlecht der Hasmonaeer stellte nicht bloss das Reich Sauls und Davids ungefaehr in seinen alten Grenzen wieder her, sondern diese kriegerischen Hohenpriester erneuerten auch einigermassen das ehemalige, wahrhaft staatliche, den Priestern gebietende Koenigtum. Aber dasselbe, von jener Priesterherrschaft zugleich das Erzeugnis und der Gegensatz, war nicht nach dem Herzen der Frommen. Die Pharisaeer und die Sadduzaeer schieden sich und begannen sich zu befehden. Weniger Glaubenssaetze und rituelle Differenzen standen hier sich einander entgegen als einerseits das Verharren bei einem lediglich die religioesen Ordnungen und Interessen festhaltenden, im uebrigen fuer die Unabhaengigkeit und die Selbstbestimmung der Gemeinde gleichgueltigen Priesterregiment, andererseits das Koenigtum, hinstrebend zu staatlicher Entwicklung und bemueht, in dem politischen Ringen, dessen Schauplatz damals das Syrische Reich war, dem juedischen Volke durch Schlagen und Vertragen wieder seinen Platz zu verschaffen. Jene Richtung beherrschte die Menge, diese ueberwog in der Intelligenz und in den vornehmen Klassen; ihr bedeutendster Vertreter ist Koenig Iannaeos Alexandros, der waehrend seiner ganzen Regierung nicht minder mit den syrischen Herrschern in Fehde lag wie mit seinen Pharisaeern. Obwohl sie eigentlich nur der andere und in der Tat der natuerlichere und maechtigere Ausdruck des nationalen Aufschwungs ist, beruehrte sie sich doch in ihrem freieren Denken und Handeln mit dem hellenischen Wesen und galt insbesondere den frommen Gegnern als fremdlaendisch und unglaeubig.
Aber die Bewohner Palaestinas waren nur ein Teil, und nicht der bedeutendste Teil der Juden; die babylonischen, syrischen, kleinasiatischen, aegyptischen Judengemeinden waren den palaestinensischen auch nach der Regeneration durch die Makkabaeer weit ueberlegen. Mehr als die letztere hat die juedische Diaspora in der Kaiserzeit zu bedeuten gehabt; und sie ist eine durchaus eigenartige Erscheinung.
Die Judenansiedlungen ausserhalb Palaestina sind nur in untergeordnetem Grade aus demselben Triebe entwickelt wie die der Phoeniker und der Hellepen. Von Haus aus ein ackerbauendes und fern von der Kueste wohnendes Volk, sind ihre Ansiedlungen im Ausland eine unfreie und verhaeltnismaessig spaete Bildung, eine Schoepfung Alexanders oder seiner Marschaelle ^1. An jenen immensen, durch Generationen fortgesetzten griechischen Staedtegruendungen, wie sie in gleichem Umfang nie vorher und nie nachher vorgekommen sind, haben die Juden einen hervorragenden Anteil gehabt, so seltsam es auch war, eben sie bei der Hellenisierung des Orients zur Beihilfe zu berufen. Vor allem gilt dies von Aegypten. Die bedeutendste unter allen von Alexander geschaffenen Staedten, Alexandreia am Nil, ist seit den Zeiten des ersten Ptolemaeers, der nach der Einnahme Palaestinas eine Masse seiner Bewohner dorthin uebersiedelte, fast ebenso sehr eine Stadt der Juden wie der Griechen, die dortige Judenschaft an Zahl, Reichtum, Intelligenz, Organisation der jerusalemitischen mindestens gleich zu achten. In der ersten Kaiserzeit rechnete man auf acht Millionen Aegypter eine Million Juden, und ihr Einfluss reichte vermutlich ueber dieses Zahlenverhaeltnis hinaus. Dass wetteifernd damit in der syrischen Reichshauptstadt die Judenschaft in aehnlicher Weise organisiert und entwickelt worden war, wurde schon bemerkt. Von der Ausdehnung und der Bedeutung der Juden Kleinasiens zeugt unter anderem der Versuch, den unter Augustus die ionischen Griechenstaedte, es scheint nach gemeinschaftlicher Verabredung, machten, ihre juedischen Gemeindegenossen entweder zum Ruecktritt von ihrem Glauben oder zur vollen Uebernahme der buergerlichen Lasten zu noetigen. Ohne Zweifel gab es selbstaendig organisierte Judenschaften in saemtlichen neuhellenischen Gruendungen ^2 und daneben in zahlreichen althellenischen Staedten, selbst im eigentlichen Hellas, zum Beispiel in Korinth. Die Organisierung vollzog sich durchaus in der Weise, dass den Juden ihre Nationalitaet mit den von ihnen selbst daraus gezogenen weitreichenden Konsequenzen gewahrt, nur der Gebrauch der griechischen Sprache von ihnen gefordert ward. So wurden bei dieser damals von oben herab dem Orient aufgeschmeichelten oder aufgezwungenen Graezisierung die Juden der Griechenstaedte griechisch redende Orientalen.
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^1 Ob die Rechtsstellung der Juden in Alexandreia mit Recht von Josephus (c. Ap. 2, 4) auf Alexander zurueckgefuehrt wird, ist insofern zweifelhaft, als, soweit wir wissen, nicht er, sondern der erste Ptolemaeer massenweise Juden dort ansiedelte (Ios. ant. Iud. 12, 1; App. Syr. 50). Die merkwuerdige Gleichartigkeit, mit der die Judenschaften in den verschiedenen Diadochenstaaten sich gestaltet haben, muss, wenn sie nicht auf Alexanders Anordnungen beruht, auf das Rivalisieren und Imitieren bei der Staedtegruendung zurueckgefuehrt werden. Dass Palaestina bald aegyptisch, bald syrisch war, hat bei diesen Ansiedlungen ohne Zweifel wesentlich mitgewirkt.
^2 Der Judengemeinde in Smyrna gedenkt eine kuerzlich daselbst gefundene Inschrift (Reinach, Revue des Etudes Juives, 1883, S. 161): Roypheina Ioydaia archisynag/o/gos kateske?asen to ensorion tois apeletherois kai thremmasin m/e/denos alloy echoysian echontos thapsai tina. ei de tis tolm/e/sei, d/o/sei t/o/ ier/o/tat/o/ tamei/o/ d/e/narioys aph, kai t/o/ ethnei t/o/n Ioydai/o/n d/e/narioys a. Ta?t/e/s t/e/s epigraph/e/s to antigraphon apokeitai eis to archeion. Einfache Kollegien werden in Strafandrohungen dieser Art nicht leicht mit dem Staat oder der Gemeinde auf eine Linie gestellt. | | |
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