| | 3. Der innere musikalische Bau der Oper -> | ...aus folgt, daß
die Handlung der Oper nur eine unmittelbare Handlung,
d.h. nicht eine von langer Hand der angelegte
und kombinierte. Sondern nur eine aus augenblicklichem
Impulse erfolgende sein kann.
Wenden wir nun das Gesagte auf die Oper Don
Juan an, so werden wir Veranlassung bekommen,
diese in ihrem wahren, klassischen Werte zu erkennen.
In Don Juan, als dem Helden der Oper, konzentriert
sich das Hauptinteresse; aber nicht dies allein,
vielmehr ist er es, welcher für alle andern Personen
erst das Interesse weckt. Dies darf man indes nicht in
äußerlichem Sinne verstehen; sondern das...
...,
vielmehr ist er es, welcher für alle andern Personen
erst das Interesse weckt. Dies darf man indes nicht in
äußerlichem Sinne verstehen; sondern das Geheimnis
dieser Oper ist eben, daß der Held zugleich die Kraft
der andern Personen ist, Don Juans Leben ihr Lebensprinzip.
Seine Leidenschaft setzt die der übrigen in
Bewegung; seine Leidenschaft klingt überall durch.
Sie ist's, von welcher der Mark und Bein durchdringende
Ernst des Kommodore getragen wird, sowie der
Zorn der Elv...
...elcher der Mark und Bein durchdringende
Ernst des Kommodore getragen wird, sowie der
Zorn der Elvira, der bittere Haß der Anna, die dem
Ottavio zukommende Bedeutung, die Angst der Zerline,
der Ärger Mazettos, endlich Leporellos Verwirrung.
Don Juan kann füglich der Nenner des Stückes
heißen; als der Held gibt er diesem seinen Namen; er
ist so zu sagen der General-Nenner. Jede andre Existenz
ist im Verhältnis zu der seinigen nur eine abgeleitete.
Fordert man nun von einer Oper, daß...
...
ist im Verhältnis zu der seinigen nur eine abgeleitete.
Fordert man nun von einer Oper, daß ihre Einheit
sich in einem Grundton kundgebe, so wird man
leicht einsehen, daß eine vollkommenere Aufgabe sich
für eine Oper kaum denken läßt, als Don Juan. Man
vergleiche u. a. eine Oper, wie »die weiße Dame«; die
Einheit derselben ist nur eine nähere Bestimmung des
Lyrischen. In Don Juan ist der Grundton kein andrer,
als die Lebenskraft der Oper selbst, nämlich Don
Juan; er aber ist – gerade weil er nicht einen Charakter
zur Erscheinung bringt, sondern hauptsächlich
Leben – absolut musikalisch. Die übrigen Personen
der Oper sind auch keine Charaktere, sondern wesentlich
Leidenschaften, durch Don Juan entzündet und
insofern wieder musikalisch. Sowie nämlich Don Juan
alle umschlingt, so schlingen und ranken sich diese
wieder um Don Juan. Diese absolute Zentralität, welche
das musikalische Leben Don Juans in der Oper
darstellt, macht es, daß diese eine Macht der Illusion
ausübt, wie keine andre, daß das in ihr pulsierende
Leben jeden mit fortreißt und mitten in das Leben des
Dramas hineinversetzt. Wegen der Allgegenwart des
Musikalisc...
...usikalischen und Melodischen in dieser Oper kann
man ein einzelnes Stück derselben genießen, und man
wird augenblicklich hingenommen. Man trete mitten
in die Aufführung ein, und sofort befindet man sich in
dem Zentralen, weil dieses, nämlich Don Juans eigenstes
Leben, eben überall ist. Es ist eine alte Erfahrung,
daß es nicht angenehm ist, zwei Sinne auf einmal
anzustrengen; man fühlt daher, wenn man Musik
hören soll, die Neigung, die Augen zu schließen.
Mehr oder weniger gilt die...
... eben überall ist. Es ist eine alte Erfahrung,
daß es nicht angenehm ist, zwei Sinne auf einmal
anzustrengen; man fühlt daher, wenn man Musik
hören soll, die Neigung, die Augen zu schließen.
Mehr oder weniger gilt dies von aller Musik, vom
Don Juan sensu eminentiori. Sobald das Auge in Anspruch
genommen ist, wird der Eindruck gestört: denn
die ihm sich darbietende dramatische Einheit ist
durchaus mangelhaft und untergeordnet in Vergleich
mit der musikalischen Einheit, welche vom G...
...t von der Handlung in der Oper.
Was man in strengerem Sinne so nennt, die mit Bewußtsein
eines Zweckes ausgeführte Handlung, kann
in der Musik ihren Ausdruck nicht finden, wohl aber,
was man unmittelbare Handlung nennen darf. Beides
ist im Don Juan der Fall. Daß die Handlung hier
durchweg eine unmittelbare ist, ergibt sich aus dem,
was von ihm als Verführer gesagt ist. Daher ist es
auch völlig in der Ordnung, daß in dieser Oper die
Ironie so vorherrschend ist: denn die Ironie ist ...
...st es
auch völlig in der Ordnung, daß in dieser Oper die
Ironie so vorherrschend ist: denn die Ironie ist und
bleibt der Zuchtmeister des unmittelbaren, gedankenlosen
Lebens. So ist die Erscheinung des Kommodore
eine ungeheure Ironie: denn Don Juan kann zwar
jedes Hindernis besiegen, aber ein Totengespenst läßt
sich bekanntlich nicht totschlagen. Zum Beweise, daß
die Situation durchweg von der Stimmung beherrscht
ist, darf ich an die Bedeutung erinnern, die Don Juan
durchgehend für das Ganze hat, und an die nur relative
Existenz der übrigen Personen im Verhältnis zu
ihm. An einer einzelnen Situation will ich nachweisen,
was ich meine. Ich wähle Elviras erste Arie. Das
Orchester stimmt das Vorspie...
...ß der Monolog zunächst das Universelle
in individueller Form gibt, die Arie aber das
Individuelle in universeller Fassung. Dies würde, wie
gesagt, für eine Situation zu wenig sein. Daher
bleibt's auch nicht dabei. Im Hintergrunde sieht man
Don Juan und Leporello, voll gespannter Erwartung,
das die Dame, welche sie schon durchs Fenster bemerkt
hatten, ihnen vor Augen trete. Wäre es nun ein
wirkliches Drama, was wir vor uns haben, so würde
die Situation nicht darin liegen, daß Elvir...
... gespannter Erwartung,
das die Dame, welche sie schon durchs Fenster bemerkt
hatten, ihnen vor Augen trete. Wäre es nun ein
wirkliches Drama, was wir vor uns haben, so würde
die Situation nicht darin liegen, daß Elvira auf der
Bühne steht. Don Juan im Hintergrunde, vielmehr in
dem unerwarteten Zusammentreffen. Und das Interesse
beruhte dann auf der Art und Weise, wie Don
Juan sich heraushelfen würde. Auch in der Oper erhält
das Zusammentreffen seine Bedeutung, aber eine sehr
untergeordnete. Die Begegnung will gesehen, die Situation
aber gehört werden. Die Einheit der letzteren
ist nun die Harmonie, in welc...
...aushelfen würde. Auch in der Oper erhält
das Zusammentreffen seine Bedeutung, aber eine sehr
untergeordnete. Die Begegnung will gesehen, die Situation
aber gehört werden. Die Einheit der letzteren
ist nun die Harmonie, in welcher Elviras und Don
Juans Stimmen ineinander tönen. Es ist daher auch
ganz richtig, daß Don Juan sich so weit wie möglich
zurückhält; denn er soll womöglich gar nicht gesehen
werden, so wenig vom Publikum als von Elvira. Die
Arie der letzteren setzt sich fort. Ihre Leidenschaft
weiß ich nur als Liebeshaß zu charakterisieren, eine
...
...hnen, daß ihre Leidenschaft sich
noch nicht erschöpft hat: das Zwerchfell ihres Zornes
muß noch stärker erschüttert werden. Wodurch aber,
durch welches Incitament kann diese neue Erschütterung
bewirkt werden? Hierzu kann mir eines dienen –
Don Juans Spott. Mozart hat daher – möchte ich ein
Grieche sein! denn alsdann würde ich sagen: ganz
göttlich – die Pause benutzt, um den Spott des Kavaliers
anzubringen. Jetzt lodert die Leidenschaft stärker
auf; noch gewaltiger bricht sie in ih...
...noch wiederholt sie
sich; dann erbebt ihr Inneres, dann ergießen sich ihr
Zorn, ihr Schmerz, einem Lavastrome gleich, in jener
bekannten, den Schluß der Arie bildenden, Kadenz
(Triller). Hier sieht man, was ich mit den Worten
sagen wollte: Don Juan wecke in der Elvira seinen
Widerhall, und daß dies etwas andres ist als bloße
Phrase. Der Besucher der Oper soll Don Juan nicht
zusammen mit Elvira sehen noch hören, in der Einheit
der Situation soll er ihn in der Elvira, aus der Elvira
hören. Wohl singt Don Juan, aber so, daß es dem seiner
entwickelten Ohre klingt, als komme es von Elvira selbst. Sowie die Liebe ihren Gegenstand schafft,
ebenso auch der bittere Groll. Sie ist von Don Juan
besessen. Jene Pause und Don Juans Stimme machen
die Situation dramatisch; aber durch die Leidenschaft
Elviras, in welcher die des Don Juan widerhallt, wird
die Situation erst musikalisch. Als solche beurteilt, ist
sie unvergleichlich. Wird hingegen Don Juan als Charakter
betrachtet, und Elvira ebenfalls, so muß die Situation
für verfehlt gelten; dann ist es unrichtig, Elvira
sich im Vordergrunde expektorieren und Don Juan
im Hintergrunde spotten zu lassen; denn alsdann wird
verlangt, daß ich sie zusammen hören soll, ohne daß
doch das Mittel hierzu vorhanden ist, da sie beide
Charaktere sind, die unmöglich einen solchen harmonischen
Einklang herstellen ... | | |
| | 2. Andre Bearbeitungen des Don Juan, in bezug auf die musikalische Auffassung beurteilt -> |
Das, worum sich die ganze Auffassung des Don
Juan dreht, ist dieser schon früher bezeichnete Punkt:
sobald er eine Replik erhält, ist alles verändert. Die
Reflexion nämlich, durch welche die Replik motiviert
wird, reflektiert ihn aus dem Dunkel heraus, in welchem
er nur musikalisch v...
...Punkt:
sobald er eine Replik erhält, ist alles verändert. Die
Reflexion nämlich, durch welche die Replik motiviert
wird, reflektiert ihn aus dem Dunkel heraus, in welchem
er nur musikalisch vernehmbar wird. Hiernach
könnte es scheinen, daß Don Juan sich vielleicht am
besten als Ballett auffassen lasse. Bekanntlich ist er
auch in der That so behandelt worden. Indes ist es anzuerkennen,
daß man hierbei seiner Kräfte eingedenk
gewesen, und diese Auffassung sich auf die letzte
Szene...
... Ballett auffassen lasse. Bekanntlich ist er
auch in der That so behandelt worden. Indes ist es anzuerkennen,
daß man hierbei seiner Kräfte eingedenk
gewesen, und diese Auffassung sich auf die letzte
Szene beschränkt hat, wo die Leidenschaft Don Juans
am ehesten in dem pantomimischen Muskelspiel
sichtbar werden muß. Das erwähnte Ballett stellt aber
hauptsächlich nur den vom Arme der ewigen Gerechtigkeit
ergriffenen Verführer dar, also die Qualen der
Verzweiflung, deren Ausdruck, s...
...
hauptsächlich nur den vom Arme der ewigen Gerechtigkeit
ergriffenen Verführer dar, also die Qualen der
Verzweiflung, deren Ausdruck, soweit dieser pantomimisch
sein soll, er mit manchen andern Verzweifelten
gemeinsam hat. Das Wesentliche an Don Juan
kann in einem Ballett nicht zur Darstellung kommen.
Fühlt doch jeder alsbald, wie lächerlich es ausfällt,
wenn Don Juan vor unsern Augen ein junges Mädchen
durch seine Pirouetten und sinnreichen Gestikulationen
bestrickt. Don Juan ist eine von innen herausgetriebene Natur, welche daher nicht in bloßen
Formen und Schwingungen des Körpers, oder in plastischer
Harmonie sich offenbaren kann.
Denkbar ist ja freilich eine Auffassung des Don
Juan, welche – auch wenn man ihm selbst keine Replik
in den Mund geben möchte – desungeachtet sich
des Wortes als Mediums bediente. Eine solche Auffassung
existiert denn in der That, nämlich in Byrons
Dichtung. Daß Byron in mehr als einer ...
...hm selbst keine Replik
in den Mund geben möchte – desungeachtet sich
des Wortes als Mediums bediente. Eine solche Auffassung
existiert denn in der That, nämlich in Byrons
Dichtung. Daß Byron in mehr als einer Hinsicht zur
Schilderung eines Don Juan ausgestattet war, ist
gewiß; und mißglückte dieses Unternehmen, so lag
die Schuld sicherlich nicht an Byron, sondern tiefer.
Byron hat es gewagt, Don Juan vor unsern Augen entstehen
zu lassen, das Leben seiner Kindheit und Jugend
uns zu erzählen, ihn aus dem Gewebe endlicher
Lebensverhältnisse zu konstruieren. Hierdurch wird
Don Juan zu einer reflektierten Persönlichkeit, welche
der Idealität, die in der traditionellen Vorstellung sie
umgibt, verlustig geht. Ich will mich hier sogleich
darüber erklären, was für eine Veränderung mit der
Idee vorgeht. wird Don Juan musikalisch aufgefaßt,
so höre ich die ganze Unendlichkeit der Leidenschaft
aus ihm hervortönen, aber zugleich ihre unbeschränkte
Macht, welcher nichts zu widerstehen vermag; ich
höre die wilde Begier des Verlangens, aber zugleich
des...
...e Bedeutung eines Reizmittels, durch welches
der Genuß noch erhöht wird, als eines wirklichen Widerstandes,
der den Sieg zweifelhaft machen könnte.
Ein solches elementarisch bewegtes Leben, dämonisch,
mächtig und unwiderstehlich, habe ich in Don
Juan. Dieses ist seine Idealität; und dieser kann ich
mich darum ungestört freuen, weil die Musik ihn mir
nicht als eine Person, ein einzelnes Individuum darstellt,
sondern als eine Macht. Wird er als Individuum
aufgefaßt, so steht er eo i...
...
dieser Umgebung; als überlegenes Individuum besiegt
er sie vielleicht; aber man empfindet bald, daß
Schwierigkeiten und Hindernisse hier eine andre
Rolle spielen. Sie sind es, mit denen das Interesse
sich wesentlich beschäftigt. Sonach wäre Don Juan in
die Reihe der interessanten Erscheinungen versetzt.
Wollte man ihn hier mit Hilfe schöner Worte als absolut
siegreich darstellen, so fühlt man sofort das Unbefriedigende,
sofern es einem Individuum als solchem
nicht zukommt, an und...
...nd
kann entweder ein äußerlicher sein, welcher weniger
in dem nächsten Gegenstande, als in der umgebenden
Welt begründet ist; oder er liegt in dem Gegenstande
selbst. Jener erstere Gesichtspunkt ist es,
welcher alle bisherigen Auffassungen Don Juans zumeist
beherrscht hat, weil man nämlich an dem Mo-
mente der Idee: als Erotiker müsse er an sich siegreich
sein, festgehalten hat. Hebt man hingegen die andre
Seite hervor, so öffnet sich uns da erst die Aussicht
auf eine bedeutungsv...
...: als Erotiker müsse er an sich siegreich
sein, festgehalten hat. Hebt man hingegen die andre
Seite hervor, so öffnet sich uns da erst die Aussicht
auf eine bedeutungsvolle Auffassung unsres Helden,
welche ein Gegenstück zu dem musikalischen Don
Juan bilden wird, während jede in der Mitte schwebende
Auffassung immer ihre Unvollkommenheiten
behält. In dem musikalischen Don Juan würde man
alsdann den extensiven Verführer haben, in dem andern
den intensiven. In letzterer Gestalt erscheint er
dann nicht als ein solcher, der mit einem Schlage, wie
im Sturme, sich in den Besitz seines Gegenstandes
setzt: er ist v...
... viele er verführt
hat, bleibt hier gleichgültig: uns nimmt seine
Kunst in Anspruch, die Gründlichkeit, die berechnende
Verschlagenheit, mit welcher er verfährt. Zuletzt
wird der Genuß ein so reflektierter, daß er von dem
des musikalischen Don Juan sich wesentlich unterscheidet.
Dieser genießt die Befriedigung seines Verlangens;
der reflektierende Don Juan freut sich seines
gelungenen Betruges, seiner Kriegslist. Der unmittelbare
Genuß ist dahin, und was er genießt, ist mehr die
Reflexion über den Genuß. Wenn bei Molière die Begierde
Don Juans dadurch erwacht, daß er eifersüchtig
wird auf das Liebesglück eines andern, so ist dieses
etwas, was in der Oper gar keine Stelle finden könnte.
Ebenso ist Byrons Don Juan schon darum verfehlt,
weil er sich episch ausbreitet, wodurch jene Idealität,
die der intensiven Gewalt der Leidenschaft beiwohnt,
verloren geht, und höchstens ein psychologisches Interesse
an den einzelnen Zügen eines durchgeführten
...
...h jene Idealität,
die der intensiven Gewalt der Leidenschaft beiwohnt,
verloren geht, und höchstens ein psychologisches Interesse
an den einzelnen Zügen eines durchgeführten
Kunststückes übrig bleibt. Wie tritt uns dagegen der
musikalische Don Juan vor Augen! Wo er als Verführer
auftritt, da ist's wie ein Handumdrehen, die Sache
eines Augenblicks, rascher gethan als berichtet. Ich
erinnere mich eines Gemäldes, das ich irgendwo gesehen
habe: Ein schmucker junger Mensch spielt mit
...
...über einen Graben springen;
er ist ihnen behilflich, indem er sie umfaßt, in die
Höhe hebt und sie auf die andere Seite hinübersetzt.
Ein artiges Bild! Ich freute mich ebensosehr über den
jungen Burschen, als über – die Backfische. Da fiel
Don Juan mir ein. Sie laufen ihm selbst in die Arme,
die hübschen Mädchen; ebenso rasch ergreift er sie,
und ebenso geschickt schwingt er sie hinüber auf die
andre Seite der Gruft des Lebens. | | |
| | 3. Der innere musikalische Bau der Oper -> | ...e sei, so ist die Antwort leicht und unzweifelhaft.
Es ist Leporellos zweite Arie, der Vortrag des »kurzen Registers«. Schon im vorhergehenden
ist hervorgehoben, welche absolute Bedeutung
die Musik habe, daß diese gerade dadurch, daß sie
uns Don Juan mit allen Variationen seiner Stimmung
hören läßt, eine Wirkung hervorrufe, wie das Wort
oder die Replik dazu nicht im stande ist. Hier ist es
wichtig, die Situation und das Musikalische derselben
zu betonen. Sehen wir uns auf dem Schaup...
.... Und doch erwähne ich hier seine
Person und führe ihn mit hinein in die Situation. Bei
näherer Erwägung wird man dies völlig in der Ordnung
finden und hier ein Beispiel sehen, wie genau
und nach dem Wortlaute es verstanden werden muß,
daß Don Juan in der Oper allgegenwärtig sei. Stärker
kann dies kaum bezeichnet werden, als so: selbst
wenn er fort ist, sei er dennoch zugegen. In welchem
Sinne, davon später. Wir fassen zuvor die drei auf der
Bühne befindlichen Personen ins Auge. E...
... Registers, auch zu einer peinlichen. Ist
doch überhaupt der mit Elviras Liebe getriebene Spott
beinahe ein grausamer. So im zweiten Akte, wo sie in
dem entscheidenden Augenblicke, als Ottavio endlich
Mut gefaßt und den Degen gezogen, um ihn Don Juan
in die Brust zu stoßen, sich dazwischen stürzt und
nun entdeckt, daß es nicht Don Juan sei, sondern Leporello!
Ein Unterschied, den Mozart durch einen gewissen
ächzenden Klageton angedeutet hat. Und was
kann schmerzlicher für sie sein, als anzuhören, daß in
Spanien 1003 auf die Liste der Opfer gesetzt sind? Ja,
im deuts...
...n seines Herrn; und was man nicht leugnen
kann, es ist ganz in der Ordnung, daß Leporello die
Rolle des Vortragenden, Elvira die der Zuhörerin hat.
Beide sind ja in hohem Grade dabei interessiert.
Sowie man daher in der ersten Arie beständig Don
Juan hört, so hier an einzelnen Stellen Elvira, welche
sichtbar auf der Bühne zugegen ist, als ein Zeuge instar
omnium, nicht wegen eines persönlichen Vorzuges,
sondern weit die Methode wesentlich dieselbe
bleibt und so eine für alle gelte...
...ne für alle gelten darf. Wäre Leporello
als dramatischer Charakter und als reflektierende Persönlichkeit
anzusehen, so ließe sich schwerlich ein
solcher Monolog denken; aber darum eben, weil er
eine musikalische Figur ist, welche gänzlich in Don
Juan aufgeht, daher kommt dieser Arie eine so große
Bedeutung zu. Sie gibt eine Reproduktion des ganzen
Lebens Don Juans. Leporello ist der epische Erzähler,
welcher sich in gewissen Akkorden gleich anfangs ankündigt.
Ein solcher darf zwar nicht kalt oder gleichgültig
sein gegen den Inhalt seiner Erzählung; jedoch
muß er eine objektive Haltung ihm gegenü...
...gleichgültig
sein gegen den Inhalt seiner Erzählung; jedoch
muß er eine objektive Haltung ihm gegenüber bewahren.
Dies ist bei Leporello nicht der Fall. Er wird von
dem Leben, das er schildert, ganz hingerissen; er vergißt
sich selbst über Don Juan. Wiederum ein erläuterndes
Beispiel zu dem Satze, daß Don Juan überall
durchtönt. Die Situation beruht also nicht sowohl auf
Leporellos und Elviras Unterhaltung über Don Juan,
als vielmehr auf der Stimmung, die das Ganze trägt,
auf Don Juans unsichtbarer, geistiger Gegenwart. Die Übergänge in dieser Arie näher zu entwickeln, wie sie
ruhig und weniger bewegt anhebt, aber je mehr und
mehr Don Juans Leben und Treiben in ihr wiedertönt,
wie Leporello immer völliger davon hingenommen
wird und sich von diesen erotischen Schwingungen
gleichsam wiegen läßt, wie dieselben in verschiedener
Weise nüanciert werden, in dem Maße wie die Diff...
...
wie Leporello immer völliger davon hingenommen
wird und sich von diesen erotischen Schwingungen
gleichsam wiegen läßt, wie dieselben in verschiedener
Weise nüanciert werden, in dem Maße wie die Differenzen
weiblicher Art und Weise, die für Don Juan
zugänglich waren, in der Arie zu Gehör kommen –
dafür fehlt hier der Raum.
Fragt man, wo das lyrische Moment in der Oper am
stärksten hervortrete, so kann hier, wo alles sich dem
einen Don Juan unterordnet, seine Nebenperson dermaßen
in den Vordergrund treten, daß sie unsre ganze
Aufmerksamkeit hinnimmt. Dies hat auch Mozart
wohl beachtet. Es kann bei jener Frage entweder nur
der erste Teil des großen Finale, also die Tafelsze...
...Arie. Was die erstere betrifft, so läßt sie sich wohl bis
zu einem gewissen Grade als lyrisches Moment betrachten;
und die berauschende Herzstärkung der
Mahlzeit, der schäumende Wein, die fernen Festklänge
der Musik, alles vereinigt sich, um Don Juans
Stimmung zu potenzieren, sowie denn seine eigne
festliche Haltung ein gesteigertes Licht über die ganze
Genußszene verbreitet. Und dies wirkt dergestalt, daß
selbst Leporello in diesem Augenblicke über sich hinaus
gehoben wird, einem...
...ies doch mehr eine Situation,
als ein bloß lyrisches Moment. Das beruht
natürlich nicht darauf, daß auf der Bühne gegessen
und getrunken wird: denn dadurch wird noch bei weitem
keine Situation zuwegegebracht. Die Situation
liegt darin, daß Don Juan hinausgedrängt ist bis auf
die äußerste Klippe des Lebens. Verfolgt von der ganzen
Welt, hat jener siegreiche Don Juan jetzt keinen
Aufenthalt außer einem abseits gelegenen Zimmerchen.
Diese äußerste Spitze auf dem Schaukelbrette
des Lebens einnehmend, aller lustigen Gesellschaft
entbehrend, entflammt er noch einmal alle Lebenslust
in seiner Brust. Wä...
...n jetzt keinen
Aufenthalt außer einem abseits gelegenen Zimmerchen.
Diese äußerste Spitze auf dem Schaukelbrette
des Lebens einnehmend, aller lustigen Gesellschaft
entbehrend, entflammt er noch einmal alle Lebenslust
in seiner Brust. Wäre »Don Juan« ein Drama, so
würde die innere Unruhe der Situation erfordern, daß
sie so kurz wie möglich ausfiele. Für die Oper dagegen
ist es in der Ordnung, daß die Situation festgehalten,
in möglichster Üppigkeit verherrlicht wird. Diese
rausch...
...ich ausfiele. Für die Oper dagegen
ist es in der Ordnung, daß die Situation festgehalten,
in möglichster Üppigkeit verherrlicht wird. Diese
rauscht desto wilder an uns vorüber, weil sie unserm
Ohre widerhallt aus dem Abgrunde, über welchem
Don Juan schwebt.
Anders verhält es sich mit der Champagner-Arie.
Eine dramatische Situation wird man, wie ich glaube,
hier vergeblich suchen; desto mehr Bedeutung hat sie
aber als lyrische Herzensergießung. Don Juan ist der
vielen sich kreuzenden Intriguen müde. Indes ist er
selbst keineswegs ermattet; seine Seele ist noch so lebenskräftig
wie je; ihn verlangt nach muntrer Gesellschaft,
nicht um hier das Geschäume des Weins zu
sehen und zu hören,...
...ist gewissermaßen zu stark, um sie jetzt bethören
zu wollen; selbst die wechselvollsten Genüsse
der Wirklichkeit dünken ihm zu gering, verglichen
nämlich mit dem, was er in sich selbst genießt. Hier
offenbart es sich recht, was es heißt, daß Don Juans
Wesen Musik ist. Er löst sich für uns gleichsam in
Musik auf; er entfaltet sich von innen heraus zu einer
Welt von Tönen. Die Bezeichnung, die man dieser
Arie gegeben hat: »Champagner-Arie«, ist unleugbar
sehr treffend. Was aber vor ...
...r uns gleichsam in
Musik auf; er entfaltet sich von innen heraus zu einer
Welt von Tönen. Die Bezeichnung, die man dieser
Arie gegeben hat: »Champagner-Arie«, ist unleugbar
sehr treffend. Was aber vor anderm beachtenswert ist:
sie steht zu Don Juan nicht in einem zufälligen Verhältnis.
Geradeso ist sein Leben, brausend und schäumend,
wie Champagner im Kelche. Und sowie in diesem
Weine, während er in innerer Glut siedet, die Perlen,
tonreich in ihrer eignen Melodie, emporsteigen
... | | |
| | 1. Sinnliche Genialität, als die verführerische -> | So wie die Sinnlichkeit in Don Juan aufgefaßt ist,
nämlich als Prinzip, ist sie vorher niemals in der Welt
aufgefaßt worden. Das Erotische wird daher hier auch
durch ein andres Prädikat näher bestimmt. Die Erotik
ist Verführung. Auffallend genug geht die Idee eines
Verf...
...nnen ein Mädchen lieb; sie setzten Himmel
und Erde in Bewegung, um in den Besitz desselben
zu kommen. Gelang es ihnen, so waren sie vielleicht
des Besitzes schon müde und suchten eine neue
Liebe. Was Unstetigkeit betrifft, so mochten sie mit Don Juan eine gewisse Ähnlichkeit haben; und um
nur einen zu nennen, so konnte Herkules gewiß ein
stattliches Register zuwege bringen, wenn man bedenkt,
daß er sich zuweilen mit ganzen Familien einließ,
die gegen 50 Töchter zählten, und so, als ...
...hter zählten, und so, als Familien-
Schwiegersohn, sie alle umarmte, nach dem Berichte
einiger, in einer einzigen Nacht. Natürlich ein
Mythus, in welchem sich aber das Griechentum abspiegelt.
Indes bleibt Herkules wesentlich verschieden
von Don Juan: er ist kein Verführer. Denkt man sich
nämlich die griechische Liebe, so ist diese, ihrem Begriffe
zufolge, wesentlich getreu, eben weil sie psychisch
ist. Daß einer mehrere liebt, ist bei ihm das
Zufällige; während er die eine liebt, d...
...nkt man sich
nämlich die griechische Liebe, so ist diese, ihrem Begriffe
zufolge, wesentlich getreu, eben weil sie psychisch
ist. Daß einer mehrere liebt, ist bei ihm das
Zufällige; während er die eine liebt, denkt er nicht an
die nächste. Don Juan dagegen ist von Grund aus ein
Verführer. Seine Liebe ist sinnlich; und solche Liebe
ist, ihrem Begriffe nach, nicht getreu, sondern absolut
treulos; und unter der Summe der Momente im Mo-
mente lebend, liebt sie nicht die eine, sondern a...
...
ihren Wunsch erfüllt sehen, wieder geliebt sein
werde, von welcher Sorge die sinnliche Liebe nichts
weiß. Selbst ein Jupiter ist seines Sieges keineswegs
sicher; und wie kann es anders sein? kann er's doch
selbst nicht anders wünschen. Mit Don Juan steht es
anders: er macht kurzen Prozeß und ist immer als der
absolut Siegreiche zu denken. Dies könnte als ein
Vorzug erscheinen, ist aber eigentlich Armut. Der
Reichtum der psychischen Liebe zeigt sich darin, daß
sie stets als eine ...
...nken. Dies könnte als ein
Vorzug erscheinen, ist aber eigentlich Armut. Der
Reichtum der psychischen Liebe zeigt sich darin, daß
sie stets als eine neue und andre auftritt, auch im Verhältnis
zu jedem einzelnen Gegenstande ihrer Liebe.
Bei Don Juan ist von einer solchen Fülle des Inhalts
nicht die Rede. Hierzu hat er keine Zeit; für ihn ist
alles nur Sache des Momentes. Sie sehen und lieben,
war eins. Während man dies auch von der psychischen
Liebe oft in gewissem Sinne sagen kann...
...Zeit; für ihn ist
alles nur Sache des Momentes. Sie sehen und lieben,
war eins. Während man dies auch von der psychischen
Liebe oft in gewissem Sinne sagen kann, jedoch
bloß als Andeutung eines Anfanges, so gilt es in ganz
andrer Weise von Don Juan. Das Sehen und Lieben,
was bei ihm eins ist, fällt in einen Moment, und in
demselben Moment ist auch alles vorüber, was sich
dann ins Unendliche wiederholt. Hat man nun, um
eine derartige Liebe zu beschreiben, kein andres Medium außer d...
... alles vorüber, was sich
dann ins Unendliche wiederholt. Hat man nun, um
eine derartige Liebe zu beschreiben, kein andres Medium außer der Sprache, so befindet man sich in Verlegenheit:
denn sobald man die Naivität aufgegeben
hat, welche bei Don Juan jene, schon ästhetisch unbefriedigenden,
lächerlichen Zahlgrößen treuherzig gelten,
also auch die 1003 bei Spanien ruhig stehen läßt,
so wird man notwendig seine Ansprüche an Don
Juans Liebe steigern und einiges psychische Individualisieren
ihr mitgeben. Die Seelenliebe bewegt sich
gerade in der reichen Mannigfaltigkeit des individuellen
Lebens, dessen Nuancen das eigentlich Bedeutungsvolle
ausmachen. Die sinnliche...
...in abstraktes, sondern als ein konkretes,
in voller Unmittelbarkeit.
Was ich hiermit meine, will ich an einem Beispiel,
nämlich an jener zweiten Dienersarie erläutern: dem
Register der Verführten. Diese Nummer läßt sich als
das eigentliche Don Juan-Epos betrachten. Man gebe
nur einmal selbst dem begabtesten, mit allem Erforderlichen
hierzu ausgestatteten Dichter die Aufgabe,
diesen Helden episch zu besingen. Was wird die
Folge sein? Er wird niemals fertig werden, wie das
die Art...
...tnismäßig
kurz ans; und dennoch hat es in unvergleichlicher
Weise die epische Eigenschaft, fortfahren zu können,
solange es sein soll, da man es ja beständig von vorne
anfangen lassen und es hören und wieder hören kann.
Man hört hier nicht Don Juan als ein einzelnes Individuum,
nicht seine Rede; sondern man hört nur seine
Stimme, die Stimme der Sinnlichkeit, und diese hört
man mitten unter den Sehnsuchtsseufzern der Weiblichkeit.
Nur auf diese Weise kann Don Juan episch
werden, daß er beständig fertig wird und beständig
von vorne anfangen kann: denn sein Leben ist die
Summe repellierender (einander stets abstoßender)
Momente, welche unter sich keinen Zusammenhang
haben. So schwebt Don Juan zwischen der Existenz
als Individuum und derjenigen als Naturkraft. Daher
ist es ganz in her Ordnung und von tiefer innerer Bedeutung,
daß in der eingehend geschilderten Verführung,
nämlich der Zerline, das Mädchen als gewöhnliches
Ba...
...daß er Mozart total mißverstanden und falsche Kategorien
angewandt hat. Absichtlich hat Mozart die
Zerline so unbedeutend wie möglich gehalten, worauf
auch Hotho aufmerksam macht, ohne doch den tieferen
Grund dafür wahrzunehmen. Wäre nämlich Don
Juans Liebe eine andre als bloß sinnliche, wäre er ein
Verführer mit etwas höheren Ansprüchen gewesen –
ein solcher wird später in Betracht kommen –, alsdann
würde es als ein Hauptfehler der Oper zu rügen
sein, daß die Heldin der hier verl...
...e es als ein Hauptfehler der Oper zu rügen
sein, daß die Heldin der hier verlaufenden Verführung
ein kleines Bauernmädchen ist. Dann wäre es vom ästhetischen
Standpunkte aus erforderlich gewesen, ihm
eine schwierigere Aufgabe zu stellen. Für Don Juan
gelten diese Unterschiebe nicht. Er selbst würde vielleicht
sagen: »Ihr irrt euch in mir; ich will ja kein
Ehemann sein, her einer Erkornen zu seinem Glücke
bedarf; was mich beglückt, finde ich bei jeher, und
daher nehme ich sie alle....
...her nehme ich sie alle.« So ist jenes oben citierte
Wort zu verstehen: »Ja, sechzigjährige Kokette,« oder
jenes andre Wort: »pour chè porti la gonella, voi sapete,
quel chè fà.« Zerline ist jung und hübsch, worin
hundert ihr gleich sind. Für Don Juan ist jede wie
alle, jedes Liebesabenteuer eine Alltagsgeschichte.
Gingen Don Juans Anforderungen höher hinaus, so
würde er aufhören, absolut musikalisch zu sein; so
verlangte schon die ästhetische Rücksicht einen geistigen
Austausch, Wort und Replik. Auch von einer
andern Seite läßt sich die innere Struktur des Stück...
...s, so
würde er aufhören, absolut musikalisch zu sein; so
verlangte schon die ästhetische Rücksicht einen geistigen
Austausch, Wort und Replik. Auch von einer
andern Seite läßt sich die innere Struktur des Stückes
beleuchten. Elvira ist dem Don Juan eine gefährliche
Feindin. Er fürchtet sie. Nun vermeint wohl der eine
und andre Ästhetiker, das komme daher, weil sie ein
ungewöhnliches Mädchen u.s.w. sei. Das ist aber
fehlgeschossen: sie ist ihm gefährlich, weil sie sich
hat verfüh...
...ie sich
hat verführen lassen. Durchaus in demselben Sinne
wird ihm Zerline gefährlich, wenn sie die Verführte
ist. Dadurch wird sie gewissermaßen in eine andre
Sphäre erhoben; jetzt regt sich in ihr ein (sittliches)
Bewußtsein, von welchem Don Juan nichts weiß. Aus
diesem Grunde ist Elvira ihm gefährlich. | | |
| | 3. Der innere musikalische Bau der Oper -> | ...uation
mag sich gern etwas in die Länge ziehen. Indessen
darf dies nicht ausarten in einen anhaltenden Stillstand.
Als Beispiel der wahren Mitte kann ich die
eben besprochene Situation hervorheben, nicht als
einziges oder vollkommenstes im Don Juan, sondern
weil es dem Leser gegenwärtig ist. Und doch, hier
komme ich zu einem mißlichen Punkte; denn ich gebe
zu, da sind – zwei Arien, welche fort müßten, welche,
so vollendet sie auch an und für sich sind, dennoch
störend, retardier...
...rufungszeichen
zu begleiten, sondern um bei jeder einzelnen
ihre Bedeutung, ihren Wert als musikalische
Situation zu zeigen, jedoch liegt das außerhalb der
Grenzen gegenwärtiger, kleiner Untersuchung. Hier
kam's vor allen Dingen darauf an, Don Juans Zentralität
für die ganze Oper hervorzuheben. Ähnliches
wiederholt sich hinsichtlich der einzelnen Situationen.
Jene erwähnte Zentralität Don Juans werde ich
etwas näher beleuchten, indem ich die übrigen Personen
des Stückes im Verhältnis zu ihm in Betracht
ziehe. Wie in einem Sonnensysteme die dunklen Körper,
welche ihr Licht von der Zentralsonne erhalten,
beständig nur zur Häl...
...nsysteme die dunklen Körper,
welche ihr Licht von der Zentralsonne erhalten,
beständig nur zur Hälfte hell sind, leuchtend auf der
zur Sonne hingewandten Seite, gerade so ist's mit den
Personen dieses Stückes: nur ihr Lebensmoment, die
dem Don Juan zugekehrte Seite ist erleuchtet; übrigens
sind sie dunkel und undurchsichtig. Man nehme
dies nicht in dem eingeschränkten Sinne, als stelle
jede dieser Personen die eine oder andre Leidenschaft
dar, als wäre z.B. Anna der pure Haß, Zerl...
... der
Persönlichkeit ist von dieser Leidenschaft verschlungen.
Das ist nun völlig in der Ordnung, weil wir es
eben mit einer Oper zu thun haben. Jene Dunkelheit,
jene teils sympathische, teils antipathische, geheimnisvolle
Kommunikation mit Don Juan macht sie
sämtlich musikalisch, und bewirkt, daß die ganze
Oper in Don Juan zusammenklingt. Die einzige Figur
im Stücke, welche eine Ausnahme zu machen scheint,
ist natürlich der Kommodore. Aber darum ist es auch
so weislich eingerichtet, daß er gewissermaßen außerhalb
des Stückes steht, oder es begrenzt. Je me...
..., desto mehr würde die Oper aufhören,
absolut musikalisch zu sein. Daher ist er beständig im
Hintergrunde gehalten und so nebelhaft wie möglich.
Der Kommodore ist der kraftvolle Vordersatz und der
schroffe Schlußsatz, zwischen welchen beiden Don
Juans Zwischensatz in der Mitte liegt; aber der reiche
Inhalt dieses Zwischensatzes ist der Gehalt der Oper.
Nur zweimal tritt der Kommodore auf. Das erste Mal
ist es Nacht. Die Sache geht im Hintergrunde der
Bühne vor sich; man kann ihn n...
...er reiche
Inhalt dieses Zwischensatzes ist der Gehalt der Oper.
Nur zweimal tritt der Kommodore auf. Das erste Mal
ist es Nacht. Die Sache geht im Hintergrunde der
Bühne vor sich; man kann ihn nicht sehen; man hört
ihn fallen von dem Degen Don Juans. Schon hier offenbart
sich sein Ernst, um so ergreifender bei dem
paradoxierenden Spotte Don Juans, was Mozart vortrefflich
in der Musik ausgedrückt hat. Schon hier ist
sein Ernst ein zu tiefer, als daß er einem Menschen
angehören konnte. Der Alte ist Geist, ehe er stirbt.
Das zweite Mal erscheint er als Geist; und die Donnerstimme
des Himmels erdröhnt in seiner ernsten,
feierlichen Stimme. Sowie er aber persönlich verklärt
ist, so ist seine Stimme umgewandelt: er redet nicht
mehr, er richtet.
Die nächst Don Juan wichtigste Person des Stückes
ist Leporello. Sein Verhältnis zum Herrn wird erst
durch die Musik wahrhaft verständlich; ohne dieses
bleibt es unverständlich. Ist Don Juan eine reflektierte
Persönlichkeit, so wird Leporello beinahe ein noch
größerer Schurke, als er ist; und man begreift nicht,
wie Don Juan über ihn so viele Gewalt ausüben kann.
Das einzige Motiv, das übrig bliebe, wäre, daß dieser
ihn besser als alle andern bezahlen konnte, ein Motiv,
von dem sogar Moliére keinen Gebrauch machen
wollte, welcher Don Juan in Geldnot geraten läßt. Erblicken wir dagegen in ihm beständig, was er wirklich
ist: unmittelbares Leben, dann begreift man leicht,
daß er einen entscheidenden Einfluß auf Leporello
üben kann, daß er denselben sich assimiliert, ja fast
...
..., dann begreift man leicht,
daß er einen entscheidenden Einfluß auf Leporello
üben kann, daß er denselben sich assimiliert, ja fast
zu seinem Organe macht. In gewissem Sinne ist Leporello
eher zu einem persönlichen Bewußtsein angelegt,
als Don Juan; um es aber so weit zu bringen,
müßte er sich über sein Verhältnis zu letzterem klar
werden; dies vermag er nicht, er vermag den Zauber
nicht zu lösen. Auch in Leporellos Verhältnis zu Don
Juan ist etwas Erotisches, eine Macht, mit welcher er
ihn sogar wider seinen Willen gefangen hält. Aber
unter aller dieser Zweideutigkeit bleibt er musikalisch,
und beständig hören wir Don Juan aus ihm widerklingen.
Hiervon später ein Beispiel, zum Beweise,
daß dieses mehr als eine Phrase ist. | | |
| | 2. Andre Bearbeitungen des Don Juan, in bezug auf die musikalische Auffassung beurteilt | Die Idee des Faust ist bekanntlich Gegenstand
einer Reihe verschiedener Auffassungen geworden,
was dagegen mit der des Don Juan keineswegs der
Fall war. Dies könnte auffallend scheinen, zumal letztere
Idee in der Entwickelung des individuellen Lebens
einen weit universelleren Abschnitt bildet, als
die zuerst genannte. Indessen läßt es sich eben daraus
erklären...
...ische Streben eine geistige
Reife voraussetzt, bei der jedenfalls eine mehr oder
minder eigentümliche Auffassung bei weitem näher
liegt. Hierzu kommt der Umstand, daß man schon früher
die Schwierigkeit empfunden haben mag, für die
Sage vom Don Juan (soweit eine solche überhaupt
existierte) das rechte Medium zu finden, bis Mozart
das Medium und zugleich die Idee entdeckte. Seitdem
hat die Idee erst ihre wahre Würdigung gefunden, und
wiederum in ungewöhnlichem Umfange, hier und
do...
...
ihr eignes Innere bewegte; sie wurden inne, wie ihre
ganze Stimmung dieser Musik zustrebte und in sie
aufzugehen verlangte, sowie das Flüßchen eilt, sich in
die Unendlichkeit des Meeres zu verlieren. Solche
Naturen fanden in dem Mozartschen Don Juan ebensoviel
Text, als Kommentar; und während sie sich auf
diesen Tonwellen wiegen und Schaukeln ließen, genossen
sie der Freude, sich selbst zu verlieren und gewannen
zugleich den inneren Reichtum, den alle echte
Bewunderung mit sich f...
... Stimmungen, steigerten
sich zu überschwenglicher Höhe, während man dieselben
in Mozart wiederfand. Gemeinere Naturen,
nichts Überschwenglisches ahnend, die darum, weit
sie einer Bauerndirne oder einer Kellnerin die Wange
kniffen, sich als Don Juans fühlten, sie verstanden natürlich
weder die Idee, noch Mozart; oder wenn sie
gar einen Don Juan zu dichten sich vermaßen, ward
eine lächerliche Karikatur, in welcher höchstens einige
sentimentale Fräulein einen wahren Don Juan, den
Inbegriff aller Liebenswürdigkeit, erblickten. In diesem
niedrigen Sinne hat der Faust noch niemals einen
Ausdruck gefunden, und kann ihn, wie vorher bemerkt,
niemals finden, darum nicht, weil die Idee eine
weit konkretere ist. E...
...wie vorher bemerkt,
niemals finden, darum nicht, weil die Idee eine
weit konkretere ist. Eine Auffassung des Faust kann
den Namen der vollkommenen verdienen; und dennoch
wird eine spätere Generation einen neuen Faust
hervorbringen, während Don Juan, wegen des abstrakten
Charakters der Idee, durch alle Zeiten hindurch
lebt; und nach Mozart einen Don Juan liefern,
heißt immerdar, eine Ilias post Homerum dichten, ja
in noch weit tieferem Sinne, als dieses von Homer
gilt.
Dessenungeachtet kann eine einzelne begabte
Natur sich auch darin versucht haben, Don Juan von
einer andern Seite aufzufassen. Daß dem also ist,
weiß jeder; aber vielleicht hat nicht jeder darauf geachtet,
daß der Typus für alle andern Auffassungen
wesentlich Mozarts Don Juan ist. Dieser Typus ist ja
eigentlich älter, als der Mozartsche, zugleich von komischer
Färbung, und verhält sich zu demselben, wie
etwa eines der Märchen des Musäus sich zu der
Tieckschen Bearbeitung verhält. Insofern könnte ich
mich b...
...
eigentlich älter, als der Mozartsche, zugleich von komischer
Färbung, und verhält sich zu demselben, wie
etwa eines der Märchen des Musäus sich zu der
Tieckschen Bearbeitung verhält. Insofern könnte ich
mich begnügen, nur den Molièreschen Don Juan zu
besprechen, und indem ich ästhetisch ihn zu würdigen
suche, indirekt zugleich den andern Auffassungen ihre
Stelle anzuweisen, jedoch will ich eine Ausnahme
machen mit dem Don Juan des dänischen Dichters J.
L. Heiberg (gest. 1860). Auf dem Titel erklärt er
selbst, daß die Dichtung »zum Teil nach Molière«
verfaßt sei. Dies ist zwar richtig; aber Heibergs
Drama hat doch einen großen Vorzug vor demjenigen
Molières....
... Blicke, mit dem Heiberg seine
Aufgabe jedesmal auffaßt, dem Geschmacke, mit dem
er zu distinguieren weiß; aber unmöglich ist es doch
nicht, daß in unserm Falle Heiberg indirekt Mozart
auf sich einwirken ließ, so daß er nämlich einsah, wie
Don Juan alsdann aufzufassen sei, wenn man nicht
die Musik als den eigentlichen und einzigen Ausdruck
für ihn gelten läßt, oder ihn unter ganz andre ästhetische
Kategorien stellen will. Auch sein begabter
Landsmann, J. C. Hauch (gest. 1872) hat ...
...alsdann aufzufassen sei, wenn man nicht
die Musik als den eigentlichen und einzigen Ausdruck
für ihn gelten läßt, oder ihn unter ganz andre ästhetische
Kategorien stellen will. Auch sein begabter
Landsmann, J. C. Hauch (gest. 1872) hat einen Don
Juan gedichtet, welcher in die Rubrik des Interessanten
zu stellen sein dürfte. Wenn ich also jetzt dazu
übergehe, die andersartigen Bearbeitungen unsres
Stoffes zu besprechen, so bedarf es kaum der Erinnerung,
daß es in gegenwärtiger klei... | | |
| | 2. Andre Bearbeitungen des Don Juan, in bezug auf die musikalische Auffassung beurteilt -> |
Bei Molière erscheint im letzten Akte der steinerne
Gast, um Don Juan zu holen. Zwar hat der Dichter
eine Warnung vorhergehen lassen; dennoch bleibt
dieser »Steinerne« immer ein dramatischer Stein des
Anstoßes. Ist Don Juan ideal aufgefaßt, als sinnliche
Kraft, als Leidenschaft, so muß der Himmel selbst
sich in Bewegung setzen und dieses uns möglichst
fühlbar werden. Ist das aber nicht der Fall, dann ist es
immer bedenklich, so starke Mittel zu gebrauchen....
...gung setzen und dieses uns möglichst
fühlbar werden. Ist das aber nicht der Fall, dann ist es
immer bedenklich, so starke Mittel zu gebrauchen.
Der Kommodore braucht sich alsdann wirklich nicht
zu inkommodieren: liegt es doch weit näher, daß Don
Juans Kreditor ihn in den Schuldturm stecken läßt.
Dies wäre ganz im Geiste der modernen Komödie,
welche nicht so großer Mächte bedarf, um den Übelthäter
zu stürzen, weil eben die das Leben bewegenden
Mächte nicht so grandiose sind. Es genü...
...reditor ihn in den Schuldturm stecken läßt.
Dies wäre ganz im Geiste der modernen Komödie,
welche nicht so großer Mächte bedarf, um den Übelthäter
zu stürzen, weil eben die das Leben bewegenden
Mächte nicht so grandiose sind. Es genügt, daß
Don Juan die trivialen Schranken der Wirklichkeit
kennen lerne. In der Oper ist es durchaus richtig, daß
der Kommodore erscheint; aber sein Auftreten hat alsdann
auch eine ideale Wahrheit. Die Musik macht
schon bei dem ersten Nicken seines Kopfe...
...rheit. Die Musik macht
schon bei dem ersten Nicken seines Kopfes, dem ersten
Aufthun seines Mundes, aus dem Kommodore
etwas andres und mehr als ein einzelnes Individuum:
seine Stimme dehnt und vertieft sich zu der Stimme
eines Geistes. Wie Don Juan also in der Oper mit ästhetischem
Ernste aufgefaßt ist, ebenso der Kommodore.
Bei Molière kommt er mit ethischer Gravität
und mit Gepolter, wodurch er fast lächerlich wird; in
der Oper kommt er geisterhaft leichten, schwebenden
Schrit...
...t ethischer Gravität
und mit Gepolter, wodurch er fast lächerlich wird; in
der Oper kommt er geisterhaft leichten, schwebenden
Schrittes, in übernatürlicher Wirklichkeit. Keine der
im Stücke auftretenden Mächte, keine Macht dieser
Welt hat Don Juan bezwingen können: nur ein Geist,
nur eine Erscheinung aus der andern Welt vermag es.
Versteht man dies richtig, so wird dadurch ein neues
Licht auf Don Juan geworfen. Ein erscheinender
Geist, ein revenant, ist eine Reproduktion. Dieses ist
das Geheimnis, welches in dem »Wiederkommen«
liegt. Don Juan kann alles, kann allein und jedem widerstehen,
außer der Reproduktion des Lebens,
darum, weil er nur unmittelbar-sinnliches Leben darstellt,
dessen Negation der Geist ist.
Wie Don Juan überhaupt eine Macht ist, so offenbart
sich diese auch in seinem Verhältnis zu Leporello.
Dieser fühlt sich zu ihm hingezogen, von ihm
überwältigt, geht gleichsam in ihm unter und wird ein
bloßes Organ für den Willen seines Herrn. Diese...
...tigt, geht gleichsam in ihm unter und wird ein
bloßes Organ für den Willen seines Herrn. Diese
dunkle, rätselhafte Sympathie ist es, welche Leporello
zu einer musikalischen Person macht; und man findet
es ganz in der Ordnung, daß er sich von Don Juan,
dessen Leben in mannigfacher Weise wörtlich sich in
ihm reflektiert, nicht losreißen kann. Sei Molière sieht
weder Leser noch Zuschauer einen vernünftigen
Grund, warum Sganarel unauflöslich an ihn gekettet
ist. Bei Molière ist Sganar...
...eise wörtlich sich in
ihm reflektiert, nicht losreißen kann. Sei Molière sieht
weder Leser noch Zuschauer einen vernünftigen
Grund, warum Sganarel unauflöslich an ihn gekettet
ist. Bei Molière ist Sganarel bald schlechter, bald
besser, als Don Juan; aber unbegreiflich bleibt es
hier, warum er ihn nicht verläßt, da er nicht einmal
seinen Lohn empfängt, und es kommt einem diese
Anhänglichkeit wie eine Art Schwachsinnigkeit vor.
Auch an diesem Beispiel sieht man wiederum, wie
das M...
...
hier, warum er ihn nicht verläßt, da er nicht einmal
seinen Lohn empfängt, und es kommt einem diese
Anhänglichkeit wie eine Art Schwachsinnigkeit vor.
Auch an diesem Beispiel sieht man wiederum, wie
das Musikalische mitreden muß, damit man Don Juan
in seiner wahren Idealität auffassen könne. Der Fehler
bei Molière liegt nicht darin, daß er ihn komisch aufgefaßt hat; sondern daß er hierbei nicht korrekt und
konsequent verfahren ist. Und wie armselig, nur als
ordinäre Theaterintrigu...
...ahren Idealität auffassen könne. Der Fehler
bei Molière liegt nicht darin, daß er ihn komisch aufgefaßt hat; sondern daß er hierbei nicht korrekt und
konsequent verfahren ist. Und wie armselig, nur als
ordinäre Theaterintriguen erscheinen hier Don Juans
Verführungskünste bei Elvira, Mathurina, Charlotte,
unter stets wiederholtem Eheversprechen! Man wird
immer wieder darauf zurückgeführt, daß er sich als
Verführer im großen Stil einmal nur darstellen läßt
mit Hilfe der Musik.
Man h...
... Mathurina, Charlotte,
unter stets wiederholtem Eheversprechen! Man wird
immer wieder darauf zurückgeführt, daß er sich als
Verführer im großen Stil einmal nur darstellen läßt
mit Hilfe der Musik.
Man hört öfter die Bemerkung, daß Molières Don
Juan moralischer sei, als der Mozartsche. Richtig verstanden,
ist dies nur eine Lobrede auf die Oper. In
dieser werden nicht bloß viele Worte davon gemacht,
daß Don Juan ein böser Verführer sei; sondern, wie
sich nicht leugnen läßt, kann die Musik im einzelnen
oft verführerisch genug wirken. So muß es aber sein;
und auch hierin zeigt sich ihre Macht. Darum zu behaupten,
daß die Oper unmoralisch sei, ist... | | |
| | 2. Donna Elvira | Diese Jungfrau lernen wir aus der Oper Don Juan
kennen; und für unsre spätere Untersuchung wird es
nicht ohne Bedeutung sein, wenn wir auf die Winke
achten, welche dies Stück hinsichtlich ihres früheren
Lebens enthält. Sie war eine Nonne; aus dem Frieden
des Klosters hat Don Juan sie herausgerissen. Hierdurch
wird die ungeheure Gewalt ihrer Leidenschaft
angedeutet. Sie war keine kleine Schwätzerin aus
einem Mädcheninstitut, welche in der Schule gelernt
zu lieben, auf Bällen zu kokettieren; läßt eine solche
sic...
...in der Zucht des Klosters auferzogen;
aber diese hat nicht vermocht, die Leidenschaft auszurotten,
wenn auch gelehrt, dieselbe niederzuhalten und
sie dadurch noch heftiger zu machen, sobald sie nur
Luft bekommt, um hervorzubrechen. Für einen Don
Juan ist sie eine sichere Beute; er wird verstehen, die
Leidenschaft hervorzulocken, wild, unzähmbar, unersättlich,
allein zu befriedigen in seiner Liebe. In ihm
hat sie alles, und das Vergangene ist nichts; verläßt er
sie, dann verliert s...
...igen in seiner Liebe. In ihm
hat sie alles, und das Vergangene ist nichts; verläßt er
sie, dann verliert sie alles, auch das Vergangene. Sie
hatte der Welt entsagt; da zeigte sich ihr eine Gestalt,
der sie nicht entsagen konnte, und dies war Don Juan.
Seit der Stunde sagt sie allem andern ab, um mit ihm
zu leben. Je bedeutungsvoller das ist, was sie aufgibt,
desto inniger muß sie sich ihm hingeben; je fester sie
ihn umschlungen hat, desto schrecklicher ihre Verzweiflung,
wenn er i...
...ihm hingeben; je fester sie
ihn umschlungen hat, desto schrecklicher ihre Verzweiflung,
wenn er ihr den Rücken kehrt. Ist doch
schon von Anfang an ihre Liebe Verzweiflung, nichts
hat für sie Bedeutung, weder im Himmel noch auf
Erden, außer Don Juan.
In der Oper interessiert Elvira uns nur, sofern ihr
Verhältnis zu Don Juan für ihn selbst Bedeutung hat.
Soll ich mit wenigen Worten diese ihre Bedeutung bezeichnen,
so möchte ich sagen: sie ist Don Juans episches
Geschick, sowie der Kommodore sein dramatisches.
In ihrem Innern glüht ein Haß, welcher Don
Juan in jedem Winkel aussuchen will eine lodernde
Fackel, welche das tiefste Dunkel erleuchten will; und
sollte sie ihn gar nicht entdecken, alsdann ist eine
Liebe in ihr, welche ihn finden wird. Sie nimmt mit
den andern an der Verfolgung Don Juans teil; aber
dächte ich mir, daß alle Bestrebungen seiner Verfolgung
einander neutralisiert hätten, und Elvira allein
mit Don Juan geblieben, und er in ihre Gewalt gegeben
wäre: der Haß würde sie waffnen, ihn zu morden,
aber ihre Liebe würde dem wehren, nicht aus Mitleid,
denn dazu ist er in ihren Augen zu groß. So müßte sie
ihn beständig am Leben erhalten: denn tö...
..., ihn zu morden,
aber ihre Liebe würde dem wehren, nicht aus Mitleid,
denn dazu ist er in ihren Augen zu groß. So müßte sie
ihn beständig am Leben erhalten: denn tötete sie ihn,
so würde sie sich selbst töten. Wären also in dem
Stück gegen Don Juan keine andern Kräfte in Bewegung, als Elvira, so würde es niemals enden, denn sie
würde, wenn es möglich wäre, den Blitzstrahl selbst
zurückhalten, daß er ihn nicht treffe, um sich zu rächen;
und doch wäre sie wieder nicht im stande, selbs...
...litzstrahl selbst
zurückhalten, daß er ihn nicht treffe, um sich zu rächen;
und doch wäre sie wieder nicht im stande, selbst
Rache nehmen. Auf diese Weise interessiert sie uns in
der Oper; aber wir kümmern uns hier nur um ihr Verhältnis
zu Don Juan. Es interessieren sich viele für
sie, aber in höchst verschiedener Weise. Don Juan interessiert
sich für sie, ehe das Stück anfängt, der Zuschauer
schenkt ihr sein dramatisches Interesse; wir
aber, wir Freunde des Leides folgen ihr nicht bloß auf
ihrem nächsten Weg, nicht bloß in dem Augenblick,
da sie über die Bühn...
...Zuschauer
schenkt ihr sein dramatisches Interesse; wir
aber, wir Freunde des Leides folgen ihr nicht bloß auf
ihrem nächsten Weg, nicht bloß in dem Augenblick,
da sie über die Bühne wandelt; nein, wir folgen ihr
auf ihren einsamen Wegen.
Don Juan hat Elvira also verführt und sie verlassen
mit der Hast, mit welcher »ein Tiger eine Lilie zertreten
kann.« Don Juan hat sie verlassen; da ist aber kein
Kreis von Menschen, dem sie ohnmächtig in die Arme
fallen kann. Sie braucht nicht zu fürchten, daß andre
sich allzu nahe um sie zusammenschließen werden.
Im Gegenteil, man wird schon wissen, ihr den A... | | |
| | 3. Der innere musikalische Bau der Oper -> | ...
Nur einen Punkt der Ouvertüre will ich hervorheben;
und um auf denselben aufmerksam zu machen, werde
ich mich eines Bildes bedienen, des einzigen Mittels,
um mit ihm mich in Verbindung zu setzen. Dieser
Punkt ist natürlich kein andrer, als Don Juans erstes
Auftauchen, die sich regende Ahnung desselben als
der Macht, mit weicher er später hindurchbricht. Die
Ouvertüre hebt an mit einigen tiefen, ernsten, einförmigen
Tönen; dann ertönt zuerst aus weiter Ferne ein
Wink, welcher jed...
... Feuersbrunst
ahnt, so ahnt unser Ohr in jenen hinsterbenden
Bogenstrichen das Ganze der Leidenschaft. In jenem
aufblitzenden Lichtpunkte regt sich etwas wie Angst;
es ist, als werde er unter dem tiefen Dunkel in Angst
geboren – ebenso ist Don Juans Leben. In seiner
Seele regt sich eine Angst, welche aber mit der Energie
seines Wesens eng zusammenhängt, ja eins mit ihr
ist. In der Ouvertüre läßt sich keineswegs, wie man
wohl gesagt hat, die Stimme der Verzweiflung hören.
Don Juans Leben ist fürwahr nicht Verzweiflung;
vielmehr ist es die ganze Nacht der Sinnenlust, welche
unter Ängsten geboren wird. Don Juans innerstes
Wesen ist diese Angst, welche sich gerade als die dämonische
Lebenslust äußert. Nachdem Mozart auf
diese Art Don Juan hat entstehen lassen, so entwickelt
er sein Leben vor uns in den tanzenden Violinklängen, in denen er leicht und flüchtig über dem Abgrunde
hin und her jagt. Wie wenn man einen Stein derart
schleudert, daß er die Oberfläche des Wassers sc...
...der Oper. Hier ist: die
Situation absolut musikalisch. Was macht denn aber
diese zu einer musikalischen Situation? Wenn Leporello
auch, wie wir oben gesehen, eine musikalische
Figur ist. So ist er's doch nicht, welcher die Situation
trägt. Don Juan, der drinnen ist, macht sie musikalisch.
Nicht auf Leporello, welcher hervortritt, ruht
die Pointe, sondern in Don Juan, welchen man gar
nicht sieht, wohl aber hört. Nämlich in Leporellos
Munde ertönt ein Echo Don Juans. Ich mache auf die
Übergänge aufmerksam ( vuol star dentro colla bella,
»auch ich will etc.«), worin Leporello offenbar Don
Juan reproduziert. Aber selbst hiervon abgesehen, ist
die Situation so angelegt, daß man unwillkürlich Don
Juan mit bekommt, daß man Leporello, welcher vor
unsern Augen steht, über Don Juan vergißt, welcherdrinnen ist. Überhaupt hat Mozart mit großer Genialität
Leporello so behandelt, daß er Don Juan reproduziert,
und hierdurch zweierlei erreicht: die musikalische
Wirkung, daß man überall, wo er allein ist, Don
Juan hört, und die parodische Wirkung, daß man,
wenn Don Juan mit dabei ist, hört, wie Leporello ihn
repetiert und hiermit unbewußt parodiert. Als Beispiel
führe ich kurz den Schluß des Balletts an. | | |
| | In Californien -> |
»Aber Mutter, siehst du denn nicht, daß dieser Don unserm guten Don Allano so ähnlich
sieht!« meinte die Jüngere, indem sie auf Marshall deutete.
»Mag er ihm ähnlich sehen, er ist es nicht!« antwortete die Andere, sichtlich erbost über die
Unterbrechung ihres ausgezeichneten Redeflusses. »Wer sind diese Männer, u...
... unsrige ist. Ich weiß oftmals
gar nicht, ob ich einen Kopf habe oder nicht, und wenn ich nun gar noch für fünf fremde
Gäste zu - -«
»Aber Sennora Eulalia, es sind ja gar keine Gäste!« fiel jetzt der Ranchero in die Rede.
»Keine Gäste? Was denn, Don Fernando de Venango e Colonna?«
»Gefangene, Sennora Eulalia.«
» Gefangene? Weshalb sind sie gefangen, Don Fernando de Venango de Molynares?«
»Sie haben uns eine Kuh und drei Vaqueros getötet, meine liebe Sennora Eulalia.«
Es war wirklich interessant, mit welcher Unverfrorenheit er unsere Untaten multiplizierte.
»Eine Kuh und drei Vaqueros!« rief sie,...
...unsere Untaten multiplizierte.
»Eine Kuh und drei Vaqueros!« rief sie, die rußfarbenen Hände zusammenschlagend, daß
unsere Pferde erschrocken die Ohren spitzten. »Das ist ja schrecklich - gräßlich himmelschreiend! Habt Ihr sie auf der Tat ertappt, Don Fernando e Colonna de Gajalpa?«
»Nicht bloß auf einer, sondern auf allen Taten, Sennora EuIalia. Und sie haben sie nicht nur
getötet, sondern auch gebraten und verzehrt.«
Die Augen der Donna wurden noch einmal so groß.
» Gebraten und verzehrt? Die Kuh oder die drei Vaqueros, Don Fernando de Gajalpa y
Rostredo?«
»Zuerst die Kuh, Sennora Eulalia.«
»Zuerst! Und dann, Don Fernando Rostredo y Venango?«
»Dann? Weiter nichts, denn wir haben sie gestört und von allem Weiteren abgehalten. Wir
haben sie arretiert und herbeigeschleppt, Sennora Eulalia.«
»Arretiert und herbeigeschleppt! O, alle Welt weiß, was für ein tapf...
... denn wir haben sie gestört und von allem Weiteren abgehalten. Wir
haben sie arretiert und herbeigeschleppt, Sennora Eulalia.«
»Arretiert und herbeigeschleppt! O, alle Welt weiß, was für ein tapferer Ritter Ihr seid! Wer
sind denn diese Menschen, Don Fernando de Molynares e Colonna?«
»Diese drei Weißen sind Missionare aus der Mormonenstadt, welche nach San Francisco
wollen, um Californien zu bekehren.«
»Hilfe, Hilfe! Missionare, welche Kühe stehlen und töten und Vaqueros fressen wollen!
Weit...
...nando de Molynares e Colonna?«
»Diese drei Weißen sind Missionare aus der Mormonenstadt, welche nach San Francisco
wollen, um Californien zu bekehren.«
»Hilfe, Hilfe! Missionare, welche Kühe stehlen und töten und Vaqueros fressen wollen!
Weiter, Don Fernando de Rostredo y Venango!«
»Dieser Schwarze, der grad wie ein Nigger aussieht, ist ein Advokat aus - aus - aus, wo die
Feuerländer wohnen. Er will in San Francisco eine Erbschaft erschleichen, Sennora Eulalia!«
»Erschleichen! O, da ist es k...
...gger aussieht, ist ein Advokat aus - aus - aus, wo die
Feuerländer wohnen. Er will in San Francisco eine Erbschaft erschleichen, Sennora Eulalia!«
»Erschleichen! O, da ist es kein Wunder, daß er auch Kühe und Vaqueros erschleicht! Und
der letzte, Don Fernando de Colonna y Gajalpa?«
»Der sieht aus grad wie eine Indiano bravo, ist aber ein Hottentott aus - aus - aus Grönland. Er
will die Missionare für Geld sehen lassen, Sennora Eulalia!«
»O! O! O! Was werdet Ihr mit diesen Leuten tun, Don Fernando de Molynares y Gajalpa e
Venango?«
»Ich werde sie aufhängen und erschießen lassen. Ruft alle meine Leute herbei, Sennora
Eulalia!«
»Alle Eure Leute? Sie sind ja alle da, außer der alten Negerin Betty, und auch die kommt dort
geschliche...
...ute herbei, Sennora
Eulalia!«
»Alle Eure Leute? Sie sind ja alle da, außer der alten Negerin Betty, und auch die kommt dort
geschlichen. Aber, da fällt mir eben ein, daß niemand fehlt, und doch haben diese Männer drei
von Euren Vaqueros getötet, Don Fernando e Rostredo de Colonna!«
»Das wird sich schon noch finden, Sennora Eulalia. Macht alle Tore und Türen zu, Sennores,
damit die Gefangenen nicht entfliehen können! Ich werde sofort ein strenges Gericht über sie
halten.«
Es war nur ein einz...
... und Türen zu, Sennores,
damit die Gefangenen nicht entfliehen können! Ich werde sofort ein strenges Gericht über sie
halten.«
Es war nur ein einziges Tor vorhanden; dieses wurde durch einen starken Riegel so fest
verschlossen, daß wir den guten Don mit allen seinen Sennores sicher hatten.
»So!« meinte der Ranchero. »Jetzt bringt mir einen Stuhl herbei; die Pferde, auch die der
Gefangenen, werden an die Balken gebunden, und dann können wir beginnen.«
Wir störten die Leute nicht im mindesten ...
...r Vollziehung dieser Befehle; durch die
Entfernung der Pferde erhielten wir den nötigen Raum, und natürlich hatten wir nicht die
mindeste Angst vor dem zu beginnenden Gerichtsverfahren.
Es wurden aber drei Stühle gebracht. Auf dem mittelsten nahm Don Fernando Platz, und ihm
zur Seite setzten sich Sennora Eulalia und Sennorita Alma in ihren vorhin beschriebenen
amtsrichterlichen Talaren nieder. Wir selbst hatten uns in eine Gruppe zusammengezogen und
wurden von den Vaqueros in das Zentrum geno... | | |
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