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| | Kierkegaard, SörenEntweder-Oder | Seite 10 von 12 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 | | Gehe ich nun von der Sprache aus, um zuletzt mir die Musik gleichsam herauszulauschen, so stellt die Sache sich ungefähr in diesem Lichte dar. Nehme ich an, daß Prosa die von der Musik entlegenste Sprachform sei, so bemerke ich doch schon im oratorischen Vortrage, in dem sonoren Periodenbau, dem Rhythmus und der Kadenz des Satzes, einen Anklang an das Musikalische, welcher im poetischen Vortrage stufenweise immer stärker hervortritt, in dem Bau des Verses, im Reim, bis endlich das Musikalische sich so mächtig entwickelt hat, daß die Sprache aufhört und alles Musik wird. Dies ist ja der Lieblingsausdruck der Dichter, wenn sie ausdrücken wollen, daß sie der Idee gleichsam Lebewohl sagen, welche ihnen ausgehe, daß alles sich in Musik auflöse (»Süße Liebe denkt in Tönen, denn Gedanken sind zu fern«). Hierin könnte nun anscheinend liegen, daß Musik ein noch vollkommeneres Medium sei, als die Sprache. Das ist indessen eins jener empfindsamen Mißverständnisse, wie sie nur in leeren Köpfen aufkommen können. Daß es ein Mißverständnis ist, soll späterhin nachgewiesen werden; hier begnüge ich mich, auf den merkwürdigen Umstand aufmerksam zu machen, daß, wenn ich mich in entgegengesetzter Richtung bewege, ich wiederum auf die Musik stoße, wenn ich nämlich von der begriffhaltigen Prosa abwärts gehe, bis ich bei Interjektionen anlange, welche wieder musikalisch lauten, sowie auch das erste Lallen des Kindes musikalisch ist. Was ergibt sich nun aber daraus, daß überall, wo die Sprache aufhört, das Musikalische nur begegnet? Dieses ist doch wohl der vollkommenste Ausdruck dafür, daß die Musik überall an die Sprache angrenzt. Hieraus wird man zugleich ersehen, wie es mit jenem Mißverständnis eigentlich bewandt ist, daß die Musik ein reicheres Medium sein solle, als die Sprache. Indem nämlich die Sprache aufhört, die Musik anhebt, indem man sagt, alles sei musikalisch, so Schreitet man nicht zu einer höheren Stufe fort: man geht zurück. Daher rührt es, – und hierin werden mir vielleicht auch Kundige recht geben – daß ich für die sublimere Musik, welche das Wortes nicht zu bedürfen meint, niemals rechte Sympathie gehabt habe. Solche Musik tritt in der Regel mit der Prätension auf, erhabener zu sein, als das Wort, obwohl sie unter ihm steht. Nun könnte man mir freilich einwenden: solle in der That die Sprache ein reicheres Medium sein, als die Musik, wie es alsdann zu begreifen sei, daß es mit so großen Schwierigkeiten verbunden ist, eine ästhetische Rechenschaft von allem Musikalischen abzulegen, zu begreifen, daß die Sprache sich hierbei stets als ein ärmeres Medium erweist, als die Musik? Dieses ist indes weder unbegreiflich, noch unerklärlich. Die Musik bringt nämlich beständig das Unmittelbare in seiner Unmittelbarkeit zum Ausdruck. Daher kommt es denn, daß die Musik im Verhältnis zur Sprache sowohl vorhergeht als nachfolgt, als Erstes und als Letztes sich zeigt; aber gerade daraus erhellt es auch, daß es ein Mißverständnis ist, zu sagen: die Musik sei ein vollkommeneres Medium. Der ausgebildeten Sprache liegt die Reflexion zu Grunde; deshalb vermag die Sprache nicht, das Unmittelbare auszusagen. Die Reflexion tötet das Unmittelbare; daher ist es unmöglich, das Musikalische in der Sprache auszusagen. Aber diese anscheinende Armut der Sprache ist gerade ihr Reichtum. Das Unmittelbare ist nämlich das Unbestimmbare; darum kann die Sprache es nicht in sich aufnehmen. Daß es aber das Unbestimmbare ist, hierin besteht nicht seine Vollkommenheit, vielmehr ein ihm anhaftender Mangel. Indirekterweise wird dies vielfach anerkannt. Wie häufig gebraucht man, auch wo von Dingen die Rede ist, die mit dem Musikalischen nichts zu thun haben, ein von der Musik entlehntes Wort, z.B. Ton (Tonart), Tempo, Takt, Harmonie u. a., und zwar, um etwas Unmittelbares, Unbestimmbares, ja Dunkles, mehr Geahntes als Bewußtes zu bezeichnen!
Ist also das Unmittelbare, geistig bestimmt und beschrieben, dasjenige, was eigentlich im Musikalischen zum Ausdruck kommt; so erhebt sich die weitere Frage, was für eine Art des Unmittelbaren es sei, welche wesentlich den Gegenstand der Musik bildet. Es gibt Unmittelbares, was seiner Natur nach in den Bereich des Geistes gehört. Solches kann dann freilich seinen Ausdruck auch im Musikalischen finden; allein die Musik bewegt sich hier im Grunde auf einem fremden Gebiete: sie bildet ein Vorstiel, welches bald wieder verstummt, woraus folgt, daß jenes nicht der absolute Gegenstand der Musik sein kann. Ist dagegen ein Unmittelbares derart, daß es an sich nicht innerhalb, sondern außerhalb des Geistes fällt, so findet hier die Musik ihren absoluten, ihr von Hause aus zugehörigen Gegenstand. Für jene erstere ist es etwas Unwesentliches, daß es musikalischen Ausdruck erhält, während es für dasselbe wesentlich ist, bewußter Geist zu werden und also in menschlicher Sprache dargestellt zu werden. Für das andre ist es im Gegenteil wesentlich, in Musik seinen Ausdruck zu erhalten; ja es kann allein in dieser, nicht in der Sprache ausgedrückt werden, außerhalb deren es sich bewegt. Dasjenige Unmittelbare, das somit vom Geiste ausgeschlossen wird, ist die sinnliche Unmittelbarkeit. Diese wird als solche erst erkannt und gewogen im Christentume. Sie hat in der Musik ihr absolutes Medium; und hieraus läßt sich auch erklären, daß in der alten Welt die Musik keine eigentliche und völlige Entwickelung erlebt hat, sondern daß diese der christlichen zu eigen gehört. Natürlich kann die Musik noch vieles andre ausdrücken; aber jenes unmittelbar Sinnliche ist ihr absoluter Gegenstand. Daß die Musik ein sinnlicheres Moment ist, als die Sprache, erkennt man schon daran, daß in jener auf den sinnlichen Laut und Schall ein viel größeres Gewicht gelegt wird, als in der Sprache. | | |
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